Sara Gallardo: Eisejuaz © Wagenbach | Montage: rbb
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Roman - Sara Gallardo: "Eisejuaz"

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Eisejuaz, die Hauptfigur des Buches, ist ein Mataco-Indianer. Sara Gallardo macht den vermeintlichen "Wilden" als literarische Figur glaubwürdig - und erschafft einen literarischen Rhythmus, der beim Lesen einen faszinierenden magischen Sog erzeugt.

Seit mehr als einem halben Jahrhundert verzaubert der magische Realismus der südamerikanischen Literatur weltweit die Leser und versorgt den globalen Literaturmarkt mit immer neuen Autoren und Büchern. Da ist es ein bisschen verwunderlich, dass die argentinische Autorin Sara Gallardo hierzulande fast unbekannt geblieben ist. Geboren 1931 in Buenos Aires hat sie bis zu ihrem Tode im Jahre 1981 fünf äußert erfolgreiche Romane verfasst. Im Berliner Wagenbach Verlag ist jetzt - mit über 45 Jahren Verspätung - die von Peter Kultzen besorge deutsche Erstübersetzung eines 1971 in Buenos Aires veröffentlichten Romans von Sara Gallardo erschienen: "Eisejuaz".

Realistische Sozialkritik

Sara Gallardo war eine Autorin, die sich zeitlebens zwischen alle literarischen und gesellschaftlichen Stühle setzte, die das Kunststück fertig brachte, in ihrer argentinischen Heimat zu einer hoch angesehenen und kultisch verehrten, aber zugleich äußerst kontrovers diskutierten und barsch kritisierten Schriftstellerin zu avancieren. Sie stammt aus begüterten Verhältnissen, Tochter eines Historikers, Enkelin eines Politikers, und fiel vor allem dadurch auf, dass sie sich mit ihren Schriften in die gesellschaftlichen Konflikte des Landes einmischte, gegen ihre bourgeoise Herkunft polemisierte, Stellung bezog für die sozial Erniedrigten und Ausgebeuteten.

In einem Roman, "Enero", erzählt sie von einem armen Bauernmädchen, das nach einer Vergewaltigung schwanger und zur Hochzeit gezwungen wird. In einem anderen Roman, "Pantalones Azules", erzählt sie von einem elitären und arroganten reichen jungen Mann, der rechtsradikal und antisemitisch eingestellt ist, und sich ausgerechnet in eine arme junge Verkäuferin verliebt, eine Jüdin, die es in dem naziverseuchten Nachkriegs-Argentinien nicht mehr aushält und nach Israel emigriert. Realistische Sozialkritik, vermischt mit dem magischen Realismus südamerikanischer Alpträume: keine gängige literarische Ware und ziemlich umstritten.

Soziale Verwerfungen der kulturellen Entwurzelung

Geografisch, sprachlich und sozialpolitisch betritt Sara Gallardo auch mit "Eisejuaz" literarisches Neuland. Sie geht dahin, wo es ihre bürgerlichen, gebildeten, aus der weißen Herrschaftsschicht stammenden Leser kaum je ziehen würde: in den Norden des Landes, wo es - anders  als in Buenos Aires und im Rest es von europäischen Einwanderer besiedelten und beherrschten Landes - noch größere Gruppen der indigenen Bevölkerung gibt (die Geschichte Argentinien ähnelt ja - in der gewaltsamen Aneignung fremden Landes und der Ausrottung der indianischen Ur-Einwohner - der Geschichte der USA). Es ist - jedenfalls in den 1960er Jahren - noch eine ziemlich exotische und gefährliche Gegend, europäische Großgrundbesitzer herrschen wie Könige über riesige Ländereien und halten sich die Indianer als Arbeitssklaven, und anglikanische und norwegische-freikirchliche Missionare versuchen, die indigenen Einwohner zum christlichen Glauben zu bekehren.

Im Roman geht es um soziale Verwerfungen der kulturellen Entwurzelung: "Eisejuaz", Hauptfigur des Buches, ist ein Mataco-Indianer, der den christlichen Namen Lisandro Vega angenommen hat, der von Ort zu Ort und Job zu Job zieht, ein kräftiger Kerl, der überall, ob im Sägewerk oder in der Mission, zum Aufseher gewählt wird; doch er kann nirgendwo länger bleiben, er muss immer weiter, denn ihn verfolgt die Stimme des Herrn, die ihm auferlegt, sich um die Armen und Notleidenden zu kümmern. Und so gelangt ausgerechnet er, der mit den Eidechsen spricht und in überall in der Natur spirituelle Zeichen sieht, an einen kranken, lahmen Weißen, den er füttert und pflegt, den er auf seine Schulter nimmt und überall hin trägt. Doch statt Dankbarkeit erhält er von diesem widerlichen Weißen nur Beschimpfungen und wird schließen von ihm aufs Schändlichste verraten. 

Kuriose Wendungen

Sara Gallardo macht den vermeintlichen "Wilden" als literarische Figur glaubwürdig, indem sie sich in ihn hineinversetzt, denkt wie er, redet wie er. Das hatte es bis dahin in der südamerikanischen Literatur noch nicht gegeben, und dann spielt sich dieser "Wilde" auch noch zum "Hüter" eines kranken Weißen auf: in den Augen vieler Leser damals war das der Gipfel der literarischen Unverfrorenheit, befremdlich, rätselhaft, kaum zumutbar. Doch in Wahrheit war es natürlich ein fantastisches Wagnis, eine literarisches Großtat, die bis heute ziemlich einzigartig ist. Um sich in ihren "Eisejuaz" hineinzufühlen, hat sich Sara Gallardo vorher auf Recherche-Tour begeben, mit Ureinwohnern gesprochen, sich ihre erbärmlichen Lebensverhältnisse und ihren zwischen traditioneller Natur-Religion und aufgepfropftem Christentum pendelnden Glauben genauer angesehen, und weil Figuren wie "Eisejuaz" eine bizarre Mischung aus indianischem Dialekt und mühsam erlerntem Spanisch sprechen, erfindet Sara Gallardo auch eine eigene Kunstsprache, mit absurden Wörtern, kuriosen Wendungen, eigentümlichen Regionalismen. 

Einfühlsam und anrührend

Das war für Übersetzer Peter Kultzen eine "echte Herausforderung", wie er in einem kleinen Nachwort schreibt; vor allem die regionale Einfärbung dieses Sprach-Gebräus aus indianischem Mataco-Dialekt und spanischen Worthülsen waren besonders schwer zu treffen. Wenn Roman-Figuren regionalen Dialekt sprechen, behelfen sich Übersetzer manchmal damit, sie in der deutschen Fassung dann Bayrisch, Schwäbisch oder Plattdeutsch schwadronieren zu lassen. Das wäre hier völlig fehl am Platze, deshalb erfindet Kultzen wiederum seine eigne, neutrale Kunstsprache. Das klingt gelegentlich etwas gewöhnungsbedürftig, doch wie Sara Gallardo erschafft auch Peter Kultzen einen literarischen Rhythmus, der beim Lesen einen faszinierenden magischen Sog erzeugt und einen einfach nicht mehr los lässt. Ich habe selten einen so sperrigen und fremdartigen und zugleich so einfühlsamen und anrührenden Roman gelesen. 

Frank Dietschreit, kulturradio

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