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Essaysammlung - Martin Walser: "Ewig aktuell - Aus gegebenem Anlass"

Bewertung:

"Ewig aktuell" ist eine Sammlung von Äußerungen, Aufsätzen und Reden Martin Walsers, die in mehr als einem halben Jahrhundert aus aktuellen Anlässen entstanden sind.

Gleich mal eine Warnung vorab. Wer so beneidenswert jung ist, dass ihm Namen wie Marcel Reich-Ranicki, Rudolf Augstein oder Heinrich Lübke kaum etwas sagen, wer noch nie etwas von der Gruppe 47 oder dem DDR-Spion Günter Guillaume gehört hat, der wird sich in Ewig aktuell nicht immer auf Anhieb zurechtfinden. Und er wird deshalb die zeitgeschichtliche Spannung womöglich nicht immer spüren - wodurch ein wesentlicher Leseanreiz an Stärke verliert.

In einer derart vermächtnishaft-dickleibigen Sammlung von Zeitungs-Artikeln, Zeitschriften-Artikeln und Rede-Manuskripten wird ja für Nachgeborene nichts noch einmal nacherklärt. Andererseits muss man als Leser auch nicht unbedingt dem Walser-Jahrgang 1927 zugehören, um sich auf der Höhe des Stoffes zu fühlen. Es gilt die simple Regel: Je mehr Vorkenntnis in bundesrepublikanischer Zeitgeschichte man hat, desto größer ist der Gewinn bei der Lektüre; je mehr eigene Ansichten jemand mitbringt, desto ergiebiger fällt sein Abgleich mit Walser Meinungen aus.

Seine viel kritisierte Rede zu Auschwitz

Und damit zur Sache. Die Texte sind chronologisch angeordnet, aber es gibt erkennbare thematische Verdichtungen und einige rote Fäden. Anfangs dominiert der Vietnam-Krieg der USA, für Walser ein "Völkermord". Seine dezidierte Kriegsfeindlichkeit hält sich durch bis in Gegenwarts-Konflikte. Walser lehnt die deutsche Kriegsbeteiligung in Afghanistan ab und empfiehlt Angela Merkel per offenem Brief, keine weiteren Truppen zu entsenden. Immer wieder kümmert Walser die deutsche Einheit.

Er hat sie auch dann noch im Auge behalten und im Herzen erhofft, als sie Politikern aller politischen Farben ziemlich schnurz geworden war. Und dann: Auschwitz, sein Synonym für den Holocaust. Ewig aktuell unterschlägt keineswegs Walsers Rede in der Paulskirche 1998, die ihm üble Kritik eingebracht hat, weil er kampfeslustig gegen die moralische Keulen-Funktion, sprich: die Instrumentalisierung von Auschwitz gewettert hat. Doch im Überblick wird unübersehbar, dass sich Walser zeitlebens geradezu physisch unter die Last des Massenmordes gebeugt hat. Er konstatiert in aller Härte: "Man ist Verbrecher, wenn die Gesellschaft, zu der man gehört, Verbrechen begeht." Dergleichen haben nur wenige Walser-Kritiker je bekannt.

Walser wettert politisch unberechenbar

Aber nun. Unberechenbar ist der rechts-links-mittig-konservativ-fortschrittlich-kritisch-affirmative Walser ohnehin. Mal wettert er gegen die CDU, mal gegen die SPD. Im Blick auf Regierungsmacht ist ihm mediale "Gegenmacht" wichtig - ein linker Begriff. Andererseits schimpft er konservativ-kulturpessimistisch über die notorische Fernseh-Verblödung. Er hält die öffentliche Meinung für die wichtigste Erfindung der Menschen neben der "Erschaffung Gottes", aber die Medien insgesamt für eine neue Religion mit fatalen Merkmalen.

Er, der schriftstellernde Selberdenker, verabscheut einen bestimmten, menschenfern-intellektuellen Habitus und Stromlinienförmigkeit alias political correctness schon mal sowieso. Er leidet unter Auschwitz, lehnt aber das Berliner Holocaust-Mahnmal komplett ab. In Bezug auf den Historikerstreit findet er in seinem Denken genügend Platz für die antagonistischen Positionen von Jürgen Habermas und Wolfgang Hillgruber. Fußball gibt ihm einiges, Klavierkonzerte geben ihm aber offenkundig noch mehr, gerade, wenn der von ihm hochgeschätzte bürgerliche Musikkritiker Joachim Kaiser die Zusammenhänge und die besten Einspielungen erklärt.

Real-Satire über die Gruppe 47

Erwartungsgemäß kommt auch die Literatur und deren Betrieb zur Sprache. Ewig aktuell beginnt mit einer Würdigung von Ernst Blochs Prinzip Hoffnung. Man lernt das oft brüske Kritik-Gebaren der Gruppe 47 in einer lustig-boshaften Real-Satire kennen. Walser feiert den Hitler-Biographen Joachim Fest genauso wie Ernst Jünger und widmet dem Tagebuch-Monomanen Victor Klemperer einen wahren Hymnus. Der Aufsatz "Kafkas Stil und Sterben" ist schließlich der essayistische Höhepunkt des Buches. Am Ende grenzt Ewig aktuell aus naturhaften Gründen unmittelbar an die Ewigkeit selbst: Es drängen sich die Nachrufe, die Walser auf verstorbene Weggefährten verfasst hat.

Heftige Polemik und drastischer Humor

Mit Walsers Stil verhält es sich wie mit der Lagerzugehörigkeit: Er wechselt. Walser versteht sich, man weiß es, auf heftige Polemik: "Joschka Fischer war der Virtuose der drauflosdreschenden, jeden Gegner lächerlich machenden Rechthabertonart." Walser kennt drastische Formen von Humor, etwa wenn er eine Sorte von Schauder erwähnt, "mit dem Erstkommunikantinnen von Vergewaltigung sprechen."  Er seziert die Sprache des SPIEGEL originell und treffend als "Mitteilungsbeeinträchtigungsjargon". Er formuliert Lebensweisheiten, die man sich merken möchte: "Wenn man einer Illusion zur rechten Zeit verfällt, verliert sie ihre Kraft nie mehr ganz." Und er wird zum Schwärmer, wenn er auf Nietzsches unerhörte "Dionysos-Dithyramben" kommt.

Denk ich an Deutschland in der Nacht...

Walser kennt die Register der publizistischen Orgel und zieht sie nach Bedarf. Restlos gefällig und glatt geschmirgelt liest sich das nie, dazu ist der Eigensinn dieses Autor zu groß. Sehr erfreulich: Sogar Blödeln ist ihm nicht zu blöd. Heinrich Heines berühmte, von Gedanken an Deutschland provozierte Schlaflosigkeit dichtet er für sich so zurecht: "Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann schlaf ich weiter bis halb acht."

Doch, doch! Wenn man ein paar Jahrzehnte Bundesrepublik intus hat, lässt man sie sich mit Martin Walser noch einmal gern durch den Kopf gegen. Mit ihm oder gegen ihn. Sein weißer Schädel ist kantig geblieben.

Arno Orzessek, kulturradio

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