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Zum Wiederlesen empfohlen - Robert M. Pirsig: "Zen und die Kunst, ein Motorrad zu warten"

Bewertung:

Pirsigs Buch sprengt die bekannten Literatur-Genres und alle Erwartungen, die ein an ordentliche Schubladen gewöhnte Leser haben könnte, werden vorwitzig zerbröselt.

Wer als Kind einen Intelligenzquotienten von 170 hat, ist wohl zeitlebens dazu verdammt, ein Außenseiter zu sein. So wie der 1928 in Minneapolis geborene Robert Maynard Pirsig. Schon mit 14 erwarb er die Hochschulreife, studierte Chemie und Philosophie, arbeitete als Uni-Professor, Journalist und Autor. Dann, 1974, veröffentlichte Pirsig ein Buch, das ihn mit einem Schlag weltberühmt machte: "Zen und die Kunst, ein Motorrad zu warten. Ein Versuch über Werte." Der "New Yorker" stellte das Buch auf eine Stufe mit Herman Melvilles Roman "Moby Dick", die "New York Times" verglich den Autor mit Henry David Thoreau, den Philosophen des einfachen Lebens. Jetzt (am 24. April) ist Robert Pirsig im Alter von 88 Jahren verstorben.

Fortschritt, Technik, Rationalität

"Zen und die Kunst, ein Motorrad zu warten" ist ein Buch, das die bekannten Literatur-Genres sprengt und alle Erwartungen, die ein an ordentliche Schubladen gewöhnte Leser haben könnte, vorwitzig zerbröselt. Es ist feinfühlige Reflexion und ausufernder Roman, religiöses Traktat und philosophisches Manifest, praktischer Ratgeber und pädagogischer Reiseführer durch die Untiefen des Lebens. "Zen" ist dabei nicht wörtlich gemeint, steht nicht für eine Einführung in den Buddhismus, sondern für das Bedürfnis der Menschen nach Sinn, Gott, Spiritualität, Liebe und Glück.

Das "Motorrad" steht für analytisches Denken, Fortschritt, Technik, Rationalität, Vernunft, Hierarchien. Pirsig geht es darum, diese beiden Seiten unseres dualistischen Weltbildes zu versöhnen, kapitalistische Entfremdung und individuelles Glück, technische Fortschrittsrationalität und ganzheitliches Denken in Einklang zu bringen. Das Buch erscheint auf dem Höhepunkt der Hippie-Träume und Aussteiger-Fantasien, und Pirsig will nun die Trennung zwischen Geist und Materie, Wunsch und Wirklichkeit aufheben und am Beispiel des Wartens eines Motorrads untersuchen, ob man Arbeit und Technik nicht auch sinnstiftende, künstlerische Qualitäten abgewinnen kann. Deshalb steht im Titel zwischen den Begriffen "Zen" und "Motorrad" auch noch das schöne und schillernde Wort "Kunst". 

Vater-Sohn-Konflikt

Pirsig bettet seine theologischen, politischen, pädagogischen, technischen Überlegungen in eine autobiografisch geprägte Roman-Handlung ein, schreibt eine Art philosophische "Easy-Rider"-Ballade und fantasiert eine Reise literarisch aus, die er im wirklichen Leben mit seinem damals 12-jährigen Sohn Chris und einem befreundeten Ehepaar unternommen hat:

Robert und Chris, John und Sylvia fahren auf schweren Motorrädern kreuz und quer durch die USA, immer von Ost nach West, vom kalten Chicago ins heiße Kalifornien, und während die Landschaft an ihnen vorbei rauscht, sie über staubige Pisten und ausgelaugte Landstraßen fahren, Schnee und Regen, Eiseskälte und sengende Hitze erleben, in billigen Motels absteigen und vor Müdigkeit, Hunger und Durst manchmal kaum noch denken können und reden mögen, versuchen Robert und Chris ihren seit langem schwelenden Vater-Sohn-Konflikt zu bearbeiten; außerdem versucht Robert, seinem Freund John ein neues Lebensgefühl zu vermitteln:

Denn während Robert mit seinem Motorrad eins sein und es verstehen will, jede Defekt selbst behebt und jede Reparatur selbst ausführt, will John mit der Technik nichts zu tun haben und sein Motorrad bei jeder Gelegenheit in die Werkstatt bringen: John die "Kunst" der Wartung beizubringen, ist für Robert harte Arbeit.

Die Philosophie kommt beim Fahren und Dahingleiten durch Zeit und Raum ins Spiel: Robert verwandelt sich dann in eine zweite Person, deren Name an alt-griechische Klassiker erinnert: "Phaidros".

Als Phaidros denkt er nach über Mensch und Maschine, Subjekt und Objekt, Zivilisation und Zerstörung, Gott und Gefühl, und wie das alles besser ineinandergreifen könnte, wenn wir den entfremdeten Dualismus durch sinnvolle Qualität ersetzen würden. Dieser am Denken verzweifelnde Phaidros ist zugleich fantastische und reale Figur, denn er spiegelt den Teil von Pirsig, der ihn in Krankheit und Schizophrenie abstürzten ließ und ihn zeitweilig von der Familie fortriss:

Weil seine schizophrenen Schübe und aggressiven Anwandlungen gefährlich wurden, hatte man Pirsig in die Psychiatrie zwangseingewiesen, ihn mit Elektroschocks behandelt, und ihm, wie er im Roman als Phaidros sagt, die Persönlichkeit zerstört. Die Persönlichkeit neu zu definieren und eine neue, bessere Beziehung zu seinem Sohn Chris aufzubauen, ist denn auch das eigentliche Anliegen der Reise und des Buches.

Ein weiter Weg

Vater und Sohn sind auf dem besten Wege, ihre kaputte Beziehung wieder zu kitten. Sie sind nach langen, strapaziösen Wochen endlich in San Francisco angekommen, haben sich immer wieder gestritten und versöhnt, sich angeschrien, angeschwiegen und ausgesprochen. "Jetzt ist ein Gefühl da", notiert Robert zum Schluss, "das vorher nicht da war, und es ist auch nicht nur an der Oberfläche der Dinge, sondern dringt bis auf den Grund:

Wir sind über den Berg. Von nun an wird alles besser. So etwas spürt man irgendwie." Klingt gut. Doch man sollte sich nicht zu früh freuen, denn Pirsig schreibt in einer Neuauflage seines Buches, zehn Jahren später, dass Chris, kurz vor seinem 23. Geburtstag auf offener Straße ausgeraubt und erstochen wurde. Die schreckliche Ironie des Schicksals: Chris hatte sich gerade ein eigenes Motorrad gekauft und wollte damit eine Reise unternehmen, und er kam, als man ihn überfiel und ermordete, gerade aus dem Zen Center in San Francisco, an dem er studierte.

Bis Glaube und Arbeit, Vernunft und Gefühl versöhnt sind, bis Mordlust und Geldgier durch Kunst und Sinn ersetzt werden, bis alle begriffen haben, was "Zen und die Kunst, ein Motorrad zu warten" bedeutet, ist es wohl doch noch ein ziemlich weiter Weg. 

Frank Dietschreit, kulturradio

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