Donna Leon: "Stille Wasser"; Montage: rbb
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Roman - Donna Leon: "Stille Wasser"

Bewertung:

"Stille Wasser" ist zurecht ein Bestseller, trotz seiner Startschwäche. Wenn man aber nicht direkt in den Commissario verliebt ist, dann wird man nach diesem Brunetti wohl einige Fälle überspringen, bevor man sich wieder auf einen Tod in Venedig einlässt.

Es beginnt holprig, beklemmend holprig. Commissario Guido Brunetti vernimmt den Rechtsanwalt Ruggieri, der einer hübschen jungen Frau während einer Party Tabletten verabreicht haben soll; sie starb noch in selbiger Nacht. Während der Vernehmung bemerkt Brunetti, dass sein Kollege Pucetti dem immer arroganteren Ruggier an die Gurgel will und täuscht zur Ablenkung (Pucettis) einen akuten Schwächeanfall vor. Im Krankenhaus findet man nichts sonderlich Bedrohliches, verschreibt dem Simulanten aber wegen mancherlei Stress-Symptomen einige Wochen Erholung.

Unfall, Selbstmord oder Mord?

Womit Donna Leon den Grund herbeifabuliert hat, den Commissario auf das verfilmungsreife Premium-Anwesen einer entfernten Verwandten zu schicken. Es liegt auf der Insel Sant Erasmo in der Lagune vor Venedig. Dort lernt Brunetti den älteren, höchst vitalen Hausverwalter Davide Casati näher kennen – einen innerlich zerrissenen Mann mit heikler Vorgeschichte, die sich in auffälligen Narben in seiner Haut auf dem Rücken eingetragen hat. Als der überaus orts- und wetterkundige Casati nach einem Gewitter tot aufgefunden wird, kommt endlich die Krimi-Handlung in Gang, in der Ruggieri keine große Rolle mehr spielt. Unfall, Selbstmord oder Mord?, das ist hier die Frage, die Brunetti in die luxuriösesten Altenheime der Umgebung treibt.

Zeitkritischem Unterton

Wie immer bei Donna Leon gibt es auch in "Stille Wasser" ein ordentliches Realitäts-Dekor mit zeitkritischem Unterton. Dieses Mal ist es das weltweite Bienensterben. Besagter Casati ist nämlich Bienenzüchter und hat beim Besuch seiner Stöcke stets viele tote Insekten zu beklagen. Außerdem hat er in seinem früheren Leben bei einer Firma für Abfallentsorgung gearbeitet, und so mancher Abfall nahm dabei nicht den vorgeschriebenen Weg, sondern landete illegalerweise in der Lagune. Casati gibt dem chemischen Müll und damit sich selbst die Schuld am Krebstod seiner Frau.

Kurz: Es ist die Umweltzerstörung, untermalt mit der Standard-Klage über den Massentourismus, der dem Buch ein Quantum Welthaltigkeit verschafft. Das wird dem Krimi keine Gütesiegel von Greenpeace sichern, es dürfte auch kaum ein Leser aufgrund seiner Lektüre dem Umweltschutz-Gedanken nähertreten. Aber immerhin: Die unfrohe moderne Wirklichkeit ist in der Museums-Stadt anwesend.

Schiefe Bilder & Bildungsbürger-Klischees

Indessen lieben die Leute die Brunetti-Geschichten vor allem wegen der speziellen malerisch-kaputten, anmutig morbiden Venedig-Atmosphäre. Und für deren Produktion gönnt sich Donna Leon zwischen der hanebüchenen Herzattacken-Simulation und dem Einsetzen der Krimi-Handlung rund hundert Seiten. Allein, dabei unterlaufen ihr allzu viele schiefe Bilder, zu viel Bildungsbürger-Klischees - Brunetti liest in seiner Auszeit mit erstaunlicher Kennerschaft die antiken Klassiker -, und zu viele dialogische Redundanzen ohne Vortrieb.

Die Langsamkeit der Plot-Entwicklung zermürbt, denn Leons Hauptbegabung liegt gewiss nicht in großer Beschreibungsliteratur. Als Casati tot im Wasser liegt, versucht sich Leon in einer seltsamen Szene, in der Brunetti und ein weiterer Polizist beinahe ertrinken, an der Beschwörung von existenziellem Entsetzen und nackter Angst – auch das ist nicht ihr stärkstes Fach. Erst als die Ermittlungen Fahrt aufnehmen, stellt sich gelinde Spannung ein, vorher ist man dem Trivialen schutzlos ausgeliefert.

Eigene Krimi-Untergattung

Natürlich wäre es absurd, irgendeinem Leser seinen Spaß an Commissario Brunetti madig machen zu wollen. Donna Leon hat mit ihm und durch ihn nicht weniger als ihre eigene Krimi-Untergattung etabliert. Offenbar bietet sie mit jedem neuen Buch genau den kleinen Happen nicht ganz blöder, verlässlich menschelnder Literatur an, den viele alle Jahre wieder (so oft gibt's einen neuen Leon) gern zu sich nehmen.

Soweit Krimis vorhersehbare Dienstleistungen für den Leser sind, ist auch "Stille Wasser" zurecht ein Bestseller, trotz der Startschwäche. Wenn man aber nicht direkt in den Commissario verliebt ist, in diesen irgendwie pfundigen, allemal geerdeten Typen, der nicht zu schlau ist, aber doch auf seine Weise weise, dann wird man nach "Stille Wasser" einige Brunetti-Fälle wohl überspringen, bevor man sich wieder auf einen Tod in Venedig einlässt.

Arno Orzessek, kulturradio

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