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Literarische Biografie - Hisham Matar: "Die Rückkehr. Auf der Suche nach meinem verlorenen Vater"

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Nach zwei Romanen setzt sich der libysche Autor Hisham Matar nun in Form einer Art Biografie ein weiteres Mal mit dem ungeklärten Verschwinden seines Vaters aus einem berüchtigten libyschen Gefängnis auseinander.

Dreimal, in bisher drei Büchern, hat sich der libysche Diplomatensohn Hisham Matar, der als Autor im Londoner Exil lebt, literarisch mit dem Verschwinden seines Vaters auseinandergesetzt und diese Leerstelle in seiner Familiengeschichte umkreist.

Die ersten beiden Bücher waren Romane ("Im Land der Männer", 2007, und "Geschichte eines Verschwindens", 2011). Als Fiktionen basierten sie nur lose auf den tatsächlichen biografischen Fakten der Familie Matar, waren eher Variationen zu den allgemeineren Themen Dissidententum, Entführung, Verrat, Haft und Folter in einer Diktatur sowie den Bemühungen einer fragmentierten Familie im Exil, die Wahrheit über den Verbleib des verschwundenen Vaters herauszufinden.

Pulitzer-Preis für das Buch

Der dritte Band seines Vatersuche-Triptychons, für den Hisham Matar soeben, im April 2017, mit dem Pulitzer-Preis in der Kategorie (Auto)-Biografie ausgezeichnet wurde, ist kein Roman, aber streng genommen auch keine Autobiografie oder Biografie, sondern vielmehr ein literarisches Werk zwischen allen Genres.

"Die Rückkehr. Auf der Suche nach meinem verlorenen Vater" kombiniert eine detektivische Spurensuche und Fragmente einer Familiengeschichte und Familienzusammenführung mit dem Bericht einer Reise im Jahr 2012 in das post-revolutionäre Libyen, liefert Mutmaßungen über das Leben und den Tod des verschwundenen Vaters Jaballa Matar sowie Erkenntnisse über Muammar al-Gaddafis Terrorherrschaft und reflektiert das Leben des Autors im Exil mit besonderem Augenmerk für seine Bildungs- und Kunsterlebnisse (vor allem Aristoteles, Tizian, Proust und Turgenjew) und sein Interesse für Architektur.

Hommage an den verlorenen Vater

Vor allem ist die "Die Rückkehr" ein elegisches Werk der Trauer angesichts der nicht aufzulösenden Ungewissheit über das Schicksal des Vaters, dessen Todesumstände uneindeutig sind und dessen Todesdatum ebenso wenig feststeht wie sein Grab. Wie in einer Hommage üblich, wird das Bild des verlorenen Vaters heroisiert und idealisiert, die dubiosen Aspekte im Leben des Regime-Gegners und militanten Aktivisten Jaballa Matar, seine zweifelhaften politischen Umtriebe, bleiben unerwähnt oder werden in ein glorreiches Licht gerückt.

Ein "Leben in Wartestellung"

"Ich weiß nicht, ob mein Vater tot ist, aber ich weiß auch nicht, ob er noch lebt." Dieser Satz, den Hisham Matar in einem Interview mit der Londoner "Times" sagte, markiert das zentrale Trauma im Leben des Autors, nämlich die permanente Uneindeutigkeit seiner Trauer, die ihn zu einem "Leben in Wartestellung" verurteilte. Dieser Satz ist auch das Leitmotiv seiner Trilogie. "Nicht zu wissen, wann mein Vater zu existieren aufhörte, hat die Grenze zwischen Leben und Tod weiter kompliziert", heißt es in "Die Rückkehr". Das Buch weist eine komplexe Erzählstruktur auf, mäandert vor- und rückwärts durch die Chronologie, gibt dem Leser zur Orientierung jedoch bestimmte Wendepunkte im Hisham Matars Leben an die Hand.

Diplomat, Geschäftsmann und Regimegegner

Geboren wurde Hisham Matar 1970 in New York, als sein Vater als libyscher Diplomat bei den Vereinten Nationen arbeitete. 1973 kehrte die Familie nach Tripolis zurück, wo der Vater als Geschäftsmann ein Vermögen machte. 1979 flüchtete Jaballa Matar mit der Familie aus Libyen, da der Machthaber Gaddafi den Druck auf Regimegegner bedrohlich erhöhte. Die Exilstationen der Matars waren erst Nairobi und dann Kairo. Im Kairoer Exil intensivierte der Vater mithilfe diverser von der CIA unterstützter Widerstandsgruppen und Untergrundzellen den Kampf zum Sturz Gaddafis, baute im Tschad sogar eine Privatarmee für den Einmarsch in Libyen auf.

