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Biografie - Karl Heinz Bohrer: "Jetzt. Geschichte meines Abenteuers mit der Phantasie"

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Der Literaturwissenschaftler Karl Heinz Bohrer, 1932 in Köln geboren, steht wie ein erratischer Block im deutschen Geistesleben der vergangenen Jahrzehnte, ein intellektueller Abenteurer, der den plötzlichen Einbruch des Unerwarteten ins Erleben und Denken liebt und der mit starker Geste Einsprüche gegen die Zumutungen des Alltags erhebt.

Ein wahrer Anarchist, den die Linken zu rechts und die Rechten zu links fanden, ein unabhängiger Geist, der einmal als eine Art Motto seines Lebens und Denkens formuliert hat: "Es gibt keinen stärkeren Schutz gegen die Banalität des Daseins als theoretisches Denken oder Dichten."

"Aus der Tiefe des Raumes"

Das freie, widerständige Denken hat Bohrer lustvoll ausgeübt: als Verantwortlicher für den Literaturteil der FAZ von 1968 bis 1974, dem sein Nachfolger Marcel Reich-Ranicki nachrief, er habe "mit dem Rücken zum Publikum redigiert"; als FAZ-Korrespondent im London der Siebzigerjahre, der in einer Reportage über ein Fußball-Länderspiel zwischen England und Deutschland die inzwischen legendäre Sentenz prägte, "Netzer kam aus der Tiefe des Raumes", was ihn selbst auch ganz gut charakterisiert; seit 1982 als Professor für "Neuere Deutsche Literaturgeschichte" in Bielefeld.

Zudem fungierte er von 1991 bis 2011 als Herausgeber des "Merkur", wo er nicht ohne Furor gegen die provinziellen Verhältnisse Deutschlands wetterte, eines Landes, das er als "Fußgängerzone des Geistes" bezeichnete, in dem betuliches Moralisieren alle Widersprüche verklebt.

Augenblicke der Präsenz

Bohrer hingegen begibt sich gern in andere Gefilde, betreibt "die Theorie als Phantasieunternehmen", wovon die Titel seiner Bücher künden: "Die gefährdete Phantasie", "Die Ästhetik des Schreckens", "Ekstasen der Zeit", "Das absolute Präsens", "Plötzlichkeit zum Augenblick des ästhetischen Scheins".

Kein Wunder, dass es im zweiten Band seiner Erinnerungen um das "Jetzt" geht, um die Augenblicke der Präsenz und der Gegenwärtigkeit, in denen Bohrer das Leben in seiner Essenz wahrnehmen und spüren kann. Diesen Momenten gesteigerter Erfahrung kommt Bohrer immer dann nahe, wenn er ein neues geistiges Projekt angeht.

Eigentlich schreibt er eine Biografie seiner geistigen Expeditionen, die paradoxerweise mitten ins Leben führen. Es entbehrt nicht der Komik, wenn er z. B. beschreibt, wie er als Student in Heidelberg das Weibliche erforscht, indem er sich möglichst viele sexuelle Begegnungen mit Frauen auferlegt. Letztlich ist er eine Art Forschungsreisender, der sich selbst und die ihn umgebende Welt erkundet.

Lust am Entdecken

Und seine Lust am Entdecken und seinen Widerspruchsgeist verliert er nie: So wie seine Kommilitonen und seine Professoren im Heidelberg der Fünfzigerjahre will er auf keinen Fall werden, die immer nur das schon Geschriebene noch mal drehen und wenden und dann neu beschreiben, das ist nichts für ihn. Also verschlägt's ihn zur FAZ, deren Herausgeber eine milde Herrschaft ausüben, und die ihn gewähren lassen, als er sich zu den rebellischen 68er-Studenten hingezogen fühlt, allerdings kaum aus politischen Gründen, vielmehr spricht ihn ihre Vitalität an.

Als er als Freund von Ulrike Meinhof der Unterstützung der RAF verdächtigt wird, wird er vom Senior-Herausgeber Erich Welter gefragt, ob da "was dran sei"? Auf seine Antwort "Nichts" beendet Welter die Befragung knapp: "Das war's dann." Und nie mehr wird darüber geredet.

Und wenn er es in seinen Artikeln mit seiner Sympathie für die Studenten wieder einmal sehr weit getrieben hat, beruhigt ihn der fürs Feuilleton verantwortliche Herausgeber gerne mit den Worten: die anderen Herausgeber hätten das sowieso nicht verstanden. Etwas beunruhigender findet es Bohrer dann schon, als er bei einer anderen Gelegenheit einen Brief mit Lobesworten von Carl Schmitt erhält.

Zu einem Geistesfreund wird ihm "der Philosoph", wie er Jürgen Habermas nennt, der ihn anregt, an dem er sich reibt und dem er widerspricht. Zu Bohrers kleinen Distanzierungsschritten gehört es übrigens, oft Personen nicht mit ihren Namen vorzustellen, sondern nur ihre Funktion zu benennen.

Abstand nicht nur zu Deutschland

Ganz zu sich selbst und seinem Lebensstil gelangt Bohrer dann als Professor in Bielefeld, wo er sich aber nicht niederlässt. Offensichtlich braucht er Abstand nicht nur zu Deutschland. Nähe bedeutet für ihn grundsätzlich ein Problem, er nimmt lieber einen Beobachtungsposten außerhalb ein. So lebt er lange in Paris am Montmartre, von wo er regelmäßig in die deutsche Provinz nach Bielefeld pendelt.

Seine Lebenspartnerin in jener Zeit ist die Schriftstellerin Undine Gruenter. Die beiden haben ein unausgesprochenes Abkommen getroffen, dass man über die Arbeit des jeweils anderen nicht sprechen werde. Gleichwohl sind sich die beiden sehr nahe, und als die Partnerin unheilbar erkrankt und nicht mehr selbst schreiben kann, diktiert sie Bohrer vor ihrem Tod ihr letztes Buch.

Mit welcher Dezenz und zärtlichen Rücksichtnahme Bohrer über diese schwere Zeit schreibt, wird man nicht so schnell vergessen.

Das Profil einer Epoche

Sein Weg führt ihn dann nach England, ein Land mit einer Lebensart, das seinem Wesen vielleicht am nächsten steht, obwohl er die englische wie die französische Sprache keineswegs perfekt beherrscht. Hier trifft er seine neue Frau, die er aus seiner Internatszeit im Schwarzwald kennt, wovon er im ersten Band seiner Erinnerungen, "Granatsplitter",  erzählt hat. Hier schließt sich glückhaft sein Lebenskreis.

Und hier könnte das Buch enden, die noch angefügten Beschreibungen seiner Lehrveranstaltungen über die Jahre und seiner Reisen wie auch die knappen Erwähnungen der Personen, die er da und dort getroffen hat, klingen ein bisschen nach: Was auch noch gesagt werden musste.

Aber davon abgesehen ist Karl Heinz Bohrer ein (gedanken)reiches Buch gelungen, das seine eigene intellektuelle Biografie auf höchst anschauliche und anregende Weise schildert und zugleich das Profil einer Epoche zeigt.

Eines der wichtigen Bücher dieses Frühjahres.

Claus-Ulrich Bielefeld, kulturradio

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