David Albahari: "Das Tierreich"; Montage: rbb
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Roman - David Albahari: "Das Tierreich"

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Ein vielfach verspiegeltes Kunstwerk: David Albahari verwandelt ideologischen Konflikte und politischen Intrigen rund um die gescheiterten Studentenproteste in Jugoslawien in archetypische Zeichen, in allgemein gültige und wiedererkennbare menschliche Geschichten über Gewalt, Willkür, Verrat, Folter und Mord, über Unterdrückung, Verfolgung, Rache und Vergeltung.

David Albahari ist der bedeutendste lebende serbische Schriftsteller. Er ist ein grüblerischer Erzähler, verfügt aber auch über einen hintergründigen Humor. Er selbst sieht sich als Autor mit schwarzem Humor in der Tradition von Kafka, Beckett und Thomas Bernhard. Kafka ist für ihn ein Autor, über den er lachen kann.

Der Autor

Albahari wurde 1948 in Peć im Kossovo geboren, als Sohn eines jüdischen Vaters und einer bosnischen, zum Judentum konvertierten Mutter, und studierte an der Universität Belgrad Anglistik. Er hatte sich bereits als Erzähler einen ausgezeichneten Namen gemacht, als die jugoslawischen Zerfallskriege begannen und der Antisemitismus auf dem Balkan neu entflammte.

Die Juden auf dem Balkan hatten sich seit jeher als Mittler zwischen den verschiedenen Nationalitäten verstanden. Dieses Mittlertum war mit dem Ausbruch der Sezessionskriege 1991 in Jugoslawien nicht mehr gefragt. Für die Juden auf dem Balkan wurde es wieder einmal lebensgefährlich. 1991 übernahm Albahari das Amt des Vorsitzenden der jüdischen Gemeinden Jugoslawiens. und war maßgeblich an der Evakuierung der Juden von Sarajevo beteiligt. Er hat diesen Exodus mitorganisiert.

1994 verließ er Belgrad und reiste mit seiner Frau aus Jugoslawien aus. Er übersiedelte nach Kanada – ursprünglich nur auf ein Jahr als Writer in Residence in Calgary, am Fuß der Rocky Mountains. Diesen Aufenthalt verlängerte er zunächst auf drei Jahre und schließlich bis heute.

Er will diesen Umzug nicht als Exil verstanden wissen, zumal seine Bücher weiterhin in Serbien erscheinen. Allerdings wollte er, wie er sagt, vor der "Zwangspolitisierung" ausweichen. Er versteht sich als Internationalist und wünscht nicht, dass seine Bücher nach nationalistischen politischen Maßstäben bewertet werden. Er lebt in Calgary als serbisch schreibender Autor und Übersetzer (übersetzte Nabokov, V. S. Naipaul, John Updike, Thomas Pynchon ins Serbische), allerdings mit häufigem Pendeln zwischen Kanada und Belgrad.

Die Werke

Ein rundes Dutzend Romane und Erzählungsbände hat Albahari bisher veröffentlicht. In seinen Romanen erzählt er finstere Geschichten aus der Gewalt- und Zwangswelt des ehemaligen Jugoslawien. Auch die jugoslawischen Sezessionskriege der 1990er Jahre tauchen immer wieder auf und werden thematisiert, ebenso wie der Zweite Weltkrieg und der Holocaust, etwa in dem bestürzenden Roman "Götz und Meyer" (1998) über die Ermordung der Belgrader Juden.

Seine unheilvollen Stoffe erzählt Albahari oft mit postmodernen, auch grotesken Mitteln. Er teilt das Misstrauen der modernen Literatur gegen alle stabilen, scheinbar realistischen Erzählformen. In seinen Erzählungen werden Stimmungen abrupt torpediert und zerstört durch aberwitzige, skurrile, ironische Plot-Wendungen.

Thomas-Bernhard-Leser werden bei Albahari Anklänge an dessen monologischen Stil, an seine absatzlose Suada erkennen. Auch Albaharis Romane haben oft die Form eines durchgehenden Sprech-Aktes oder sogar Sprech-Anfalls – gehetzt, atemlos, ohne Absätze, ohne Kapitel-Unterteilungen. Erste literarische Versuche auf Englisch ließen ihn unbefriedigt, er blieb beim Serbischen.

Dass Albahari weiterhin Serbisch schreibt, erklärt er damit, dass er seinen serbischen Stil – monologisch, ohne Absätze – bereits ausgebildet hatte, als er nach Kanada übersiedelte. Durch die absatzlose Schreiben fühlt sich der Leser wie in einem dunklen Tunnel, er kann sich nicht orientieren. Wo im Buch steht er jetzt? Er kann nur weiterlesen, um ans Licht am Ende des Tunnels zu gelangen.

"Das Tierreich"

"Das Tierreich" ist der Titel von Albaharis neuem Roman. Das ist ein vom Umfang her schmaler Roman, der aber sehr komplex und vielschichtig eine finstere Geschichte über Willkür, Gewalt, Folter und moralische Korruption im ehemaligen Jugoslawien erzählt – Untaten, die bis in die Gegenwart weiterwirken und sie vergiften.

