"Die Apokalypse"; Montage: rbb
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Zum Wiederlesen empfohlen - "Die Apokalypse"

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Wer in den Untergrund des Glaubens steigen und wissen will, warum Gewalt-Fantasien und Todes-Visionen auch bei den Christen eine Rolle spielen, kann das hier auf schaurig-schöne Weise nachempfinden.

In der ARD-Themenwoche wird die Frage: "Woran glaubst Du?" von vielen Seiten umkreist und diskutiert. Jeder Mensch hat darauf eine eigene Antwort. Und die muss nicht immer etwas mit Gott zu tun haben. Aber wie ist es mit denen, die an gar nichts oder nicht an die vermeintlich einzig wahre Religion glauben? Müssen sie den Zorn Gottes fürchten, den Tod oder den Weltuntergang, so wie es die Bibel im letzten Buch des Neuen Testaments verkündet?

Das Ende für alle Ungläubigen ist jedenfalls unausweichlich, wenn man der "Offenbarung des Johannes" glauben schenkt. Oder haben wir die apokalyptischen Visionen falsch verstanden? Und wie aktuell und lesbar ist der alte Text heute eigentlich noch? Fragen, die sich auch der Philologe Kurt Steinmann stellt, der "Die Apokalypse" aus dem Altgriechischen neu übersetzt hat. 

Noch ist der Weltuntergang nur Fantasie

Folgt man der Bibel, glauben die Christen seit 2000 Jahren, das Ende steht unmittelbar bevor. Doch noch ist der Weltuntergang nur Fantasie: Müssen die Menschen deshalb enttäuscht sein oder gar vom Glauben abfallen?

Nein. Denn enttäuscht worden ist ja nicht die Erwartung des Endes, sondern nur die des baldigen Endes. Im übrigen, und das wird oft übersehen oder überlesen, ist "Die Apokalypse" des Johannes ja auch für den, der den einzig wahren Glauben hat, nichts Schlimmes: Denn auf die apokalyptischen Reiter, auf die Unheil verkündenden Engel mit den Posaunen, auf der Zorn Gottes, der aus sieben Schalen auf die Menschheit ausgegossen wird, auf Blitz und Donner, Erdbeben und Sintfluten, folgt ja irgendwann die finale Befreiung, die Wiederkunft Jesu und das Paradies auf Erden: Freiheit für alle, die sich rechtzeitig von der "Hure Babylon" losgesagt und ein gottesfürchtiges Leben geführt haben, Freiheit für alle, die sich vorm Weltuntergang von Gott haben ein Kennzeichen auf die Stirn malen lassen, sie brauchen das Ende nicht zu fürchten, sondern werden - nach einer tausendjährigen Durstrecke - aus den höllischen Verwüstungen wieder auferstehen und als Sieger aus der Schlacht der Kulturen hervorgehen.

Sprachlicher und intellektueller Gewinn

Es ist ein sprachlicher und intellektueller Gewinn, was der Schweizer Altphilologe Kurt Steinmann aus diesem bis heute geheimnisvollsten Text des Neuen Testaments herausliest und herausschält, die Vision vom Weltuntergang steht ja wie ein Fremdkörper in der Bibel, und schon Martin Luther konnte nicht recht was mit den Visionen des Johannes anfangen und sagte: "Mein Geist will sich in dies Buch nicht schicken."

Steinmann sortiert die krausen Gedanken des Textes neu und sondiert die schludrigen Übersetzungen, modernisiert manche Wortbedeutung, geht aber auch manchmal wieder auf den griechischen Ursprung zurück. Steinmann demonstriert jetzt auch noch einmal eindringlich, welche poetische Schönheit und expressive Kraft sich in diesem so drastischen Endzeit-Szenarium verbirgt, und er arbeitet in seiner Übersetzung auch ganz deutlich heraus, wie sich "Die Apokalypse" in Ton und Stil, in der Bilder-Gewalt und der drastischen Erzählweise von allen anderen Texten der Bibel unterscheidet.

