J. D. Vance: "Hillbilly-Elegie"; Montage: rbb
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Erzählendes Sachbuch - J. D. Vance: "Hillbilly-Elegie"

Das Buch, der Autor und die Hillbillies, alle drei bieten enorme Reibungsflächen. So glatt sich das Buch weglesen lässt, seine Thesen sind sperrig.

"Ich liebe diese Menschen, selbst diejenigen, mit denen ich es vermeide zu sprechen, weil ich meine eigene geistige Gesundheit nicht aufs Spiel setzen will." - Liebe soll es also sein. Aber es ist eine seltsame Liebe, die den Yale-Absolventen und erfolgreichen Unternehmensberater James David Vance mit den Menschen verbindet, mit denen er die Herkunft teilt.

Erbarmungswürdige Biografien

Es geht um die Nachfahren vor allem schottischer Einwanderer in den Appalachen, im de-industrialisierten Rost Belt im Osten der USA, namentlich in Kentucky und Ohio, wo Vance in der Kleinstadt Middletown aufwuchs. Diese Menschen sind – um Vance' Auskünfte zu raffen - arm, proletarisch stolz, eklatant bildungsfern bis bildungsfeindlich, wenig arbeitssam, nicht selten gewaltbereit, nicht selten auch auf Alkohol und härteren Drogen; sie machen alles mögliche für ihr Dasein in den Kellergeschossen des Wohlstands  verantwortlich, aber nur in Ausnahmefällen sich selbst.

Trotz aller Liebesbeteuerungen formuliert "Hillbilly-Elegie" einen konservativ gefärbten Vorwurf: Nicht so sehr die Gesellschaft insgesamt, die Politik, die in ihren lokalen Konsequenzen überaus harte Globalisierung oder was auch immer hält die Leute unten, sondern vor allem sie selbst. Oder anders: Der fatale Umstand, dass sie so sind, wie sie sind. Wie ihr Alltag im Einzelnen aussieht, davon handelt Vance' Sittengemälde im Modus einer Familien- und Lebensgeschichte. Man lernt extrem raue zwischenmenschliche Verhältnisse und  erbarmungswürdige Biografien kennen. Man spürt die Glocke der Dumpfheit, die über allem liegt.

Positive Einflüsse

Vance selbst allerdings kapiert irgendwann: Die eigene Lebensgeschichte ist nicht unausweichlich ein von der Geburt vorherbestimmtes Schicksal, man kann vielmehr entscheidende Dinge selbst in die Hand nehmen. Dabei profitiert Vance einigen positiven äußerlichen Einflüssen.

Er verehrt seine Großeltern und namentlich die geliebte Großmutter, seine "Mamaw", eine Waffennärrin, deren Flüche unflätig und deren Ausdrucksweise überhaupt eine Essenz des Vulgären ist. Vance wohnt mehrere Jahre bei Mamaw; sie gibt ihm die Geborgenheit, die Sicherheit, die Stetigkeit im Alltag, den Anschub, nach Höherem zu streben; sie gibt ihm all das, was ihm seine leibliche Mutter nie geben konnte, weil sie zu sehr mit wechselnden Männern und wechselnden Drogen befasst war.

Lob der Marines

Von Mamaw auf die richtige Fährte gesetzt, verpflichtet sich Vance nach der Schule für vier Jahre bei den US-Marines und zieht in den Irak-Krieg, den US-Präsident George W. Bush nach 9/11 vom Zaun bricht. Nahezu ohne Zwischentöne verherrlicht Vance die harte Ausbildung bei den Marines. Erst nach den Jahren im Militär sei er einigermaßen reif gewesen, ein unabhängiges, diszipliniertes Leben zu führen und strategisch durchdachte Entscheidungen zu treffen. Als auffallend cleverer Yale-Student in die elitären Kreise der Ostküste vorzustoßen, war dann schon nicht mehr so schwer. Dass er intellektuell offenkundig weit begabter ist als die große Mehrheit der Hillbillies (etwa "Hinterwäldler"), nimmt Vance nur zurückhaltend in seine Lebensrechnung auf.

Unpoltisch und naiv

Man hat indessen den Eindruck, dass der erfolgreiche Aufsteiger Vance trotz tollem Abschluss in Yale ein unpolitischer, manchmal geradezu naiver Mensch geblieben ist. Aus dem Irak-Krieg erzählt er einzig und allein, wie anrührend ein irakischer Junge gestrahlt hat, als er ihm einen Radiergummi schenkte. Da versinkt also ein Land nach einem geradezu klassisch imperialistischen Angriffs-Krieg der USA in Blut und Gewalt – Vance aber tischt seinen Lesern die kitischige Ratzefummel-Story auf.

Im übrigen findet er die Macht- und Bereicherungsspielchen seiner neuen Klasse zwar bisweilen bizarr. Dass darin aber ein gesellschaftliches Problem liegen könnte, insofern es die Vorbehalte der Abgehängten gegen die "Eliten" bestätigt und verschärft, kümmert ihn kaum. Er bedauert halt, dass sie den Dreh nicht finden, weil sie im Eigenen versumpfen.

Vance ist gewiss ein untypischer Hillbilly – womöglich aber ein typischer neokonservativer Neureicher. Warum er die USA reflexhaft als "das großartigste Land der Welt" bezeichnet, während er gleichzeitig eine Studie massiver Verelendung vorlegt, bleibt offen. Wie es scheint, kann Vance die Koordinaten seiner Herkunft weit genauer reflektieren als die Koordinaten seiner neuen Existenz.

Packender Einblick

Laut Ullstein Verlag erklärt Vance' Buch "nicht zuletzt den Wahltriumph eines Donald Trump" - was höchstens indirekt richtig ist. Der packende Einblick in den beschränkten Hillbilly-Kosmos verrät vor allem, dass die Menschen dort in aller Regel Politik mit ein paar drastischen Vorurteilen abtun. Dass sie auf die verblasene Re-Industrialisierungs-Propaganda Donald Trumps reingefallen sind, lässt sich immerhin vermuten. So wie sich vermuten lässt, dass Vance mit seiner immer wieder aufscheinenden Sympathie für das Evangelikale, seiner Verherrlichung der behüteten Familie und seinem Genuss amerikanischer Saturiertheit zumindest nicht den Linken Bernie Sanders gewählt hat.

Erfreulicher Erfolg

Trotzdem oder gerade deshalb ist es erfreulich, dass "Hillbilly-Elegie" nach dem gigantischen Erfolg in den USA auch hier ein Bestseller geworden ist: Das Buch, der Autor und die Hillbillies, alle drei bieten enorme Reibungsflächen. So glatt sich das Buch weglesen lässt, seine Thesen sind sperrig.

Man wünscht sich, irgend jemand, der anders als Vance ein echter Hillbilly geblieben ist, würde einen Kommentar dazu schreiben. Nur wird es dazu kaum kommen. Denn wenn wir Vance Glauben schenken, interessieren sich die Hillbillies in ihren Appalachen-Städtchen für solche Aktivitäten ganz und gar nicht.

Arno Orzessek, kulturradio

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