Boris von Brauchitsch: Licht, Luft und Luxus © be.bra Verlag | Montage: rbb
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Bildband - Boris von Brauchitsch: "Licht, Luft und Luxus"

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West-Berliner Wohnträume der 1960er- und 1970er Jahre - Fotografien von Heinrich Kuhn

Es geht hier um eine Zeit, als eine Wohnung noch ein Verheißung war: Eine neue Wohnung versprach ein besseres, weil komfortableres Leben. Wer gerade im Moment in Berlin eine Wohnung sucht, denkt vielleicht, da hätte sich nicht viel geändert. Aber man muss schon etwas genauer hinschauen. Die 60er und auch die 70er Jahre waren noch geprägt vom sehr maroden Zustand vieler Mietskasernen, von runtergekommen Wohnungen  und aus heutiger Sicht immer noch primitiven sanitären Verhältnissen. Das ist der Ausgangspunkt dieses Buches bzw. des Berliner Fotografen Heinrich Kuhn.

Schwarz-Weiß

Er war Jahrgang 1918 und hat bis 2001in Berlin gelebt. Nach dem Krieg hat er als Fotograf für die Industrie und auch die Modebranche gearbeitet, hat auch wichtige gesellschaftliche Ereignisse wie den Kennedy-Besuch fotografiert. Und dann erhielt er den Auftrag vom Senat, den Wandel der Stadt Berlin zu dokumentieren. Und über kurz oder lang wurde das auch zu seinem persönlichen Anliegen. Er war über viele Jahre in den alten Häusern und bei ihren Bewohnern unterwegs, die auf einen Umzug hofften, er dokumentierte oft den Abriss dieser Häuser und dann eben auch das Entstehen der großen Westberliner Neubaugebiete

So beginnt das Buch auch mit Schwarz-Weiß Fotografien, zum Teil durchaus drastisch, die den Zustand von Verwahrlosung, auch Armut, Dreck und Müll, dokumentieren. Das Wirtschaftswunder war hier noch lange nicht angekommen. Da erhält man Einblick in Küchen und Wohnsituationen, die die Ausgangssituation gut beschreiben und damit auch den Titel des Buches: Licht, Luft und Luxus: Westberliner Wohnträume.

So haben wir es mit einer Westberliner Dokumentation zu tun und da heißen die Abbruchgebiete Wedding, Stralsunder Straße oder Hussitenstraße, Ackerstraße oder auch Rollbergsiedlung in Neukölln und eine ganze Reihe anderer dazu. Denn ein Teil des Abrisses fotografierte Heinrich Kuhn ebenso. Es gibt z.B. eine Aufnahme eines großen Eck-Mietshauses in der Rollbergsiedlung, wie es leer und schon ohne Fensterscheiben da steht und im nächsten Bild regelrecht in die Knie geht und in sich zusammenfällt.

Dem Paradies schon ziemlich nahe

Dann aber kommt die neue Zeit. Im Buch gut daran erkennbar, dass es von schwarz-weiß zur Farbe wechselt. Und das wird sicher nicht nur mit den neuen technischen Mittel zu tun haben, sondern mit dem Aufbruch zu Licht, Luft und Luxus, den Kuhn genauso zeigen wollte. Denn nun sehen wir ein Teil der neuen Rollbergsiedlung, Spielplätze statt enger Hinterhof. Die Großwohnsiedlungen Marienfelde Süd oder auch Märkisches Viertel zeigen schmucke Wohnblocks und Hochhäuser, frische Farben, Balkons, vor dem Haus gepflanzte kleine Bäumchen, breite Straßen, alles sauber gepflegt und meist ist auch der Himmel auf den Fotos blau. Und ein Blick in die gefliesten Bäder der 60er Jahre – und man ist dem Paradies schon ziemlich nahe …

Gelungenes Essay

Begreiflich ist das alles aus der damaligen Sicht. Es beginnt mit dem Albtraum des Wohnens unter den beschriebenen Verhältnissen und zeigt dann den Traum. Nur wissen wir eben heute, dass die Wirklichkeit dann nicht so traumhaft geblieben ist. Das schwingt einfach mit beim Betrachten der Bilder und ist ja auch gut so. Ich hatte mich dabei ertappt zu überlegen, wie es aussehen würde, wenn man die Farbigkeit umgekehrt genommen hätte: ein verklärtes Sepia bei den alten Verhältnissen und ein scharfes Schwarz-Weiß für die neuen Großsiedlungen …

Und das wäre auch nicht angemessen. Insofern will ich unbedingt noch auf das den Fotos vorangestellte Essay von Boris von Brauchitsch verweisen. Er, Jahrgang 1963, und selbst Fotograf u.a. auch mit Fokus auf die Berliner Stadtgeschichte nähert sich sehr respektvoll den Fotos von Heinrich Kuhn und vor allem schärft er den Blick auf die hinter den Bildern liegenden Prozess der Stadterneuerung mit all den Themen, die sich in den Jahren danach und übrigens bis heute daraus entwickelten.

Danuta Görnandt, kulturradio

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