Graham Swift: "Ein Festtag"; Montage: rbb
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Novelle - Graham Swift: "Ein Festtag"

Bewertung:

Ein kleines Meisterwerk!

Graham Swift ist Jahrgang 1949 und gehört zu einer erlauchten englischen Autoren-Generation – in eine Reihe mit Julian Barnes, Martin Amis, Ian McEwan, William Boyd und Salman Rushdie. Doch in seinen Themen und seiner Schreibweise unterscheidet er sich deutlich von seinen Generationskollegen.

Seelische Tiefenbohrungen

Graham Swift ist ein sensibler Humanist, ein Meister der Empathie. Er ist der Spezialist für seelische Tiefenbohrungen im Leben ganz gewöhnlicher Leute. Sein Metier ist das Heraufholen und Bewusstmachen tief vergrabener Gefühle. Er schreibt äußerst raffinierte und tiefgründige psychologische Porträts von Menschen, die auf den ersten Blick unscheinbar wirken, deren Innenleben gleichwohl bemerkenswert vielschichtig ist. Oft sind diese Romane verschattet von einer leichten Melancholie, immer aber getragen von Swifts großer Sympathie für seine Figuren. Das ergibt ein Erzählwerk mit genau kalkulierter innerer Vernetzung. Das Besondere im Gewöhnlichen wird herausgestrichen und geadelt. Und unscheinbare Ereignisse offenbaren ihre dramatische Tiefgründigkeit.

Von Graham Swift gibt es die Selbstauskunft: "Fast alles in meinen Romanen dient dazu, die bemerkenswerte Tatsache zu betonen, dass ein jeder unglaublich einzigartig und besonders ist. Und das ist unumkehrbar. Du bist der, der du bist. Und das ist wirklich ganz außergewöhnlich."

Im deutschen Sprachraum ist Graham Swift vor allem mit drei Romanen einem größeren Publikum bekannt geworden: Mit dem (auch erfolgreich verfilmten) Roman "Letzte Runde", mit dem er 1996 den renommierten Booker-Preis gewann, und mit den Romanen "Das helle Licht des Tages" und "Wärst du doch hier" (2012).

Kursorischen Verknappungen und Auslassungen

"Ein Festtag", Graham Swifts jüngstes Werk, ist kein Roman, auch wenn es vom deutschen Verlag aus Verkaufsgründen als solcher etikettiert wird. Dagegen spricht schon der narrative Stil der kursorischen Verknappungen und Auslassungen: Der Plot wird nicht entwickelt, sondern nur in Stichworten en passant angetippt und abgehakt.

Geschichte einer weiblichen Emanzipation

Swift selbst nennt sein Werk "A Romance", doch auch das ist eine Irreführung: Die Erzählung zitiert das sentimentale literarische Genre der Romanze höchstens unter Vorbehalt, quasi mit spitzen Fingern, herbei, um es mit jeder Zeile durch Swifts raffiniert kalkulierten Erzählgestus zu widerlegen. "Ein Festtag" drapiert sich zwar als eine Art Liebesgeschichte, allerdings ohne Liebe, erzählt jedoch eigentlich die ungewöhnliche Geschichte einer weiblichen Emanzipation in den 1920er Jahren und liefert zudem Bruchstücke eines Bildungsromans – ein Porträt der Künstlerin als junge Frau.

Das Ganze wird verbrämt mit märchenhaften Zügen, worauf schon das Aschenputtel-Zitat des Mottos hinweist ("Und du sollst doch zum Ball gehen!"). Das Buch beginnt denn auch mit der Standard-Formel englischer Märchen "Once upon a time" – "Es war einmal" –, was in der deutschen Übersetzung leider verloren geht. Einmal gibt es eine überdeutliche Anspielung auf "Alice im Wunderland" und "Alice hinter den Spiegeln", als es heißt: Kann man durch einen Spiegel gehen und ein Anderer werden?

Märchenhaft gutes Ende

Damit ist eigentlich auch schon festgelegt, dass die Geschichte für die Heldin märchenhaft gut ausgehen wird. Die Heldin, Jane Fairchild, deren Lebenszeit fast das ganze 20. Jahrhundert umfasst, ist ein ungewöhnliches Dienstmädchen, das eine ungewöhnliche Karriere macht. Als Findling und Waisenkind ohne Bildung, die mit 14 Jahren "in Dienst" gegeben wird, scheint ihr Weg vorgezeichnet – als billige Haushaltshilfe und sexuelle Dienstleisterin der jungen Herren in ihren Arbeitgeber-Familien. Aber diese Jane besitzt "Grips und Schneid", sie wird eine erfolgreiche Schriftstellerin aus sich machen. Sie wird die Klassenschranken überwinden, sich Bildung aneignen und sich weitgehend aus eigener Kraft emanzipieren.

