Thomas Brussig: "Beste Absichten"; Montage: rbb
S. Fischer
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Roman - Thomas Brussig: "Beste Absichten"

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Vor über 20 Jahren erschien Thomas Brussigs erster Roman, die Wendesatire "Helden wie wir". Seine neue Geschichte führt wieder ins Jahr 1989, nach Ostberlin. Diesmal geht es um die Rockband "Die Seuche", die im Keller probt – und Großes vorhat.

Wahrscheinlich gibt es nicht allzu viele Leser, die bis 2017 noch keinen Roman von Thomas Brussig gelesen haben und nun mit "Beste Absichten" ihren ersten kennenlernen. Einer von diesen Nicht-allzu-Vielen ist der Rezensent. Was er von dem Buch hält, folgt weiter unten. Zunächst ein kurzes Wort zur Geschichte selbst.

Ostberlin, Anfang 1989. Oder ein bisschen früher. Der Ich-Erzähler wird ins Wehrkreiskommando am Rosenthaler Platz geladen und hat hinterher die unschöne Ahnung, er werde wieder einberufen. Als Schleichweg-Experte wählt er seltsame Routen durch Treppenhäuser und Hinterhöfe, bis er aus einem Keller krachende Musik hört – und sofort bis auf die Knochen angefixt ist.

Die fünfköpfige Band nennt sich Die Seuche und sucht gerade nach ihrem Brian Epstein (so hieß einst der Manager der Beatles). Fortan firmiert der Erzähler also als "Äppstiehn" und sorgt dafür, dass Die Seuche, die keine offizielle Auftritts-Lizenz besitzt, an Orten wie dem "Fresswürfel" auftreten kann.

Im Hintergrund rast unterdessen die allseits bekannte Weltgeschichte heran. Die Band kauft in Prag zum Spottpreis 13 Autos von Botschaftsflüchtlingen, die alles inklusive Fahrzeug hinter sich lassen wollen. Aus den 1.000 Westmark Trinkgeld, die Äppstiehn als Kellner in einem Touri-Hotel im Laufe der Zeit eingesackt hat und nun vorstreckt, werden mittels der Auto-Deals 14.000 Ostmark und nach dem Währungsumtausch 70.000 harte D-Mark.

In der Nacht des Mauerfalls würde die sonst verlässlich kreative Band gern den Mauerfall-Hit komponieren. Aber es klappt nicht, die Kreativität ist futsch. Um das Auto-Geld zu verbraten, fliegen irgendwann alle nach New York, wo sie in einem Club ein letztes Mal auftreten. Angeblich verfolgt Yoko Ono das Konzert. Schließlich beschreibt Äppstiehn, wie die Bandmitglieder ihren Weg in den Kapitalismus finden – überwiegend schnell und zumindest an der Oberfläche ziemlich reibungslos.

Spaß am Komischen

"Beste Absichten" ist eine ironisch-satirisch-märchenhafte Abmischung aus Coming-of-Age-, DDR-, Ostberlin, Wende-, Rockmilieu- und Autoschieber Literatur. Vielleicht ist es auch vor allem ein typischer Brussig. Das vermag der Rezensent aber nicht zu beurteilen, weil "Beste Absichten" halt sein erster Roman dieses Autors ist. Nur so viel: Wie das Werk gattungsmäßig einzuordnen wäre, dürfte weder für den Roman-Autor noch für den Erfolg des Buches selbst eine große Rolle spielen.

Brussig hat Spaß am Komischen, am Unfug, auch mal am schieren Herumblödeln. Er erzählt frei von der politischen Bleilast, die andere Wende-Romane teils arg nach unten zieht. Aber er findet trotzdem oder deswegen aussagekräftige Beschreibungen für das, was war, was sich veränderte, was unterging. Der Seuche-Keyboarder Sebastian etwa wird 1990 Geschäftsmann. Als Eigentümer eines Fahrrad-Kurier-Unternehmens dirigiert er mit irre schneller Zunge arbeitslose DDR-Spitzenrennfahrer per Telefon durch beide Teile Berlins und macht Kohle ohne Ende. Eine Episode, die sich unschwer symbolisch deuten lässt.