Steinmann räumt auch mit weit verbreiteten Missverständnissen: Denn der Autor der Offenbarung ist weder Johannes, der Lieblingsjünger von Jesus, noch Johannes, der Evangelist, sondern ein Schriftsteller und Prophet, der im Vorderen Orient lebte und sich im Dunkeln der jüdisch-christlichen Religionsgeschichte verliert. 

Eine politisch-religiöse Kampfschrift

Erst einmal muss Steinmann mit einem weit verbreiteten Missverständnis oder besser: mit einer seltsamen Bedeutungsverschiebung des Wortes "Apokalypse" aufräumen: Es bedeutet im Altgriechischen nicht Untergang und Inferno, sondern dass etwas Verborgenes entschleiert und etwas Fernes offenbart wird.

Johannes gibt sich als Sprachrohr Gottes aus und teilt seinen Lesern und Hörern mit, was Gott seinem Sohn Jesus offenbart hat, nämlich dass das Ende nah ist und schrecklich sein wird, dass Gott die Ungläubigen bestrafen und die Welt zerstören wird - und nur die Rechtgläubigen das fürchterliche Gottesgericht überstehen werden.

Johannes verschickt seine Offenbarung an die sieben christlichen Gemeinden des von Rom besetzten vorderen Orient, an Ephesus, Smyrna, Pergamon usw., sieben mal lesen wir in den sieben Sendschreiben an diese sieben Gemeinden fast wortwörtlich dieselben sieben Ankündigungen, die wie mit dem ideologischen Holz-Hammer immer die gleichen Botschaften verkünden: Ihr, die ihr an Gott glaubt und auf die Wiederkehr von Jesus, euren Retter, wartet, habt nichts zu befürchten, ihre werdet belohnt dafür, dass ihr euch, trotz Unterdrückung und Verfolgung, zu Gott bekennt, aber alle anderen und vor allem die Römer, die ihre Herrschaft mit Gewalt durchsetzen und die Christen verfolgen und töten, werden vernichtet und in der Hölle schmoren.

Die "Apokalypse" ist also eine politisch-religiöse Kampfschrift, mit Durchhalteparolen und Belohnungspillen für die Glaubensgenossen, und mit einer klaren Todes- und Vernichtungs-Botschaft für den Feind, der hier unter dem Namen "Babylon" firmiert, aber niemand anderes ist als das gotteslästerliche, ausschweifende römische Imperium.  

Literarische und bibliophile Luxusversion

"Die Apokalypse" tritt uns in einer literarischen und bibliophilen Luxusversion gegenüber. Das Papier ist weich und cremefarben, die Text-Gestaltung leserfreundlich: Auf der rechten Buchseite immer die zurückhaltend-großartige Neuübersetzung von Kurt Steinmann, links die Erläuterungen zu einzelnen Begriffen, Tiersymbolen, Metaphern und Motiven, die heute nicht mehr so geläufig sind.

Wir erfahren da, warum Jesus häufig als Lamm erscheint oder was es mit den Posaunen, den Schalen, mit Babylon oder den Drachen auf sich hat, wofür die einzelnen Zahlen stehen (7, 12, 144.000), die Zahl 666 für den Satan und den Teufel; was mit dem A und O, dem Alpha und Omega, dem Anfang und dem Ende gemeint ist, oder was das - später von den Nazis politisch missbrauchte - 1000-jährige Reich meint; außerdem bebildern sieben erschreckend-schöne Illustrationen des schwedischen Künstlers Daniel Egnéus das blutige Inferno, und schließlich steckt das ganze sadomasochistische Sprachgewitter in einem herrlichen Schmuckschuber: Wer in den Untergrund des Glaubens steigen und wissen will, warum Gewalt-Fantasien und Todes-Visionen auch bei den Christen eine Rolle spielen, kann das hier auf schaurig-schöne Weise nachempfinden.

Frank Dietschreit, kulturradio

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