Ror Wolf: Die Gedichte; Montage: rbb
Schöffling Verlag
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Lyrik - Ror Wolf: "Die Gedichte"

Bewertung:

Das lyrische Werk von Ror Wolf erscheint aus Anlass des fünfundachtzigsten Geburtstags des Dichters in größtmöglicher Vollständigkeit in einem handlichen Band.

Wer Ror Wolf noch nicht kennt, dem kann man sagen, dass es sich um den Autor unvergleichlich gut gearbeiteter Gedichte  handelt. Es ist zu wiederholen: In seiner poetischen Dichte und Kraft ist Ror Wolf eigentlich nur vergleichbar mit einem Thomas Brasch oder dem jungen Wolf Wondratschek.

Es gibt nicht viele lebende Lyriker, deren Produkte der Normalgebildete, also wir, auch versteht, trotz allem Erklärungs-Gerede. In seiner ihm gegebenen Verständlichkeit arbeitet Ror Wolf präzise im Abgründigen der modernen Seele, Depression und Verzweiflung über die Ödnis der Welt lehnen Schulter an Schulter mit finsterem Humor und abgründigem Lachen.

Melancholie und Wehmut flackern auf in diesen Gedichten, aber eben oft mit einem Achselzucken. Die Lustigkeiten sind fast todernst gemeint, aber eben auch nur fast, und Ror Wolfs Texte vermögen es, wenn sie richtig verstanden werden, den Lesern ein erstauntes Wundern in die Mundwinkel zu setzen.

Zum "In-die-Tasche-stecken"

Dieser schön schlicht gehaltene  Band hat 576 Seiten voller Gedichte, und es ist nicht bekannt, ob jetzt wirklich a l l e  Ror-Wolf-Gedichte darin sind. Jedenfalls sind es sehr viele. Es ist ein Dünndruckband, d.h. das Papier ist eben sehr dünn, und man kann den Band trotz der 576 Seiten einfach so in die Tasche stecken, um unterwegs Ror-Wolf-Gedichte zu lesen. Der Band bietet also Ror Wolf kompakt. Und das praktische ist, er hat keinen empfindlichen Schutzumschlag, sondern eine strapazierfähige bedruckte Pappe außen, die auch die Gedichte drinnen irgendwie stark macht. Daraus:

"Erfreuliche Neuigkeiten"

Ich bin einem Bäcker begegnet
in einer Konditorei.
Ich glaube, es hat geregnet,
ich ging an dem Bäcker vorbei.

Es war im April gegen sieben,
am Dienstag in Zornheim-Nord.
Ich habe es niedergeschrieben.
Dann zog ich von Zornheim fort.

Seltsame Begebenheiten, erotische Wirrnisse

Ror Wolf schreibt keine vordergründig komischen Gedichte, sondern die Leichtigkeit der Sprache und ihre beiläufig anmutende Komik ist stets ergänzt vom  skeptischen Blick. Wie im wirklichen Leben guter Spaß nie wirklich von ordentlicher Verzweiflung trennbar ist, sind die Wolf'schen Gedichte zuerst eines, nämlich unaufgeregt im Ton, obwohl sie von Verrücktheiten nur so strotzen, von seltsamen Begebenheiten, von Unglücksfällen oder erotischen Wirrnissen.

Die Texte Ror Wolfs sind Anschläge auf konformistische Vorstellungen von Moral, Botschaft und hochtönender Wichtigkeit. Das steht hinten im Nachwort, und das stimmt. Die Kritik hat Wolfs Verse öfter surrealistisch genannt. Aber Wolfs Verfahren ist nicht gegen den Realismus gewandt, sondern benutzt dessen Bruchstücke. Es herrscht ein anarchischer Gestus der Abweisung von Ernst.

Im Buch zu finden sind Ror Wolfs Gedichte aus den Sechzigerjahren bis heute, darunter die herrliche Sammlung "Mein Famili". Dann die verschiedenen Fortsetzungen von "Hans Waldmanns Abenteuer" aus den Achtziger- und Neunzigerjahren, alle Gedicht-Sammlungen Ror Wolfs, auch hunderte sogenannte Gelegenheitsgedichte, die zu den eigentlichen Höhepunkten in Ror Wolfs Schaffen zählen, weil sie unter kein Oberthema gezwungen sind.

In diesem neuen herrlichen, kleinen dicken Buch kann man hervorragend stöbern. Aber auch die wundervollen Einzelausgaben seiner Gedichtbände, mit den herrlichen Collagen von Ror Wolf selbst, sollte man unbedingt in die Hand nehmen. Gerade sein letzter ist einfach zauberhaft illustriert, er heißt "Die plötzlich hereinkriechende Kälte im Dezember".

Das alles ist im Verlag Schöffling & Co. erschienen, und ja: Man sollte alles von Ror Wolf lesen. Und vor allem auch kaufen!

Salli Sallmann, kulturradio

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