Genauso der Fall der schönen Silke, der Sängerin von Die Seuche. Sie verdient ihr Geld für ihr Studium der Tourismuswirtschaft bald als Hostess, das heißt, sie steht attraktiv auf Messen herum. Als sie sich einmal mit Äppstiehn trifft, freut sie sich darüber, dass da einer auftaucht, der ihre Qualitäten auch jenseits der Schönheit zu schätzen weiß. Ob das dann doch Ostalgie ist oder purer Realismus, sei dahingestellt.

Drei wahre Geschichten

Erfährt man Neues über die DDR? Nun, Brussig eröffnet die drei Teile des Romans jeweils mit wahren Geschichten – der Rezensent kannte keine davon. Einmal geht es um den Kugelstoßer Rolf Österreich, dessen Weltrekord von 1976 die DDR-Sport-Funktionäre unter den Teppich gekehrt haben, weil ihnen dieser Österreich nicht stromlinienförmig genug war.

Die zweite Episode handelt von einer vereitelten Republikflucht in einem Hubschrauber, der eigentlich ausrangiert und flugunfähig gemacht worden war. Der Autoschlosser Hans-Jürgen K. bekommt das Ding jedoch wieder zum Laufen; aufgrund einer Denunziation manipulieren Stasi-Fachleute den Gashebel allerdings so, dass K. am Fluchttag nur für Sekunden abhebt und bald verhaftet wird.

Die letzte wahre Geschichte handelt von einem bedingt schwimmfähigen Wartburg, dessen Entwicklung auf einen Anstoß des Staatsrats-Vorsitzenden Walter Ulbricht zurückging – was dem primitiven Amphibien-Fahrzeug trotzdem keine Zukunft sicherte.

Im Kleinen das Große

Im fiktionalen Teil deutet "Beste Absichten" nichts an, was die Allgemeinheit zur hektischen Revision ihres DDR-Bildes nötigen würde. Der Roman bestätigt vielmehr, dass man in der DDR hochgradig individuelle Nischen-Existenzen führen konnte (ob notgedrungen oder nicht). Brussig schildert bohemienhaftes Alltagsleben und nennt es mit einer Liedzeile von Die Seuche "Fliegen unter dem Radar". Die mühselige, ideologisch belastete Systemfrage taucht als solche nie auf – oder anders: Sie wird restlos im Konkreten der Ereignisse aufgelöst.

Das ist Brussigs Masche: Er lässt im Kleinen das Große durchscheinen, ohne jemals eine Bedeutungsschwangerschaft zu riskieren. Dabei hat er keine Angst vor ernsten Themen. Silke etwa, die bei Adoptiveltern aufgewachsen ist, will mithilfe der Seuche-Band (solange diese noch besteht) unbedingt berühmt werden – aber nicht um des Ruhmes willen, sondern damit ihre leiblichen Eltern, von denen sie weder Name noch Adresse weiß, auf sie aufmerksam werden.

Sebastian wiederum hat oft Nasenbluten, weil er an einer seltenen Krankheit leidet. Tatsächlich ist er todgeweiht, und darüber wird durchaus offen geredet. Komplexitäts-Junkies dürften hier und da trotzdem schlucken – etwa bei einer Formulierung Äppstiehns, die erkennbar nach dem Mauerfall fällt: "Früher war Musik das Wichtigste. Jetzt war es das Geld." Zack! Fertig ist das schnittige Wende-Theorem.

Ein paar solcher grob gestanzten Wahrheiten haben beim Rezensenten spontan Gedankenstillstand ausgelöst. Andererseits gelingt Brussig immer wieder Feines. Als die Band zum Geldverhökern über den Atlantik gejettet ist, bemerkt Äppstiehn: "New York wirkte auf mich wie eine große Kantine, in der alle absichtlich mit dem Geschirr klappern." Ein starkes Bild!

"Beste Absichten" ist kein Buch, das man gelesen haben muss, um 1989ff zu verstehen. Aber wer Lust auf witzig-schräge Storys mit deutsch-deutschem Sujet hat, kann ohne Risiko zugreifen.

Arno Orzessek, kulturradio

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