Michael Lüders: Die den Sturm ernten © CH. Beck | Montage: rbb
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Roman - Michael Lüders: "Die den Sturm ernten"

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Wo liegen die Ursachen für die syrische Katastrophe? Der Politik- und Islamwissenschaftler Michael Lüders erklärt in seinem Buch, dass auch der Westen eine erhebliche Mitschuld am Syrienkonflikt trägt. Ein wichtiges Buch?

Lüders erklärt die jetzt existierende Lage in und um Syrien aus der Geschichte der Nahost-Konflikte, der Kriege und Putsche nach 1945, einschließlich des Putsches gegen den gewählten iranischen Premier Mossadegh 1953. Das zieht sich beim Lesen alles ein bisschen, ist aber doch als Hintergrund für das komplexe Thema recht gut. Lüders erwähnt auch diverse US-amerikanische Putschversuche in Syrien in den 1950er-Jahren, die fehlschlugen und dazu beitrugen, dass sich damals die Regime in Syrien allmählich der damaligen Sowjetunion zuwandten.

Lüders entwickelt so Kernthesen zum Syrien-Konflikt aus diesen Zusammenhängen, wenn er sagt, der Westen trägt Mitschuld an dem, was heute dort geschieht. Das Buch ist außerdem durchzogen von einer Abrechnung mit deutschen Leit-Medien, denen er einseitige Berichterstattung vorwirft.

Lüders fasst die nach seiner Meinung vorherrschende westliche Medien-Sichtweise etwa so zusammen: Das verbrecherische Assad-Regime führt Krieg gegen das eigene Volk, unterstützt von den Machthabern in Moskau und Iran.

Die syrische Opposition  befindet sich in einem verzweifelten Freiheitskampf, dem sich der Westen nicht verschließen kann. Andernfalls würde der Westen seine 'Werte' aufgeben. Diese Werte sind, dies zum Verständnis gesagt, im westlichen Sinn Begriffe wie Freiheit und Demokratie. Lüders sagt nun, gerade Begriffe  wie Freiheit und Demokratie seien hier, im bereits Jahre dauernden Konflikt,  längst zur frommen ideologischen Kriegslyrik verkommen, damit vermumme man Wirtschafts- und strategische Interessen.


Dagegen setzt Lüders nun eine Reihe von Informationen, besonders zu geo-politischen Fragen. Davon wirklich nur eines von Lüders‘ Beispielen: Im Jahr 2000 wollte das Golf-Emirat Katar mit westlicher Hilfe eine Gaspipeline durch Saudi-Arabien und eben Syrien bis in die Türkei bauen, die Gas günstiger auch bis in die europäischen Netze geliefert hätte. Der Bau dieser Pipeline hätte aber auch sinkende Gaspreise für Russland bedeutet. Russland betrachtete also die Pipeline-Pläne als für seine eigenen Gasexporte existenzbedrohend.

Alternativ wollte Russland von der iranischen Seite des Golfes aus eine sogenannte "islamische Pipeline" ebenfalls über Syrien in den Libanon bauen. Assad erklärte nun bereits 2009, er würde dem Bau des westlichen Projektes nicht zustimmen, um die Russen nicht zu verärgern.

Damit verärgerte er wiederum den Westen. Kurz nach dem Aus für die Katar-Türkei-Pipeline, schreibt Lüders,  sei im Westen die Entscheidung gefallen, Assad mithilfe eines sunnitischen Aufstands zu beseitigen. Eine wichtige Hintergrund-Information, finde ich.

Aber redet Lüders damit nicht das Assad-Regime und die russische Militärhilfe von Schuld frei?

Offensichtlich nein. Lüders benennt ja in dem Beispiel auch die russischen ökonomischen Hintergründe, aber eben auch die westlichen Energie - und ökonomischen Interessen. Lüders weiter: Vor diesem Hintergrund wirkten viele westliche sinnstiftende Erzählmotive falsch,  die syrische Bevölkerung  in ihrer Mehrheit hätte sich gegen das Assad-Regime erhoben und der Westen müsse sie unterstützen.

Aber wieso ist es nach Lüders' Meinung falsch, dass der Westen auf moderate und gemäßigte Kräfte setzt?

Weil es laut Lüders gar keine gemäßigten Rebellengruppen mehr gibt. Die syrische Opposition, schreibt Lüders, bestünde heute überwiegend aus gewalttätigsten Dschihadisten und Islamisten, unterstützt von den USA und Saudi-Arabien, weil die USA an sogenannte "gute" Islamisten glaubten. Die gemäßigte Opposition sei daher pures Wunschdenken des Westens. Die Freie Syrische Armee etwa und die Exil-Organisationen hätten keinerlei Einfluss auf das syrische Geschehen.

Thesen und Ansichten von Michael Lüders sind immer wieder auch in die Nähe von Verschwörungstheorien gerückt worden.

Ein wichtiges Buch

Mit dem Verschwörungstheorie-Argument kommuniziert ja immer die Frage der Überprüfbarkeit. Das Pipeline-Argument ist nachprüfbar. Das Assad-Regime wiederum ging der bei Bombardierung der Rebellen in Ost-Aleppo sicherlich auch verbrecherisch vor, Stichwort Fassbomben.

Die mediale Berichterstattung dazu bei uns war umfangreichst. Jetzt, aktuell bei der amerikanischen-britischen Bombardierung zur Rückeroberung Mossuls  gibt es anscheinend fast keine zivilen Opfer. Jedenfalls sieht und hört man fast nichts davon. Nur falsche Wahrnehmung?

Nein. Wenn mediale Demokratie bei uns ernstgemeint ist, dann ist Lüders Analyse der syrischen Situation ein Beweis dafür, dass es sie, die mediale Demokratie, überhaupt gibt, dass es "die andere Position" auch zu Kriegshandlungen immer noch gibt. Ein wichtiges Buch, das nachreicht, was andere weglassen.

Salli Sallmann, kulturradio

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