Jan Wagner: "Der verschlossene Raum - Beiläufige Prosa"; Montage: rbb
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Essays - Jan Wagner: "Der verschlossene Raum - Beiläufige Prosa"

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Vor zwei Jahren wurde mit Jan Wagner zum ersten Mal ein Lyriker mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. Jetzt tritt der Dichter als Essayist und Prosaautor an.

Die Fähigkeit zu staunen, das sei die Haupttugend des Dichters – zitiert der Lyriker Jan Wagner programmatisch den Dichter Osip Mandelstam in seiner "Münchner Rede zur Poesie", gehalten vor fünf Jahren und jetzt abgedruckt in Wagners neuem Band, der "bei­läufige Prosa" versammelt.  Beiläufig sind diese Texte vielleicht entstanden, geschrieben neben der Haupttätigkeit des Dichters, aber beiläufig im Sinne von peripher sind sie ganz und gar nicht. Nicht nur in der Münchner Rede gewährt Jan Wagner Einblicke in seine verschlos­senen Räume,  in "das unpopulärste Genre" der Literatur, in die Poesie. Wie entsteht sie, wie geht der Dichter mit der Eingebung um, mit dem ersten und wie findet er den letzten Satz.

Live von der Leipziger Buchmesse: Jan Wagner, Anne-Dore-Krohn und Salli Sallmann; © Olivia Kalla
Jan Wagner im Gespräch mit Anne-Dore Krohn und Salli Sallmann auf der Leipziger Buchmesse; © Olivia Kalla

Glück des Lesens

Jan Wagner, der vor zwei Jahren für seinen Gedichtband „Regentonnenvariationen“  mit dem Leipziger Buchpreis ausgezeichnet worden war (zum ersten Mal ging dieser Preis da einen Lyriker), ist ein kluger, ein von Poesie geleiteter Prosaist, einer, der scheinbar leichtfüßig schreibt, der genau auf Menschen und Dinge schaut und vor allem von der Dichtung lei­den­schaftlich erzählen kann: "Das Gedicht ist ein Raum, der aus flüchtigsten Materialen erbaut ist, aus bloßen Lauten nämlich, und der doch stabil wirkt und zu überdauern mag ..."

Ob er ein Loblied auf die "Sauklaue", also das handschriftliche Verfassen von Gedichten hält, eines auf die Buchhandlung oder die Bibliothek: Immer  plädiert er für das große Glück, das uns allein durch Bücher, durchs Lesen geschenkt wird.

Kraft des Traums

Und er verteidigt – in einer Rede, die er 2016 vor saarländischen Abiturienten hielt – die Kraft des Traums und nicht zuletzt die Demut angesichts all der Verwicklungen und un­vor­her­­gesehenen Ereignisse, die ein Lebenslauf bereit hält: "Hätte Tschechow sich ausmalen kön­nen oder wollen, dass er als Toter von der Krim per Eisenbahn zurück nach Sankt Peters­burg gebracht werden würde – in einer Zinkkiste mit dem Aufkleber 'Frische Austern'?"

Mühen des Übersetzers

Jan Wagner beschreibt auch die ihm allzu bekannten Mühen des Übersetzers (und erinnert sich an einen für ihn ziemlich grässlichen Auftritt), er ist ein spürgenauer Leser, wenn es um die Gedichte von Kollegen wie etwa Wulf Kirsten geht, und er entwirft kenntnisreich und empathisch ein Lebens- und Arbeitsbild des großen englischen Dichters Ted Hughes. Bei uns ist dieser Poet vor allem als (schuldig gewordener) Ehemann der amerikanischen Dichterin Sylvia Plath bekannt. Dass das ein großes Versäumnis, dass Hughes gelesen werden muss, daran hat man nach der Lektüre von "Schamane mit verbranntem Fuchs" keinen Zweifel.

Dieser Band versammelt bereits veröffentlichte Texte und Vorträge, verstreute Radioarbeiten, aber auch unveröffentlichte Reiseimpressionen. Er stellt dem lyrischen Werk Wagners das essayistische, erzählende gegenüber. Ein großer Gewinn.

Manuela Reichart, kulturradio

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