Omer Meir Wellber, Inge Kloepfer: Die Angst, das Risiko und die Liebe. Momente mit Mozart © ecowin | Montage: rbb
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Sachbuch - Omer Meir Wellber/Inge Kloepfer: "Die Angst, das Risiko und die Liebe - Momente mit Mozart"

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Auf Mozarts Spuren – Omer Meir Wellber geht es nicht um musikhistorische Genauigkeit, sondern um Gedanken zu einer besonderen künstlerischen Annäherung an drei bahnbrechende Werke des Musiktheaters.

Risiko, Angst und Liebe - drei Themen, die der israelische Dirigent Omer Meir Wellber jeweils einer der drei Mozart-Opern "Le Nozze di Figaro", "Don Giovanni" und "Così fan tutte" zuordnet. Werke, die in der Zusammenarbeit zwischen dem Komponisten Wolfgang Amadeus Mozart und dem Librettisten Lorenzo da Ponte entstanden sind.

Risiko und Erfolg

Im Buch treffen sich Mozart und da Ponte mehrfach im Wiener Kaffeehaus Milani. Dort  besprechen sie die Einzelheiten ihrer ersten gemeinsamen Oper, reden über das enorme Risiko, ein von der Zensur verbotenes Stück wie Beaumarchais' "La Folle Journée ou le Mariage de Figaro" für die Opernbühne zu bearbeiten.

Der Coup gelingt, die Uraufführung des "Figaro" 1786 in Wien wird ein Erfolg. Mit "Don Giovanni" und "Così fan tutte" werden Mozart und da Ponte in den nächsten Jahren noch zwei weitere Werke für die Opernbühnen der Welt erschaffen.

Dichtung und Wahrheit

Das Café Milani hat es Wien tatsächlich bis 1795 gegeben, aber die Begegnungen zwischen Mozart und da Ponte sind allesamt ausgedacht. Wellber schreibt auf, wie es gewesen sein könnte, räumt aber sogleich ein, das es sich vermutlich ganz anders zugetragen hat: "Zu gern wüsste ich, wie es wirklich war, vermutlich anders ..."

Künstlerische Freiheit

Doch geht es diesem Buch nicht um musikhistorische Genauigkeit, sondern um Gedanken zu einer besonderen künstlerischen Annäherung an drei bahnbrechenden Werke des Musiktheaters. Wellber beschreibt seine lebendige Mozart-Interpretation als Resultat eines teilweise auf Improvisation beruhenden Umgangs mit Mozarts Musik. Ganz im Geiste Mozarts plädiert Wellber für den freien Umgang mit der musikalischen Gestaltung der Rezitative.

Dieser Sprechgesang zwischen den Arien und Duetten trägt die eigentliche Handlung und wird von Wellber in seinen aktuellen Aufführungen mit Cembalo und sogar Akkordeon frei ausgestaltet. Dabei kann es dann vorkommen, dass in einer "Figaro"-Aufführung nicht nur klassische Musik erklingt, sondern plötzlich auch moderne Klänge des 20. Jahrhunderts zu hören sind - das Chanson "La vie en rose" ist in Wellbers aktueller "Figaro"-Aufführung gleich mehrfach instrumental zu hören und wird schließlich sogar einmal kurz von den Sängern angestimmt.

Auf Mozarts Spuren

Für Omer Meir Wellber ist dieser freie  Umgang mit Mozarts Partitur eine Möglichkeit, den Werken mit musikalischen Mitteln größere  Aktualität zu verschaffen - was üblicherweise den Regisseuren der jeweiligen Inszenierung vorbehalten ist. Hier nun nimmt sich ein Dirigent vom Cembalo aus die dafür notwendige musikalische Freiheit.

Wer das Buch liest, wird hören wollen, wie die Mozart-Opern unter der Leitung des ehemaligen Barenboim-Assistenten klingen. Eine CD-Aufnahme von Wellbers Interpretationen wäre daher dringend geboten, idealerweise ein Mitschnitt aus der Dresdner Semperoper, wo Wellber in den letzten Jahren sein modernes musikalisches Mozart-Konzept mit großem Erfolg unter Beweis gestellt hat.

Opern für die Ewigkeit

Dass die Gedanken des Dirigenten so anschaulich und bestens strukturiert nachzulesen sind, ist die große Leistung der Co-Autorin Inge Kloepfer. Sie hat Wellbers Ideen zur Musik in wunderbare Sprachbilder geformt. "Im Hintergrund des Stimmengewirrs ist das unaufhörliche Klacken von Billardkugeln zu hören" - wer möchte bei diesem Satz nicht mit Mozart und Da Ponte  an einem Tisch im Milani sitzen und zuhören, wenn die beiden kühne Pläne schmieden, zu "Opern für die Ewigkeit".

Hans Ackermann, kulturradio

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