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Sachbuch - Boris von Brauchitsch (Hrsg.): "Ohne Motor. Das Fahrrad im alten Berlin"

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Eine Erfindung, die die Welt bewegt: das Fahrrad wird 200! Die Deutschen lieben das Radfahren, und auch Berlin ist ohne Räder nicht denkbar. So war das schon im historischen Berlin.

Ganz erstaunlich ist, dass einen dieses Buch quasi mit der Zeitmaschine gute 100 Jahre in die Vergangenheit bringt. Die Radfahrer, die zu sehen sind, bewegen sich in der Stadt dieser Zeit, sind entsprechend anders gekleidet, auch ihre Fahrräder selbst sind aus einer anderen Generation, aber wenn man das alles weg lässt, wirkt die Szenerie oft sehr zeitgemäß:

Ein Foto von 1926 z.B.: da quält sich ein Radfahrer zwischen den scheinbar chaotisch und nicht spurgetreu fahrenden Autos den Boulevard Unter den Linden entlang. Oder ein Beispiel von 1940. Es gab ein Fußball-Länderspiel im Olympiastadion und eine unüberschaubare Menge an Fahrrädern ist da abgestellt – auch das kommt einem ja sehr bekannt vor.

"Schnellfüßer"

Es sind Fotos der bpk – Bildagentur, also dem Bildarchiv des Preußischen Kulturbesitz in Berlin. Und darin finden sich vor allem Aufnahmen diverser Bildagenturen, die sich bereits um 1900 in Berlin bildeten als die Stadt zur Zeitungsmetropole aufstieg. Und somit sind das tatsächlich "rasende Reporter", die in der Stadt den aktuellen Ereignissen hinter jagten. Viele sind namenlos geblieben, aber auch Fotografen dieser Zeit wie Willy Römer oder Friedrich Seidenstücker sind da dabei.

Das Buch enthält zwei Textbeiträge von Christina Stehr von der bpk-Bildagentur und Boris von Brauchitsch, der die Fotos zusammengestellt hat, Also Textbeiträge, die aufgrund der vorhandenen Quellen genau auch dieser Frage nachgehen. Und da stellt sich schon heraus, dass die Debatten um die Fahrradkultur auch Parallelen aufweisen.

Z.B. schreibt ein Redeakteur schon 1896 in der Illustrierten Zeitung über die bemerkbaren Übelstände, die sich seit der Ausbreitung des Radfahrens im Innern der Stadt herausgebildet haben. Es wären unter den Radlern "Scharen von Wilden, ein Schrecken des Publikums und der Polizei". Und auch die Verkehrssicherheit spielte damals schon eine Rolle. Es gab die Forderung nach Radwegen, weil im Gewimmel zwischen Fußgängern, Pferdekutschen und ersten Autos Radfahrer als neue "Schnellfüßer" als Bedrohung empfunden wurden. Das führte dann dazu, dass die Berliner Stadtverwaltung die Hauptstraßen der Innenstadt für Radfahrer verbot, dann gab es Pläne, in denen die für Radfahrer passierbaren Straßen markiert waren.

Schöner Bogen

Die Entwicklung freilich ging weiter, auch nicht ganz geradlinig. Nach dem Krieg in den 50 und 60er Jahren wurde die Stadt autogerecht umgebaut, die Rückbesinnung aufs Rad kam eigentlich erst wieder in den 1970er Jahren auf. Und es ist schön, dass der Bogen im Buch mit den Fotos bis in diese Zeit gespannt wird.

Das Fahrrad war zu allen Zeiten ja immer nicht nur ein Fortbewegungs- sondern auch ein Transportmittel für jegliche Dinge. Da kann man auf Modelle stoßen, die ganz  bemerkenswert sind.

Z.B. das aus verschiedenen Fahrradteilen zusammengebaute Wochenendauto des kleinen Mannes. Da hatte hinter dem Vater zunächst der größere Sohn Platz und dann war noch angebaut ein Teil, in dem weitere vier Kinder saßen. Es gibt ein anderes Bild von dem in Berlin konstruierten Compagnon-Rad, bei dem zwei Leute nebeneinander fuhren. Oder auch noch eine Konstruktion auf drei Gummireifen, in die hinten ein Hund eingespannt war, um das Gefährt anzutreiben. Denn der Fahrer selbst war kriegsversehrt und konnte nicht treten.

Und es gab auch Konstruktionsversuche, das Fahrrad mit Flugapparaten, ähnlich denen von Lilienthal, zu versehen. Also der Flug mit Muskelkraft war da das Ziel. Das war vermutlich nicht so erfolgreich wie das klassische Fahrrad es bis heute ist.

Danuta Görnandt, kulturradio

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