Doris Knecht: "Alles über Beziehungen"; Montage: rbb
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Roman - Doris Knecht: "Alles über Beziehungen"

Bewertung:

Lesevergnügen ist bei diesem Roman, der eine Menge über Wahrheiten und Lügen bezüglich Treue und Untreue in einer Beziehung erzählt, garantiert.

"Alles über Beziehungen" heißt der Roman, und eine Zeitung schrieb, treffender müsste er heissen "Alles übers Fremdgehen in Beziehungen". Das stimmt. Im Roman gibt es einen Haupt-Fremdgeher, der heißt Victor, aber auch alle anderen Figuren - außer Victors ahnungsloser Lebenspartnerin Madga - gehen in diesem Roman ebenfalls fremd und sind Liebesbetrüger und Seitenspringerinnen.

Treue & Untreue

"Alles über Beziehungen" ist hier also nicht zu erfahren, wohl aber, und das ist Bestandteil des inhaltlichen Programms dieses streckenweise vergnüglich zu lesenden Textes, eine Menge über Wahrheiten und Lügen bezüglich Treue und Untreue in Paar-Beziehungen in den Zeiten von e-mail, sms, facebook oder twitter.  

Ein geheimer Weiberheld

Nun ist dieses Buch kein Erotik-Roman, wohl aber einer, der sich als verschmitztes Sittenbild versteht. Die Zielgruppe dafür definiert gleich der erste Satz, der lautet: "Reiche weiße Menschen haben auch Probleme“. Und zwar haben sie Probleme mit Sexsucht, mit Sex -Gier, Gier nach Kurzzeitaffären und One-Night-Stands, und dazwischen jonglieren sie ihre Beziehungsbindungen hindurch, auf die sie auch nicht verzichten wollen, die ihnen aber zu alltäglich geworden sind, wie eben für den Held Victor. Der hat fünf Kinder aus verschiedenen Beziehungen und lebt mit Magda. Im Zweitleben aber ist er ein geheimer Weiberheld und beischläft sich durch drei oder vier andere Betten pro Woche.

Hierarch der Kreativ-Szene

Doch woher kommt sein Erfolg bei Frauen? Victor ist eine Art "Kulturhengst"  aus der Wiener Kulturboheme (in Wien spielt das alles),Victor hat als Intendant eines Szene-Theaters den Sticker "wichtig wichtig" am Jackett, er ist ein Hierarch der Kreativ-Szene, ansonsten hat er eine kleine Wampe und eine Glatze und Bluthochdruck, wird 50 und ist alles andere als attraktiv, er ist als Mann eher ein Durchschnittsmensch. Victor macht – und das regelrecht - die Frauen in seinem Umfeld klar, da, wo er Frauen beeindrucken kann, durch Funktion und gebildetes Kulturszenen-Gerede. Die Gespielinnen des Kultur-Gurus Victor sind dabei mitnichten Opferfiguren, und Victors Kulturgerede ist nur ein Verständigungs-und Anmach-Code in der sich für schick und hipp haltenden Szene der Wiener Kreativmenschen.

Stilistisch ausgezeichnet

Jede der Frauen, die Victor flachlegt, hat ihre eigenen Gründe, sich mit Victor einzulassen. Der Leser merkt das, weil die Erzählerin zwischendurch in die Köpfe dieser Frauen schlüpft, stilistisch übrigens ausgezeichnet gelungen. Die Anwältin Helen beispielsweise tröstet sich mit Victor über ihre Ehetragödie mit einem hysterischen Gewaltmensch hinweg: " (…) Sie wollte es nicht genauer wissen, wo er noch hinging, mit wem er noch schlief (…), plus, er war wichtig und anerkannt, und sie konnte ihn sich als eine Art unsichtbare Trophäe auf ein Regal in ihrer Kanzlei stellen."

Cleverer Fremdgeher

Über Victor weiß der Leser an vielen Stellen mehr als der über sich selbst. Aber erst einmal ist Victor als Fremdgeher clever. Er hat Regeln. Freundinnen seiner Partnerin Magda sind tabu. Obwohl ihn das reizt. Oder: Frauen ohne fixen Partner könnten sich verlieben, das ist gefährlich und daher auf Viktors Unfuckable-Liste ganz oben. Dann: Er ist geheim in teurer Therapie wegen Hypersexualität. "Hypersexuelle  Impulskontrollstörung" bedeutet soviel wie "nicht schuldig", und das soll ihm den Hals retten, falls er doch einmal auffliegt, was natürlich passiert.

Sprachliche Frechheiten

Formal bleibt der Stil auf der leichten, bissig-verschmitzen Ebene. Und dass wir in einer durchsexualisierten Gesellschaft leben, die Sexsüchte als Antriebsmotor für alles Mögliche immerzu aufs Neue produziert, davon ist hier selbstredend nicht die Rede, auch dehnt Doris Knecht die Gegenwartsebene zu stark mit Rückblenden und Exkursen, das zieht sich mitunter, es gibt also Längen. Lesevergnügen ist dennoch garantiert, es gibt schöne sprachliche Frechheiten, etwa über den Durchnittsstyp Victor, der früher immer übersehen wurde und nun, Zitat Knecht, "immer nur sichtbar für DIE Frau ist, in der er jeweils gerade steckt".

Salli Sallmann, kulturradio

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