Tex Rubinowitz: Lass mich nicht allein mit ihr © rowohlt/Montage: rbb
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Belletristik - Tex Rubinowitz: "Lass mich nicht allein mit ihr"

Bewertung:

Postfaktisch? Rubinowitz schreibt einen Roman, der von den unlösbaren Problemen handelt, eben diesen Roman oder überhaupt einen zu schreiben

"Hä? Wie bitte? Was soll'n das jetzt? Nee, komm! Echt? Boah!" - Okay, dergleichen Ausrufe sind noch keine erschöpfende Literaturkritik. Aber wenn man Tex Rubinowitz erstmals in Langfassung liest, ist es gar nicht unwahrscheinlich, dass man wiederholt einen inneren Drang zur Interjektion empfindet. Denn Rubinowitz leistet Beachtliches in puncto greller Unfug, Albernheit, Dreistigkeit, Plattheit, pornografischer Schlüpfrigkeit, Übertreibung, Untertreibung – und genauso in der Sparte 'Reflexion auf den dargebotenen Unfug'.

Die wichtigste Masche: Rubinowitz schreibt einen Roman, der von den unlösbaren Problemen handelt, eben diesen Roman oder überhaupt einen zu schreiben. Er kreist dabei um einen zölibatären Wiener Loser und Pop-affinen Plagiator, der nicht restlos zufällig Tex Rubinowitz heißt, manchmal neben sich selbst im Bett erwacht, schrille Abenteuer der Unfähigkeit durchlebt, vielleicht aber doch nur eine Erfindung von Abdul ist, der sich leider beim Masturbieren unter Sauerstoffmangel stranguliert hat. Was die Frage aufwirft, ob "Lass mich nicht allein mit ihr" von einem Toten erzählt wird. 

Realität, Fiktion und Metafiktion

Eine andere, von Rubinowitz' Roman in aller Härte aufgeworfene Frage lautet: Ist ein Plot, der sich ständig selbst lächerlich macht, unterminiert, zerstört und in den eigenen Trümmer herumwühlt – ist das noch ein Plot? Immerhin, es gibt eine Fülle anekdotischer Ereignisse.

Der Buch-Tex, der bei "Okay-Film" jobbt, steckt in der Schaffenskrise, führt absurde Hinhalte-Gespräche mit entsetzten Lektoren und kommentiert furchtlos großmäulig, was immer ihm durch den Kopf schießt und an der Welt auffällig erscheint. Er verfällt, um seinem  Buch endlich den Anschein eines Inhalts zu geben, auf eine Pseudo-Kriminalgeschichte rund um jenen toten Masturbator Abdul und die (übel satirisch) vergötterte Schauspielerin Anja Kruse, deren reale Wiedergängerin so mancher Leser aus Rosamunde Pilcher-Filmen und der Schwarzwaldklinik kennen mag.

Tex neigt unentwegt zu existenziellen Bekenntnissen und pubertärer Larmoyanz; er erträumt sich schmutzige Sex-Exzesse; er beleidigt von Sascha Lobo über Dieter Moor bis zu Daniel Kehlmann allerlei Kulturprominenz mit einem echten Sitz im Leben; er ist in entlegenen Nischen der Popmusik und in der großen Filmgeschichte absolut schlaumeierisch bewandert.

Kurz: Dieser Buch-Tex ist das Medium, durch das der Autor Tex Rubinowitz mit unbeschwerter Freude Verwirrung stiftet, die Grenzen zwischen Realität, Fiktion und Metafiktion schreddert und XXL-Ladungen Abstruses in die Leserhirne impft. Der Plot ist, keinen verlässlichen Plot zuzulassen – das aber sehr gründlich.

Begleitlektüre zur Gegenwart?

Der gehoben-feuilletonistische Deutungsansatz würde natürlich dahin gehen, in Rubinowitz' Roman die Möglichkeit und Unmöglichkeit von Literatur behandelt zu sehen – praktisch das Spezialthema von Jorge Luis Borges, nur deutlich anders angefasst. Da Tex Rubinowitz erkennbar intelligent ist, ließe sich seine ständig durchgestrichene Geschichte, Nicht-Geschichte oder Un-Geschichte tatsächlich gewinnbringend mit seriösen Fragen traktieren.

In diesem Sinne juchzte die ZEIT: "Die perfekte Begleitlektüre zur Gegenwart." Und das mag wohl sein. Aber artgerechter ist womöglich eine andere, bodennähere Lesehaltung. Man kann locker davon absehen, dass das Buch auf krude Weise theoriefest ist und gewiss zur Illustration und Demonstration des Feuilleton-Fetischs 'postfaktisch' taugt – sofern man sich vom Stofflichen packen lässt, das so viel zum Grinsen, Lachen und Staunen bietet, dass man enttäuscht ist, wenn es mal nichts zu lachen und zu staunen gibt. Wie Rubinowitz aus der hoffnungslosen Defensive verunsicherter Reflexionen eine überbordende Schreib-Offensive macht – wow, wow, wow!

Man erweist dem Buch Ehre, wenn man es als groteske Unterhaltung lobt, als süßsauren Kompott und Komplott aus Pop-Literatur, Porno, Philosophie, Selbstironie, Witz, überhaupt jeder Art von Ulk inklusive Leser brüskieren und Leute beleidigen. Das Publikum, das solches schätzt, dürfte sich überwiegend im krawattenlosen Teil des Literaturbetriebs tummeln und dort nicht zur Fraktion der gezierten Genießer gehören.

Kafkaeske Momente

Mit viel gutem Willen lässt sich sagen, dass Rubinowitz einen eigenen Stil hat, auch über die Fähigkeit hinaus, nicht solide erzählen zu können (zu wollen). Vordergründig ergibt sich sein Stil aus einer post-postmodernen Mixtur von Trash-Literatur, Comedy-Humor, Pop-Kritik, journalistischem Pamphlet, beflissenem Essay mit bildungsbürgerlichen Einsprengseln, eher dunklen Herzensergießungen und kafkaesken Momenten.

Das Charakteristische aber ist, dass Rubinowitz, egal, in welcher Gattung er dilettiert, immer die Weiche sucht (und findet), die einen Satz oder eine Passage oder einen Erzählstrang vom Sinn in den Unsinn umlenkt, vom Klartext in die Verdunkelung, vom Realistischen ins komplette Ballaballa der Fiktion.

Über knapp 300 Seiten den ewigen Verlockungen der Konsistenz nicht nachgegeben zu haben, das ist die Leistung, für die Rubinowitz unseren Applaus verdient.

Arno Orzessek, kulturradio

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