Hoch in ihren Achtzigern wird sie von Interviewern immer wieder mit der müßigen Frage genervt: "Wann – und wie – sind Sie Schriftstellerin geworden?" Statt einer Antwort dient die vorliegende Geschichte. Erzählt wird in der dritten Person, im Rückblick. Es ist die uralte berühmte Schriftstellerin, die sich an einen bestimmten Tag vor 70 Jahren zurückerinnert – den Tag, an dem sich die junge Jane erstmals ihrer eigenen Freiheit und Stärke bewusst wurde.

Der Festtag

Der titelgebende Festtag ereignet sich im März 1924 auf einem englischen Landsitz. Es ist "Mothering Sunday" – der Sonntag, an dem den Dienstmädchen traditionellerweise frei gegeben wird, damit sie heimfahren und ihre Mütter besuchen können. Jane, der Findling, hat keine Mutter, die sie besuchen fahren könnte, während ihre Herrschaften gemeinsam mit denen des Nachbar-Landsitzes einen Ausflug machen.

Seit sieben Jahren ist sie die heimliche Geliebte des jungen Erben Paul des benachbarten Herrenhauses. Bisher traf sie Paul immer verstohlen in der Scheune oder im Pferdestall und wurde von ihm wie eine Prostituierte für ihre Dienste bezahlt. Doch Paul ist zwar ein Schnösel, aber auch ein Gentleman, und die Beziehung wie auch die Machtbalance zwischen ihnen hat sich geändert – er behandelt sie nun wie eine Geliebte, nicht mehr wie ein käufliches Dienstmädchen.

Der Wendepunkt

Diesmal darf Jane das Haus durch den Vordereingang betreten und in Pauls Zimmer Sex mit ihm haben. Sie bleibt nackt in seinem Bett liegen und beobachtet ihn kühl, während er sich sorgfältig ankleidet, um zu einer Lunch-Verabredung mit seiner reichen Braut zu fahren, die er demnächst heiraten soll. Jane ist weder eifersüchtig, noch fühlt sie sich gedemütigt. Im Grunde hält sie Paul für etwas beschränkt und fühlt sich ihm überlegen. Da die Familie ausgeflogen und das Haus leer ist, erlaubt ihr Paul, es sich darin noch ein paar Stunden bequem zu machen.

Nackt spaziert Jane durchs Haus und genießt den Moment, als wäre sie die Hausherrin. Dieser Muttertag ist ein Festtag – der Wendepunkt in ihrem Leben: Nicht nur ein Höhepunkt sexueller Erfüllung und erotischer Selbstsicherheit, sondern auch der Beginn ihrer Transformation zur Schriftstellerin. Sie entdeckt ihre erotische Macht, ihre eigene Stärke, ihre Freiheit und das Potenzial, das in ihr steckt. Sie fühlt sich stark genug, dank Schönheit, Verstand und Zielstrebigkeit, ihr künftiges Leben selbst zu bestimmen.

Das Lebensleit-Buch

Wörter sind ihre Passion. Sie beginnt zu lesen, sie erweitert ihren Wortschatz. Das eigentliche Thema der Erzählung wird deutlich: wie Jane Sprache erwirbt und eine eigene Erzählstimme findet, erst durch Bücherlesen, dann durch Bücherschreiben. Ihr alter Dienstherr erweist sich als ihr erster Förderer. Er lädt sie ein, seine Bibliothek zu benutzen. Joseph Conrads Erzählung "Jugend" ist dabei Janes Wegweiser-Text, ihr Lebensleit-Buch.

Eine Selbstentdeckung

Wie es Jane im Folgenden gelingt, die sozialen, gesellschaftlichen und kulturellen Sphären zu wechseln, in die Kunst-Sphäre aufzusteigen und dort zu reüssieren, wird nur mehr in Stichworten angedeutet. Die Parallelisierung zu Joseph Conrads Geschichte einer jugendlichen Selbstentdeckung wirkt eher behauptet, als narrativ ausgeführt.

Und damit gibt sich Graham Swifts Erzählung nicht als unterentwickelter Roman, sondern als klassische Novelle zu erkennen: Im Mittelpunkt steht eine unerhörte Begebenheit, in diesem Fall das lebenslang gehütete Geheimnis von Jane Fairchilds Metamorphose, einer Selbstentdeckung. Dass es dem Autor darüber hinaus gelingt, mit wenigen hingetupften Sätzen ein ganzes Gesellschaftsbild des absteigenden englischen Landadels nach dem Ersten Weltkrieg zu entfalten, macht diesen "Festtag" zu einem kleinen Meisterwerk.

Sigrid Löffler, kulturradio

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