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Krimi - Jussi Adler-Olsen: "Selfies"

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Der siebte Fall für Carl Mørck, Sonderdezernat Q. Vizepolizeikommissar Carl Mørck wird zur Aufklärung eines brutalen Todesfalls von der Mordkommission in Kopenhagen hinzugezogen.

Die gute Nachricht zuerst: An Ideen mangelt es Jussi Adler-Olsen in "Selfies" gewiss nicht. Und die beste Idee, eine Idee mit satirisch-sozialkritischem Potential, wenn man die Sache nur anders anfasste, betrifft Anne-Line Svendsen. Anneli, Typ graue Maus, dabei recht beweglich im Kopf, arbeitet im Kopenhagener Sozialamt.

Eher die Haupt- als die Nebenwirkung des Jobs ist der monströse Hass, der sich tief in Anneli eingenistet hat. Und zwar insbesondere auf die allzu oft arroganten, hübschen, langbeinigen, aufgetakelten, arbeitsscheuen Sozialhilfe-Schnorrer-Schlampen, die dem Staat unter Vorbringung hanebüchener Argumente auf der Tasche liegen. So wie gerade Denise, Michelle und Jazmine, ein unsicher-großmäuliges Unterklasse-Trio, das die ganz abgeschmackten Träume von Reichtum, Schmuck und süßem Leben träumt und sich deshalb auch kriminell hervortut.

Anneli besorgt sich eine Knarre und legt los

Als bei Anneli  Brustkrebs diagnostiziert wird, ist sie endgültig wild entschlossen, mal richtig so durchzusäubern und eine Menge nichtiger Subjekte aus der Welt zu schaffen – wozu sich aus ihrer Sicht das nervige Trio als erste Opfergruppe aufdrängt. Also besorgt sich Anneli eine Knarre und legt los.

Das Sonderdezernat für die guten Herzen

Allerdings ist das nicht der einzige Fall, der in "Selfies" zum siebten Fall für Komissar Carl Mørck wird. Außerdem steht die Frage im Raum, ob die psychisch auffällige Kommissarin Rose, die sich immer wieder als eine ihrer drei Schwestern ausgibt, als junges Mädchen ihren sadistischen Vater im Walzwerk ermordet hat, was hier heißt: buchstäblich platt gemacht.

Mørck hat auch zu klären, wer die reiche Frau eines ehemaligen Nazis und SS-Angehörigen im Stadtpark um die Ecke brachte und warum die mega-ag­gressive Roc­kerbraut Birna plötz­lich eine Kugel in der Brust hat. Insgesamt verknoten sich in "Selfies" fünf Einzelfälle zu einem Gesamtfall, und damit es auch der letzte merkt, wird eben dieser Umstand thematisiert: fünf in eins! Ein ganz dickes Ding also für die lebhaft zerstrittene Kriminalpolizei Kopenhagens, in der das Sonderdezernat Q erkennbar die Abteilung für die guten Herzen und brauchbaren Charaktere ist.

Ein unangenehmer Nachgeschmack

Damit zur schlechten Nachricht: Jussi Adler-Olsen schreibt schlampig. Nichts gegen belletristisches Fast-Food, auch nicht aus dem regelmäßig stark überwürzten Thriller-Genre. Aber die Lektüre des 600-Seiten-Brummers "Selfies", die fast einen ganzen Tag des kurzen Leselebens kostet, hinterlässt einen unangenehmen Nachgeschmack.

Es scheint, als wolle der Erfolgsautor nichts anderes, als den überflüssigen Nachweis führen, dass er mit Hilfe von allerlei billigen Tricks und marktgängigen Klischees fünf Handlungs­stränge gewalt­sam zwischen zwei Buchdeckel quetschen kann. Kein Thema, kein Motiv ist so präzise ausgeführt, dass ein Gran vom Ernst des Lebens durch die Fiktion hindurchschimmert oder man wenigstens von jener Atemlosigkeit heimgesucht wird, die der Hauptsinn des Spannungserzeugungshandwerks ist.

Sprachlich nachlässig

"Selfies" scheitert an der Sprache. Es herrscht ein unambitionierter 08/15-Stil vor, was im Prinzip in Ordnung geht. Niemand soll sich ja bei der Lektüre von Büchern dieser Art durch merkfähige oder gar bewundernswürdige Formulierungen den Leserausch verderben lassen. Adler-Olsens Nachlässigkeit geht indessen zu weit, als dass man sie auf sich beruhen lassen könnte. Ein Beispiel: "Der Verkehr brandete um sie wie ein unverständliches Chaos von Puzzleteilen, die sich bekriegten.“

Klar, eine Metapher ist eine Metapher. Aber der Verkehr als Chaos von Puzzleteilen, die sich bekriegen – das ist extrem unbeholfen. Nichts, rein gar nichts qualifiziert wesenhaft passive Puzzleteile zur Verwendung in einer kriegerischen Metaphorik. Später liest jemand Zeitung und stellt fest, "dass die Zeit nicht stillsteht, solange Menschen mit bösen Trieben freies Spiel" haben. Ja, steht denn die Zeit still, wenn Menschen mit bösen Trieben kein freies Spiel mehr haben? Die Satzlogik ist hier komplett im Eimer. Und dann noch Adlers-Olsens Neigung, nach jedem Satz die getroffene Aussage hochzuwürgen und wiederzukäuen.

Über Dezernat Q heißt es: "Lachen fiel in dieser Abteilung sofort auf." Womit alles gesagt sein könnte. Nicht so für Adler-Olsen. Er fügt penetranterweise an, was der Vorsatz bereits unausdrücklich-suggestiv in sich erhielt: "Klar, es gab ja auch wenig Anlass dazu." Das ist in rhetorischer Hinsicht mäßiges Kinderbuch-Niveau.

Dankbar für die anderen Bücher auf dem Nachttisch

Und warum ist "Selfies" trotzdem ein Bestseller? Der Rezensent weiß sich leider nicht zu helfen. Allerdings kennt er auch nur dieses eine Buch Adler-Olsens über den siebten Fall für Carl Mørck. Es könnte also sein, dass sich Adler-Olsen darauf verlässt, dass man die ersten sechs Fälle kennt, die sich möglicherweise durch eine raffiniertere Figuren-Charakterisierung und einen besser geölten Plot auszeichnen. Es mag aber auch sein, dass es dem dänischen Erfolgs-Autor gelungen ist, eine anspruchslose Fangemeinde zu gründen, die sich an dem biederen, laut knirschenden Krimi-Vortrag nicht stört, aber dafür den betulich-kleinbürgerlichen Horizont der Geschichte zu schätzen weiß.

Ob so oder so, einen Vorteil hat der Fünf-Fälle-Fall "Selfies" auf jeden Fall: Man ist umso dankbarer für die Qualität der anderen Bücher, die man auf dem Nachttisch liegen hat.

Arno Orzessek, kulturradio

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