Vom Geheimdienst entführt und verschleppt

Im März 1990, als der Sohn längst unter falschem Namen in England studierte, wurde der Vater vom ägyptischen Geheimdienst aus Kairo entführt und an Gaddafi ausgeliefert. Er kam in das berüchtigte Folter-Gefängnis Abu Salim in Tripolis. Zwei Onkel und zwei Cousins Hisham Matars wurden gleichfalls verhaftet und kamen erst nach 21 Jahren aus Abu Salim frei. Drei aus dem Gefängnis herausgeschmuggelte Briefe des Vaters bestätigen, dass er Mitte der 1990er Jahre noch lebte.

Danach verliert sich seine Spur. 1996 kam es in Abu Salim zu einem Massaker. Es ist möglich, dass sich Jaballa Matar unter den 1.270 Gefangenen befand, die damals im Gefängnishof zusammengetrieben und erschossen wurden. Vielleicht, so spekuliert der Sohn, wurde er auch erst später "erschossen, gehängt oder zu Tode gefoltert". Hishams älterer Bruder ist sogar der Meinung, der Vater könnte noch irgendwo unerkannt im Lande leben, als gedächtnisloser, zerstörter Greis, wie König Lear.

Besuch in Libyen nach Gaddafis Sturz

Hisham Matars erste Reise in seine alte Heimat nach mehr als dreißig Jahren im Exil bildet den Erzählrahmen von "Die Rückkehr". Im März 2012 besucht er in Begleitung seiner Mutter und seiner Frau erstmals wieder Libyen, in dem schmalen Zeitfenster, als nach Gaddafis Sturz Demokratie und Rechtsstaat für das Land in Reichweite schienen. Hisham Matar ist unterwegs als Reporter, der sich über den politischen Zustand des Landes ein Bild machen will, als Heimkehrer, der seine Großfamilie neu kennenlernen will, und als Sohn, der sich Klarheit über das Schicksal seines Vaters verschaffen, ihn betrauern und endlich damit abschließen will, dass ihn der Geist des Vaters seit dreißig Jahren verfolgt.

Während der Autor in Libyen zahllose Familienmitglieder trifft und mit Verwandten und alten Freunden und Anhängern seines Vaters spricht, rekapituliert er in Rückblicken und Erinnerungsblitzen die einzelnen Stationen seiner Vater-Sohn-Story und berichtet von den über Jahre hinweg mühsam recherchierten Details der Leidensgeschichte seines Vaters.

Keine Hilfe von Gaddafis Sohn

Von Bengazi reisen die Rückkehrer ins Landesinnere, nach Adschdabiya, dem Stammsitz des Clans. Dort trifft er die Großfamilie und kann seinen Onkel in die Arme schließen, der eben erst nach 21 Gefängnisjahren freigekommen ist und dessen knochigen Körper er an sich drückt. Allerdings bringt er es nicht über sich, nach Tripolis zu fahren und das Gefängnis Abu Salim zu besichtigen, über das er so viele grauenhafte Geschichten gehört und gesammelt hat: "Mir fehlte die Kraft für Abu Salim. Ich hatte Angst, dass mich das auf ewig zerstören könnte."

Die bizarrste Episode des Buches erzählt von Saif al-Islam, dem in London lebenden so tückischen wie aalglatten Sohn des Diktators Gaddafi, an den sich Hisham Matar in seiner Not wendet, mit der Bitte um Aufklärung über das Schicksal seines Vaters. Daran schließen sich viele nervtötende Monate ebenso sprunghafter wie irreführender Verhandlungen, in denen die Hoffnungen des Autors auf Auskunft immer wieder getäuscht werden und die schließlich in den Wirren um Gaddafis Sturz versanden. Gut denkbar, dass Gaddafis Sohn sich nur als Vermittler aufspielen wollte und über den Verbleib Jaballa Matars auch nicht mehr wusste als dessen frustrierter Sohn.

Sigrid Löffler, kulturradio

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