Denis Johnson: Die lachenden Ungeheuer © Rowohlt | Montage: rbb
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Roman - Denis Johnson: "Die lachenden Ungeheuer"

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Einen düsteren Afrika-Roman, eine abgedrehte Agentengeschichte, einen meta-physischen Thriller, ein aberwitziges road movie - und noch einiges mehr liefert Denis Johnson in seinem Buch "Die lachenden Ungeheuer".

Der vor kurzem verstorbene amerikanische Autor kannte sich in Afrika aus: Für den New Yorker schrieb er Reportagen über seine Erlebnisse in Liberia und Somalia, die unter dem Titel "In der Hölle - Blicke in den Abgrund der Welt" erschienen sind. Nun beschreibt er in seinem Roman einen Höllenritt in eine surreal flimmernde Welt, in der es keine Sicherheiten gibt, keine zivilisatorischen Standards, in der nur das Gesetz des Stärkeren und vor allem des Schlaueren gilt.

Roland Nair, Däne mit amerikanischem Pass, der kein Dänisch kann, war vor zehn Jahren als Agent eines amerikanischen Geheimdienstes in den Bürgerkrieg in Sierra Leone verwickelt. Nun kehrt er in die Hauptstadt Freetown zurück, eine dampfende, gärende Welt mit runtergewirtschafteten Hotels, in denen die Klimaanlagen ausfallen und zwielichtige Gestalten aus alten Zeiten wie Lemuren umherhuschen. Noch immer gibt’s den verdeckten Interpol-Ermittler, und auch der AP-Korrespondent und CIA-Informant, der in den Geheimdienst von Sierra Leone eingeschleust worden ist, betreibt weiter seine undurchsichtigen Geschäfte, Gestalten wie aus einem Roman von Graham Greene.

Realität und Fiktion

Nicht nur hier spielt Johnson gerne mit den Motiven und Gestalten der alten Meister, zitiert und variiert sie. Wie John Le Carré zeigt er, wie sich in den Geheimdiensten Realität und Fiktion untrennbar mischen und irgendwann gar nicht mehr klar ist: Wer steht wofür, wer ist dagegen, wer befindet sich auf der einen, wer auf der anderen Seite?

Dieses Durcheinander will sich Roland Nair zunutze machen. Einerseits ist er von seinem Geheimdienst nach Freetown geschickt worden, um seinen alten afrikanischen Mitstreiter Michael Adriko zu finden und ihn auszuspionieren. Andererseits treibt ihn aber auch seine Freundschaft mit Adriko zurück, dem er sich verbunden fühlt. "Ich bin zurückgekommen, weil ich das Chaos liebe, Anarchie, Irrsinn, allgemeinen Verfall", meint Nair einmal. Hier spricht der Romantiker, dem das romantische Sehnen nach einer Welt jenseits der Nützlichkeit, jenseits der Verlässlichkeit des Alltags eingeschrieben ist.

Die unterschiedlichen Motivlagen der Protagonisten, ihre widerstrebenden Interessen, ihre unbewussten Antriebe langsam herauszuarbeiten und sie gleichzeitig im Zwielicht zu lassen, zählt zu den Stärken Denis Johnsons. Der Romantiker Nair wäre zu gerne auch ein erfolgreicher Geschäftemacher und plant, Karten vom Glasfaserkabelnetz der US-Armee in sieben westafrikanische Länder zu verkaufen. Sein Freund Michael Adriko wiederum, den er inzwischen aufgetan hat, will angebliches Uran an den israelischen Geheimdienst verticken. Und dann ist da auch noch Davidia St. Claire, eine schöne schwarze Studentin aus Colorado, die Michael Adriko im Kreise seiner Familie heiraten will und die nebenbei auch noch die Tochter des Vorgesetzten von Roland Nair ist.

Höllen- und Drogentrip

Alles ein bisschen zu viel und zu dick aufgetragen? In der Tat, doch Johnson gelingt es, von diesem Höllen- und Drogentrip, der noch erheblich an Fahrt gewinnt, glaubhaft zu erzählen. Nach fünf Tagen Freetown begeben sich die drei in einem klapprigen Flugzeug, das von einer betrunkenen russischen Crew gesteuert wird, nach Entebbe in Uganda. Es beginnt - und spätestens jetzt sind wir bei Joseph Conrad und seiner "Reise ins Herz der Finsternis" angelangt - eine Reise in den Wahn der afrikanischen Bürgerkriege und in den eigenen Wahn der Protagonisten. Sie gelangen ins ugandisch-kongolesische Grenzgebiet, sie werden von Rebellen festgenommen, sie werden getrennt, erleben Plünderungen, Gewalt und Scheinhinrichtungen, Roland Nair gerät in die Gefangenschaft eines US-Spezialkommandos, aus dem er als Lockvogel entlassen wird und schließlich am Fuße der Bergkette der "lachenden Ungeheuer" anlangt. Und dort steht er vor einer mythischen, schrecklichen "Königin", die in einem Baum haust und über ein paar verwirrte Menschen herrscht… Und dann führt Johnson seinen Roman kaltlächelnd in ein Happy-End: Es gelingt Roland Nair tatsächlich, sein Ware zu verkaufen und ein reicher Mann zu werden.

Fantasievoll und wild

Denis Johnson erzählt fantasievoll und wild vom Delirium einzelner Menschen, aber auch vom Delirium eines ganzen Kontinents. Er hat nicht das Bedürfnis zu erklären, welche Ursachen für den Aberwitz der Realität verantwortlich sein könnten. Ganz im Gegenteil, er spitzt zu, er treibt seine Geschichte bis ins Absurde, und so wird sein Roman zu einem düsteren Text über die Möglichkeiten und die Abgründe der menschlichen Natur.

Claus-Ulrich Bielefeld, kulturradio

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