Ein namenloses Ich und seine Rache

Der Roman spielt im Wesentlichen zur Zeit der Tito-Diktatur, in den frühen 1970er Jahren, unter Rekruten, die in der Jugoslawischen Volksarmee ihren Militärdienst ableisten und gemeinschaftlich einen Kameraden totfoltern. Diese Grausamkeit wird 40 Jahre später, in der Gegenwart, gerächt, vom Ich-Erzähler, der damals dabei war und jetzt in Kanada lebt.

Wer hinter diesem namenlosen Ich steckt, bleibt unklar, ebenso, auf welche Weise genau der Erzähler selbst in die Geschichte, die er erzählt, involviert ist. Sein Rache-Mord in Kanada wird in zwei Versionen erzählt: Auch hier lässt sich das tatsächliche Geschehen nicht zweifelsfrei eruieren. Ob der Ich-Erzähler eher Täter oder Opfer ist, Komplize oder Gegner, ob er Zuschauer blieb oder Mitschuld trägt, bleibt ungewiss.

Aufgehetzte Rekruten und ein bösartiger Manipulator

Hauptfigur des Romans ist der Soldat Dimitrije Donkić, der in der Kaserne in Banja Luka eine Gruppe von Rekruten um sich sammelt und ihnen Tiernamen gibt (Waschbär, Tiger, Zecke, Schlange, Spatz), sodass die Clique in der Kaserne nur "das Tierreich" genannt wird. Donkić hetzt die Rekruten gegen einen Kameraden auf, den Belgrader Studenten Miša, den er als Opfer ausgesucht hat.

Miša ist der tragische Held des Romans. Er war an den Belgrader Studentenprotesten von 1968 beteiligt, die aber anders motiviert waren und einen anderen Verlauf nahmen als die in Frankreich und Deutschland. Tito sympathisierte anfangs mit den Protesten, ehe er sie gewaltsam niederschlagen und die Studentenführer verfolgen ließ. Die darauf folgende Repression war hart. Auch Miša gehört zu den Verfolgten.

Donkić ist eine undurchsichtige Gestalt, ein Sadist und bösartiger Manipulator. Unklar bleibt, wer er eigentlich ist: ein Geheimdienst-Spitzel? Einfach ein Schwulen- und Intellektuellen-Hasser? Oder ein Agent der Kommunistischen Partei mit dem Auftrag, Aktivisten der Studentenrebellion von 1968 zu enttarnen und zu liquidieren? Nachdem Miša in einer Gewalt-Orgie von den anderen Rekruten zu Tode gefoltert wurde und die Täter ermordet worden sind, wird der Vorfall vom Militär vertuscht.

Moralische Korruption in einem autoritären Regime

David Albahari beschränkt sich nicht auf die Darstellung der kruden historischen Fakten. Vielmehr geht es ihm darum, die ideologischen Konflikte und politischen Intrigen rund um die gescheiterten Studentenproteste in archetypische Zeichen zu verwandeln, in allgemein gültige und wiedererkennbare menschliche Geschichten über Gewalt, Willkür, Verrat, Folter und Mord, über Unterdrückung, Verfolgung, Rache und Vergeltung. Es geht vor allem um moralische Korruption in einem autoritären Regime, um das Verhalten von Menschen in einem hierarchisch verfassten geschlossenen System. Wobei die Belgrader Studenten-Unruhen als politisches Substrat immer erkennbar durchschimmern.

Im Uneindeutigen und Widersprüchlichen

Die Vorgänge und die Figuren oszillieren im Uneindeutigen und Widersprüchlichen und lassen sich nicht genau feststellen, auch infolge von Albaharis Kunstgriff, an die Ich-Erzählung so genannte "Endnoten" anzufügen. In diesem Apparat von Anmerkungen wird der Haupttext durch Zusatzgeschichten, Kommentare und Reflexionen teils präzisiert, teils relativiert. Das trägt zur Verrätselung der Geschehnisse bei. Es erscheint unmöglich, eindeutig Zeugnis abzulegen von den tatsächlichen Geschehnissen. Das Gedächtnis des Ich-Erzählers erweist sich als nicht zuverlässig. Alles, was er berichtet, ist von Argwohn und Misstrauen durchsetzt, vielleicht auch von eigener Schuld oder Mitschuld, die verschleiert werden soll.

Diese vorsätzliche Komplexitätssteigerung macht aus dem schmalen Roman ein vielfach verspiegeltes Kunstwerk – und dies nicht als Selbstzweck oder postmodernes Verwirrspiel, sondern als zentrales Thema von Albaharis Erzählwerk. Im Inneren eines Gewalt-Regimes gibt es Bereiche des Unerzählbaren. Die Wahrheit ist nicht eruierbar.

Sigrid Löffler, kulturradio

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