Christine Wunnicke: "Katie"
Berenberg
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Roman - Christine Wunnicke: "Katie"

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Christine Wunnicke erzählt frei schwebend und sich vom historischen Material aufs Wunderbarste lösend die Geschichte einer jungen Frau, die früher als Hexe verbrannt worden wäre, im englischen 19. Jahrhundert aber eine enorm erfolgreiche Karriere machte.

Im viktorianischen London ist sie der Star der spiritistischen Szene: Die 16-jährige Flo­rence Cook materialisiert Geister und befreit sich aus fest angelegten Fesseln. Die Münchner Autorin Christine Wunnicke erzählt in ihrem flirrenden historischen Roman von Wissenschaften, Spiritismus und einer besonderen weiblichen Karriere. Alles ist historisch ver­bürgt und doch vor allem vortrefflich aus­gedacht.

Eine verstörende Nicht-­Begegnung

Mit dem Besuch eines Wissenschaftlers bei einem anderen beginnt dieser ungewöhnliche klei­ne Roman. Der Herausgeber der "Chemical News" William Crookes besucht den be­rühm­tem Professor Farady. Nur ist der leider nicht mehr bei Trost, lebt in seiner ei­genen Welt, in die niemand Zutritt hat, in der es keine Erinnerung mehr gibt an den grandiosen Vortrag, den er als 24-Jähriger vor der Philosophical Society hielt. Der er­sehnte Austausch über die strah­lende Materie findet an diesem Nachmittag jedenfalls nicht statt.

Auf wenigen Seiten gelingt Christine Wunnicke hier das Porträt einer verstörenden Nicht-­Begegnung, die für den Jün­ge­ren trotzdem zu einem Höhepunkt in seinem Leben zählen wird. Überhaupt schafft die Auto­rin in ihrem - wie sie selber ihn nennt - "Roman-Haiku" durch hohe Verdichtung und Ver­knappung immer wieder ungewöhnliche Bilder, Personen und Szenen.

Übersinnlichkeit und Geistermaterialisierungen

Der Physiker und Chemiker William Crookes jedenfalls soll die Fähigkeiten des jungen Mediums Florence wissenschaftlich überprüfen, jenes Mädchens, das "im Winter 1869, in ihrem dreizehnten Jahr" feststellt, "dass sie ihre Hände hinter dem Rücken mit derselben Eleganz und Inbrunst zum Ge­bet falten konnte wie vorne vor der Brust".

Handelt es sich bei Florence' Übersinnlichkeit und Geistermaterialisierungen um Scharlatanerie oder ist sie wirklich und unerklärlich be­gabt? Ganz London scheint daran zu glauben und zahlt für ihre Vorführungen. Crooks nimmt das Mädchen mit nach Hause, wo seine Frau wegen der vielen Todesfälle stets in schwarz und stets schwanger auch nicht ganz von dieser Welt zu sein scheint.

Unmoralisch, handfest und verführerisch

Dort wird Florence von einem weiblichen Geist namens Katie besetzt. Die scheint nur auf ein veritables Medium gewartet zu haben, ist die Tochter eines walisischen Seeräubers aus dem 17. Jahrhundert, unmoralisch und handfest und verführerisch. Plötzlich sind zwei junge Frau­en im Haus, und der Gehilfe des serösen Wissenschaftlers weiß gar nicht, wie ihm ge­schieht.

Zwischen Rationalität und Irrationalität

Christine Wunnicke erzählt vom Schnittpunkt zwischen Rationalität und Irrationalität, denn der vernünftige angesehene Forscher und das junge Medium sind miteinander untrennbar verbunden. Und beide hat es wirklich gegeben. Die Autorin hat recherchiert und sich inspirie­ren lassen.

Vor allem aber erzählt sie - frei schwebend und sich vom historischen Material aufs Wunderbarste lösend - die Geschichte einer jungen Frau, die früher als Hexe verbrannt worden wäre, im englischen 19. Jahrhundert aber eine enorm erfolgreiche Karriere machte.

Manuela Reichart, kulturradio

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