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Zum Wiederlesen empfohlen - Poesiealbum 325: Jan Skácel

Bewertung:

Jan Skácel (1922-1989) war eine der wichtigsten poetischen Stimmen Tschechiens. Vor allem dem Lyriker Reiner Kunze ist es zu verdanken, dass Jan Skácel auch in Deutschland bekannt wurde. Auch die Lyrikreihe Poesiealbum widmet(e) dem Dichter ein Heft.

Band 325 der Reihe Poesiealbum erscheint  wie gewohnt lediglich mit dem Namen des Autors als Titel, in diesem Fall ist es Jan Skácel. Eine Besonderheit der Reihe Poesiealbum ist, dass jede Autorin und jeder Autor nur ein Heft bekommt, mit einer Auswahl eines Mentors, und mit etwas Glück versammelt dann die jeweilige Ausgabe des Poesiealbums die besten Texte des jeweiligen Dichters.

Zumindest mit einer sehr repräsentativen Zusammenstellung der Gedichte eines Autors kann man beim Poesiealbum rechnen, und hier mit den Gedichten von  Jan Skàcel geht das Konzept voll auf, denn die Übersetzungen wie auch die Auswahl der Gedichte von Skàcel hat der Lyriker Reiner Kunze vorgenommen, seines Zeichens einer der deutschen Lyriker, die man gelesen haben sollte, um zu wissen, wie gute Gedichte funktionieren.

Verschmitztheit und Trauer

Jan Skácel lebte von 1922 bis 1989 im tschechischen Brno, er war ein Dichter, und sein Name steht gleichberechtigt neben denen anderer bekannter tschechischer, böhmischer Poeten des 20. Jahrhunderts, Bohumil Hrabal sei hier genannt, und mit Jaroslav Seifert und Vladimir Holan gehörte Skàcel zu den wichtigen tschechischen Lyrikern nach dem Zweiten Weltkrieg.

Die Entwicklungen der tschechischen Dichter sind dabei ganz ähnlich, poetisch gibt es diese einzigartige tschechische Mischung von Verschmitztheit und Trauer, à la Schweijk, politisch dominierte Sympathien zu Dubceks demokratischem Sozialismusversuch 1968, nach dem Panzerstalinismus 68 dann Jahrzehnte Veröffentlichungsverbot, poetisch wiederum auch große Nähe zu früheren tschechischen Gedichteschreibern wie Frantisek Halas oder Jiri Wolker.

Lyrik als Wortkunst der Genauigkeit

Wenn es schon schwer genug ist, deutschsprachige Lyrik zu vermitteln, was kann dann Aufmerksamkeit für die Lyriker der Nachbarn fördern?

Es ist ja die ewige Klage der Lyrikverleger und Buchhändler, Gedichte würden nicht genug gekauft, und das ist ja auch nicht unberechtigt, zum einen liegt es an der Lyrik selbst, und zum anderen: Wir leben in einer Zeit des Vollgekipptwerdens mit allem und jedem, und das macht uns träge, und Lyrik ist eine Wortkunst der Genauigkeit, der Reduktion um der Genauigkeit willen, und der wollen sich immer mehr Leser gar nicht mehr aussetzen, weil sie gar nicht wissen wieso, und dann kommt ihnen die Lyrik entweder entgegen oder eben auch nicht. Und diese tschechische Lyrik von Jan Skàcel zeigt uns, wie es geht, zeigt uns die Einstiegsluken in das Sprachvergnügen.

Beispiel 1:

Wie Kälbchen zur Welt kommen (Auszug)

(…)

Der kuhstall ist voll ausgeatmeter Nacht.
Wir warten.
Auf  einmal zeigen sich zarte kleine hufe,
(…) schütteln die warme finsternis ab,
(…) bis das nasse kälbchen
durch unsere Arme ins stroh gleitet.

So haben wir, sakra, wenigstens freude miteinander
und gehen nach haus, uns zu rasieren,
Die stoppeln unterzuschälen, das weiße grau einer nacht (...).

Was ist das Besondere von Skàcels Gedichten? Zum Beispiel, dass sie konkret sind, "der Kuhstall ist voll ausgeatmeter Nacht", die männlichen Bartstoppeln sind "das weiße Gras einer Nacht". Das kapiert man, oder man erklärt es, Bartstoppeln wachsen wie Gras, weißes Gras einer Nacht. Das ist eine "schmetterlingsflügel-feine" (Jürgen Verdofsky) Dichtkunst, nicht mit einem Schweijkschen Lachen, sondern eher mit einem Schweijkschen schweigenden tiefen Blick.

Mit Reiner Kunze hat der richtige Übersetzer seine Arbeit hier sehr gut getan, einer, der um die Bedeutung jedes einzelnen Wortes weiß, zugegebenermaßen nicht einfach in heutigen Zeiten der Geschwätzigkeit. Reiner Kunze selber hat über Skàcel gesagt: "Wenn ich überhaupt begriffen haben sollte, was Poesie ist, dann verdanke ich es dem tschechischen Poetismus und Jan Skàcel“.

Am besten noch ein Gedicht:

Trauern (Auszug)

Drei große trauern gibt’s’ auf dieser welt
(…) und niemand weiß
wie diesen großen Trauern aus dem weg gehen

Die erste trauer Ich weiß nicht wo ich sterben werde
Die zweite trauer Ich weiß nicht wann das sein wird
(…) die letzte Ich weiß nicht wo ich mich in jener welt
befinden werde.

So hörte ich’s im lied (…)
lassen wir es wie das lied es singt Haben wir den mut
nach der Angst zu fassen wie nach einer klinke und einzutreten

Salli Sallmann, kulturradio

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