Samuel Selvon: "Die Taugenichtse"; Montage: rbb
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Zum Wiederlesen empfohlen - Samuel Selvon: "Die Taugenichtse"

Bewertung:

Ein anregendes Sprach-Kunstwerk, ein unterhaltsames Lese-Erlebnis ist dieser endlich ins Deutsche übertragene Roman, der - obwohl schon 61 Jahre alt - frisch und frech wirkt wie am ersten Tag.

Sie wurden als schlecht bezahlte Gastarbeiter geholt, aber es kamen Menschen, die bleiben und sich eine neue Existenz aufbauen wollten. Nein, die Rede ist nicht von den türkischen Migranten in Deutschland, sondern von den zehntausenden Zuwanderern, die ab Ende der 1940er Jahre von der Londoner Regierung von den karibischen Inseln als billige Arbeitskräfte nach England geholt und dort allenfalls geduldet, aber nicht als neue Mitbewohner anerkannt wurden.

Der Schriftsteller und Journalist Samuel Selvon hat den ungeliebten Einwanderern in seinem Roman "The Lonely Londoners" schon 1956 ein literarisches Denkmal gesetzt. Doch erst jetzt, mit über 60 Jahren Verspätung, erscheint eine von Miriam Mandelkow besorgte deutsche Übersetzung des Romans unter dem Titel "Die Taugenichtse".

Der Autor

Der Autor wird 1923 in Trinidad geboren, kommt 1950 als Migrant nach London und lebt zunächst unter erbärmlichen Bedingungen, haust erst im Ausländerwohnheim, dann in einer dunklen Kellerwohnung, hält sich mit verschiedenen Jobs über Wasser, fängt an zu schreiben, Kurzgeschichten, kleine journalistische Artikel; für die BBC verfasst er Dokumentationen über die Situation der Einwanderer und TV-Drehbücher.

Er veröffentlicht erste Romane, in denen er das Leben der karibischen Einwanderer beschreibt und die kreolische Sprache in die englische Literatur einführt; mit "The Lonely Londoners" und anderen Büchern avanciert er zur international anerkannten literarischen Stimme der westindischen Inseln, bevor er nach Kanada weiterzieht, dort Literatur und Schreiben unterrichtet; gestorben ist Selvon 1994 auf einer Reise nach Trinidad, seine innig geliebte und literarisch immer wieder umkreiste Heimat; hinterlassen hat er uns ein zwar relativ schmales, aber doch großartiges, visionäres, vielstimmiges literarisches Werk, dass es hierzulande noch immer zu entdecken gilt.

Karibisch-kreolische Subkultur

In seinem Roman "Die Taugenichtse" pickt Samuel Selvon sich eine Handvoll karibischer Einwanderer heraus und erzählt, wie sie Anfang der 1950er Jahre in London ankommen, wie sie versuchen, eine Arbeit und eine Wohnung zu finden, wie sie von den Behörden, den Nachbarn, den Unternehmern und Arbeitskollegen behandelt werden, wie man sie allenfalls duldet, aber nicht mag und sich beinahe ein bisschen vor ihnen fürchtet, weil sie dunkelhäutig sind und ihre Sprache so seltsam klingt, weil sie sich anders benehmen und ihren ganz eigenen Alltags- und Lebensrhythmus haben.

Sie heißen Moses und Galahad, Cap und Tolroy, Big City und Five Past Twelve und strampeln sich ab, um im Hamsterrad des Alltags irgendwie zu überleben. Einer ist ein Angeber, ein anderer ein Faulpelz, einer hilft den Neuankömmlingen, wo er nur kann, ein anderer versucht, sich irgendwie durchzuwursteln; sie nennen sich selbstironisch die "Mokkas" und fühlen sich wie Aussatz und Dreck in dieser viel zu kalten, nassen und nebligen Stadt, sie wollen und müssen aber bleiben, weil sie nichts anderes haben und weil sie ihre Familie zuhause in der Karibik, in Jamaika, Trinidad, Tobago, Barbados, finanziell unterstützen.

Selvon taucht tief in diese karibisch-kreolische Subkultur ein beschreibt den Überlebenskampf der ungeliebten Fremden aus der Sicht dieser "Generation Windrush", die so benannt wurde nach dem Schiff, das die ersten Migranten Ende der 1940er Jahre nach England brachte.

Temporeich, subversiv und humorvoll

Der Roman ist kein politischer Aufschrei und keine Anklage. Selvon beschreibt einfach nur, was er kennt und sieht - und enthält sich jeden politischen Kommentars und jeder gesellschaftskritischen Attitüde. Er arbeitet wie ein dokumentarischer Journalist und trägt Material zusammen, das er ordnet und sortiert und im O-Ton hintereinander schneidet; er lässt die Bilder, Eindrücke, Menschen, Verhältnisse für sich selbst sprechen - und überlässt es uns Lesern, die sozialen Abgründe und politischen Ungerechtigkeiten zu bewerten.

Selvon collagiert auf diese Weise einen temporeichen, subversiven und ungemein humorvollen Episodenroman, der keine chronologische Handlung entwirft und keine Hauptfigur kennt, sondern uns ein Gesellschafts-Puzzle aus vielen verschiedenen Perspektiven und Einzelschicksalen präsentiert. Selvon will uns nicht mit missmutigen Anklagen und politischen Botschaften langweilen, sondern uns vor Augen führen, dass die Mehrheitsgesellschaft sich vor dem Fremden nicht fürchten muss, sondern viel gewinnen könnte, wenn sie sich nur ein wenig vom Lebensmut und Optimismus der Neuankömmlinge, von ihrem Frohsinn und ihrer Kultur  anstecken lassen würde.

Die Sprache

Selvon bleibt ganz nah bei seinen Figuren und lässt sie einen bizarren Kauderwelsch aus dem Englischen und Kreolischen sprechen; diese grotesken Wort-Neuschöpfungen und grammatischen Absurditäten sind im Original zwar ziemlich gewöhnungsbedürftig, aber ungemein witzig und geben dem Roman einen irrlichternden Drive.

Für die Übersetzerin Miriam Mandelkow waren diese sprachlichen Experimente und verbalen Kuriositäten aber eine fast unlösbare Herausforderung: Denn es gibt dafür keine deutsche Entsprechung, keinen Dialekt, keinen Jargon, in den man das - ohne peinlich und lächerlich zu werden - transformieren könnte.

Sie hat deshalb eine neue deutsche Sprache erfunden, eine Art Kunstsprache, mit kuriosen Worterfindungen, derben Beschimpfungen und krausen Gedankenströmen, die manchmal auch - ohne Punkt und Komma - über mehrere Seiten gehen. Mit einem Wort: Es ist ein anregendes Sprach-Kunstwerk geworden, ein unterhaltsames Lese-Erlebnis und ein endlich ins Deutsche übertragener Roman, der - obwohl schon 61 Jahre alt - frisch und frech wirkt wie am ersten Tag.

Frank Dietschreit, kulturradio

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