Walt Whitman: Jack Engles Leben und Abenteuer; Montage: rbb
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Zum Wiederlesen empfohlen - Walt Whitman: "Jack Engles Leben und Abenteuer"

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Walt Whitman (1819-1892) ist eine Ikone der amerikanischen Literatur. Da gilt ein bis dato unbekannter Text von ihm schon mal als Literatursensation.

Mit seinem bei jeder Neuauflage immer wieder um neue Gedicht-Zyklen erweiterten Lyrik-Band "Leaves of Grass" ("Grashalme" oder "Grasblätter"), hat er die poetische Moderne mit begründet. Seine sprachmächtigen, rhythmisch frei schwingenden Verse, in denen er die Schönheit der Natur und das Chaos des Alltags, die Erhabenheit der Schöpfung und die Niederungen der Seele durchschreitet, sind bis heute wegweisend.

Dass jetzt, nach 165 Jahren, ein Text auftaucht, den man eindeutig Walt Whitman zuschreiben kann, gilt manchen als literarische Sensation: Kaum verwunderlich, dass "Life and Adventure of Jack Engle" sofort übersetzt wurde und jetzt unter dem Titel "Jack Engles Leben und Abenteuer" auf Deutsch erscheint.

Vom literarischen Luftikus zum verehrten Weltpoeten

Der Text kommt aus den tiefsten Tiefen der Zeitungsarchive, denn "Life and Adventure of Jack Engle" erschien von Mitte März bis Mitte April 1852 im New Yorker "Sunday Dispatch". Es ist ein Fortsetzungsroman, dessen Verfasser anonym blieb und vielleicht auch zeitlebens anonym bleiben wollte. Denn Walt Whitman hat sich später, nachdem er vom literarischen Luftikus zum hoch verehrten Weltpoeten wurde, nie wieder zu dieser mal so eben mit leichter Hand und frechem Blick hingeworfenen Story geäußert oder sie gar für eine Buchveröffentlichung neu aufbereitet. Ob der Roman ihm später peinlich war oder er ihn schlicht und einfach vergessen hat, ist bis heute ungeklärt.

Whitman war damals – Anfang der 1850er Jahre – ein junger Autor, der noch nach seiner Bestimmung und seinem Weg suchte. Er war zugleich Journalist und Immobilienmakler, Schriftsetzer und Ladenbesitzer. Um ein bisschen Kleingeld zu verdienen und seine literarische Feder zu schärfen, schrieb er – anonym – diesen Fortsetzungsroman, der jetzt von Whitman-Spezialist Zachary Turpin eindeutig als ein Whitman-Text identifiziert wurde.

Turpin hat in den Tagebüchern Whitmans Hinweise auf die Geschichte gefunden, er hat mit den Daten seinen Computer gefüttert und ist schließlich über verschiedene Umwege bis ins – noch nicht digitalisierte – verstaubte Archiv des "Sunday Dispatch" gelangt, ist dort fündig geworden und hat diesen Text ans Tageslicht gebracht, zu dem sich die Literaturgeschichte bisher ausschweigt. Reaktionen oder Rezensionen von damals sind jedenfalls nirgendwo überliefert oder archiviert.

Referenzen an den britischen Kollegen

Die Fortsetzungsgeschichte hat Referenzen und Anspielungen an den großen britischen Kollegen Charles Dickens. Auch Dickens hat viele seiner Romane als sozialkritische Fortsetzungs-Geschichten zuerst in Zeitungen und Zeitschriften publiziert. Und so wie Dickens in "Oliver Twist", "Nicholas Nickelby" oder "David Copperfield" immer wieder von Verwechslungen und Vertauschungen, von sozialer Ungleichheit und Ungerechtigkeit, vom Elend der kleinen Leute und von der Korruption der Mächtigen in London erzählt, schreibt Walt Whitman in "Jack Engles Leben und Abenteuer" einen ähnlichen, nur eben in New York spielenden Roman, in dem ein Waisenkind seiner Biografie beraubt, um sein Erbe und seine Zukunft gebracht werden soll.

Es ist ein Roman, in dem fiese Juristen und geldgeile Politiker lügen und betrügen, dass sich die Balken biegen, und nur mit Hilfe von tugendhaften, mutigen Menschen gehindert werden können, die Demokratie zu untergraben und das Glücksversprechen Amerikas mit Füßen zu treten. Es ist ein uramerikanischer Roman, in dem Pioniergeist und Improvisationstalent wichtig sind, und jeder, egal woher er kommt, welche Religion er hat und welchem Stand er angehört, die Möglichkeit haben sollte, sich in eine bessere Zukunft aufzumachen.

Kleinkind, Bettler und Dieb

Jacks Leben ist ein einiges soziales Abenteuer, und es ist der erwachsene und geläuterte Jack, der uns davon erzählt: Jack lebt – ohne zu wissen, wer seine Eltern sind und woher er kommt – als kriminelles Kleinkind, Bettler und Dieb in der Gosse, kommt dann durch einen Zufall als verwahrloster Rabauke zu einem gutbürgerlichen Ehepaar, das ihn wie einen eigenes Kind aufnimmt und liebevoll großzieht.

Als junger Mann tritt Jack in die Dienste eines Juristen, Mr. Covert, der sich als hinterlistig und betrügerisch erweist, der Gelder und Erbschaften unterschlägt und als Politiker Karriere machen will. Mr. Covert ist überdies Vormund einer jungen Dame, Martha, deren Schicksal auf verschlungene Weise mit dem Schicksal von Jack verbunden ist.

Es dauert eine ganze Weile, bis Jack die Zusammenhänge durchschaut, bis ihm klar wird, wer sein Vater war, woher er Martha kennt, was die beiden unauflöslich verbindet – und warum sie sich bis ans Ende ihrer Tage lieben werden.

Bis Jack weiß, wie er sein Schicksal korrigieren und für Gerechtigkeit sorgen kann, muss er – in diesem sozialkritischen Bildungsroman – wichtige Erkenntnisse über politische und menschliche Abgründe gewinnen und lernen, wem er vertrauen kann und vor wem und vor welchen Versuchungen er sich unbedingt hüten müssen.

Mit der heißen Nadel gestrickt

Der Fund selbst ist schon eine - kleine – Literatursensation. Der Roman ist es eher nicht, gerade mit Blick auf Dickens ist Whitmans Geschichte vom Waisenkind, das von miesen Reichen und Mächtigen und liebevollen Frauen und einfachen Leuten umzingelt ist, ein bisschen dürftig. Man spürt, dass Whitman mit der heißen Nadel gestrickt und mit schneller Feder geschrieben hat, er keinen rechten Plan hat, was er eigentlich wie und warum erzählen will.

Immer wieder gibt es seltsame Brüche, hängen Motive in der Luft, erscheinen und verschwinden Personen nach Belieben und Zufall. Die Romanfiguren wirken allesamt etwas klischeehaft, sowohl in ihrer plumpen Bösartigkeit als auch in ihrer aufgesetzten Mitmenschlichkeit. Aber der Roman hat auch einen kernigen Witz und bösen Humor, ein offenes Ohr für den Trubel der Großstadt und ein genaues Auge für Ungerechtigkeit und Ungleichheit.

Eigentlich schade, dass Whitman den Stoff später nicht noch einmal hervorgeholt und aus der skizzenhaften Handlung und groben Figurenzeichnung einen richtigen, guten Roman gemacht hat.

Frank Dietschreit, kulturradio

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