Steffen Popp: 118 Gedichte; Montage: rbb
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Lyrik - Steffen Popp: "118 Gedichte"

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In der kommenden Woche beginnt die Leipziger Buchmesse. Auf der Liste der Buchpreis-Kandidaten steht auch der Autor Steffen Popp und seine soeben im Berliner Verlag Kookbooks erschienenen "118 Gedichte".

Bei Ingeborg Bachmann heißt ein Gedichtband "Die gestundete Zeit", bei Sarah Kirsch "Katzenleben", bei Thomas Brasch "Der schöne 27. September": Der Titel gibt häufig Takt und Ton der Gedichte vor.

Steffen Popp nennt seinen Band "118 Gedichte": Der Titel verweigert jede lyrische Gestimmtheit, beschreibt aber exakt die lyrische Haltung, die Popp in seinen Gedichten anstrebt. Denn es geht ihm mehr um die Form als um den Inhalt, mehr um die Wissenschaft als um die Sprache, mehr um das Benennen als um das Erkunden.

Das Cover verrät warum es exakt 118 Gedichte sein müssen: Denn eingebunden ist das Buch in ein Plakat, das man abnehmen und entfalten kann, darauf zu sehen ist etwas, was uns schon in der Schule so manches Kopfzerbrechen bereitet hat: nämlich das aus 118 Elementen bestehende Periodensystem, die Grundlage unserer materiellen Welt.

Aber es ist nicht das Periodensystem, das wir kennen, sondern ein eigenes, neu geschaffenes, und die 118 Buchstaben-Kürzel, die wir kennen, ersetzt er durch andere Buchstaben-Kürzel. An diesem Fantasie-Periodensystem arbeitet sich der Lyriker Steffen Popp ab und versucht, für seine herbeifantasierten 118 Elemente eine lyrische Sprache zu finden und seine Elemente lyrisch zu definieren.

Gedichte mit System

Aus dem 6. Element (C für Kohlenstoff) wird bei Popp He, wie Herbst, aus dem 14. Element (Si für Silicium) wird bei Popp H wie Holz, aus dem 80. Element (Hg für Quecksilber) wird bei ihm Ws wie Wasser. Es gibt bei ihm auch ein L wie Liebe, M wie Mond, Fe wie Fenster, D wie Dauer.

Die Gedichte über diese Elemente/Begriffe/Gegenstände/Gefühlslagen haben dann – Popp ist auch dabei wieder ganz der mathematische, wissenschaftliche Konstrukteur – immer die gleiche lyrische, sprachliche und optische Form: es sind immer zehn kurze Zeilen; der Titel des Gedichts steht nie über, sondern immer unter dem Gedicht und gibt sozusagen dem Geraune des Gedichts oft erst seinen Sinn.

Man könnte die Gedichte, die wie kleine, quadratische Textblöcke aussehen, ausschneiden und übereinanderlegen, alles würde dabei optisch zur Deckung kommen. Manchmal stellt Popp auch ein paar ergänzende Worte zu seinen Gedichten oder verweist auf den Anhang mit erläuternden Anmerkungen und Literaturhinweisen.

Die Gedichte bilden also ein hoch wissenschaftliches und intellektuelles – und für meinen Geschmack ziemliches freudloses und emotionsloses – System. Vielleicht spielt Popp mit einer aus der spanischen Literatur kommenden Verslehre, der Décime, auch sie arbeitet mit zehnzeiligen Versen, die einer bestimmten Reim-Struktur folgen. Aber reimen tut sich bei Popp nichts (muss es ja auch nicht).

Für eine Handvoll Leser

Ein Gedicht geht z. B. so:

"Isobaren und Isothermen, zwei globale
Spieler auf den Great Plains der Haut
deren Läufe, obwohl sichtbar, Körper
rätselhaft bleiben. Rituale und Gesten
die in diesem Feld selbstständig leben -
mit ausgebreiteten Armen stehst du auf
einem Hügel, das Haar eine gefrorene
Flussskulptur vor dem Himmel. Deine
Hände, Falken über mir und die Taube
schneeweiß, spüre ich ohne Berührung."

Soweit die zehn Zeilen, dann darunter der Titel des Gedichts: "Wind". Eine paar ganz schöne Gedanken und kluge Assoziationen, aber doch auch sehr hermetisch und abweisend, ein lyrisches Selbstgespräch, das den Leser nicht in seine Sprachwelt hineinzieht, sondern ihn eher ausschließt. Und ob es mehr als eine Handvoll Leser gibt, die sich einen Reim auf Popps Gedichte machen können, möchte ich doch sehr bezweifeln.

Ein schwer verständliches Vergnügen

Dass jetzt mit "118 Gedichte" erneut ein Gedichtband auf der Short-List der Leipziger Buchmesse steht, ist ein deutliches Statement der Auswahl-Jury für die Lyrik, die es traditionell schwer hat, sich gegen den Roman zu behaupten. Im Jahr 2015 hat die Jury den Preis überraschenderweise Jan Wagner und seinem Gedichtband "Regentonnenvariationen" zuerkannt.

Deshalb halte ich es für unwahrscheinlich, dass schon wieder ein Lyrikband den Preis bekommt. Und es wäre auch nicht wünschenswert, denn die "118 Gedichte" würden zwar auf einen Schlag Popp bekannt machen und dem Buch viele Käufer bescheren, aber den ratlos vor den Gedichten hockenden Lesern auch ein altes Vorurteil bestätigen: nämlich dass moderne Lyrik nur ein schwer verständliches Vergnügen für Minderheiten ist.

Zu weit entfernt

Ich habe die Gedichte immer wieder gelesen, habe aber nichts gefunden – kein Wort, keine Zeile, keinen Satz –, was meine Fantasie entzündet, was sich eingräbt in Kopf und Herz und mich nie wieder loslässt.

Wenn Günter Eich in seinem Gedicht "Wacht auf!" sagt: "Seid unbequem, seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt", wenn Paul Celans in seiner "Todesfuge" meint: "Der Tod ist ein Meister aus Deutschland", oder wenn Hans Magnus Enzensberger "Ins Lesebuch für die Oberstufe" hineinschreibt: "lies keine oden, mein sohn, lies die fahrpläne: sie sind genauer", dann bleiben diese Sätze und Gedanken ein ganzes Leser-Leben haften.

Von solch sprachlicher und gedanklicher Verdichtung, von solch zeitlos poetischer Kraft, die Fenster aufreißt und ins Freie hinausweist, sind Popps Gedichte sehr weit, zu weit entfernt.

Frank Dietschreit, kulturradio

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