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Sachbuch - Mathias Greffrath (Hg.): "Re: Das Kapital"

Bewertung:

Was war und ist noch dran am "Kapital" und was nicht? Lohnt es "Das Kapital" noch einmal gründlich zu lesen?   

Globalisierung, das heißt auch:  Hungerlöhne in Asien, Automation, Finanzcrash 2008, Klimakatastrophe, Armutsrevolten in Afrika, Wachstumsschwäche  in den alten kapitalistischen Ländern – die  sogenannte säkulare Stagnation. Die multiple Krise der Weltwirtschaft, sagt Greffrath, die wir durchleben, nimmt kein Ende. Warnungen über die explosiv wachsende Ungleichheit bei den Einkommen und Mutmaßungen über das Ende der Wirtschaftsweise des Kapitalismus werden schon längst nicht mehr nur von übriggebliebenen Sozialisten und Linken, sondern auch unter den Eliten der Weltwirtschaftsgipfel diskutiert. Alles Gründe genug, schreibt Greffrath, "Das Kapital" noch einmal gründlich zu lesen. Was, so Greffrath, war und ist also noch dran am "Kapital" und was nicht?

Marx

Vielleicht nicht seine Theorien, wohl aber Karl Marx‘ Ruf hat durch knapp 80 Jahre Realsozialismus in der Sowjetunion und Diktaturen von kommunistischen Parteien in sogenannten "führenden Rollen" gelitten. Inwieweit sind aber auch seine Theorien beschädigt durch Vereinnahmung?

Mathias Greffrath schreibt, Karl Marx hätte fast nichts über das Funktionieren einer sozialistischen Gesellschaft, in der die Produktionsmittel vergesellschaftet sind, geschrieben. Das Thema von Karl Marx war die Kritik des ökonomischen Systems  des Kapitalismus, sein Funktionieren, das Kapital als Wert in Bewegung stand im Mittelpunkt seines Interesses, die sprunghaften und zyklischen Bewegungen in den Wellen von Krise und Boom und die Gefährlichkeit dieser Prozesse, allerdings mit einem starken moralischen Impetus. Über die andere, sozialistische Gesellschaft hat Marx kaum etwas gesagt, außer dass er in ökonomischen Belangen in genossenschaftlichen Modellen des Wirtschaftens, wie es die Arbeiterbewegung versucht hat und wie es sie auch heute noch gibt, eine Zukunft des solidarischeren Wirtschaftens sah. Marx war vor allem politischer Ökonom des Kapitalismus, nicht Individualrechts-Philosoph.

Mehrwert

In diesem Buch finden wir nun u.a. Erläuterungen zu den Grundzügen der Mehrwerttheorie, ein Arbeiter verkauft seine Arbeitskraft an den Kapitalist, er arbeitet mehr als er zum Lebensunterhalt braucht und erzeugt so mehr Wert, und dieser Mehrwert als Wertschöpfung wird vom Kapitalist einbehalten und genutzt. Es wird Marxens Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate diskutiert, der Markt in den alten kapitalistischen Ländern ist gesättigt, die Wirtschaftsleistung wächst nur noch um ein, zwei Prozent, so dass das Kapital nach China musste, um noch Profit zu erzielen. Und dann wird abgeklopft das Gesetz von der ursprünglichen Akkumulation, die Agrarkapitalisten zu Beginn des Kapitalismus enteigneten Gemeineigentum, um Profit zu erzielen, und gehören nun, so Marx, ihrerseits enteignet.

Mitautoren

Mitautoren des Buches sind u.a. der eigentlich als Marxfresser bekannte bürgerliche Ökonom Hans Werner Sinn, er schreibt über die Rolle vom Marx als Philosoph der makro-ökonomischen Zusammenhänge, Wolfgang Streecks Aufsatz befasst sich mit der Gewalt in kapitalistisch-ökonomischen Strukturen, der Philosoph David Harvey hat über Entwertungsprozesse und kapitalistische Ökonomie gearbeitet und die Linken-Politikerin Sarah Wagenknecht über die Monopolisierung im letzten Stadium, Bayer kauft Monsanto, die Chinesen kaufen Volvo, und die Franzosen Opel, als eine kleine Auswahl.

Am Ende ein Stück klüger

Man kann die Lektüre dieses Buch hinten beginnen, man kann kreuz und quer lesen, aber das, was Mathias Greffrath über die Mehrwerttheorie, den Marxschen Urschleim sozusagen und die übrige Arbeitswert-Theorie schreibt, das sollte man schon zur Kenntnis nehmen, man muss übrigens keine Angst vor den ökonomischen Bezügen in diesem Buch haben, aber schon abstrahieren können. Dann macht es einen ein Stück weit klüger.

Salli Sallmann, kulturradio

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