Kate Tempest: "Brand New Ancients / Brandneue Klassiker"
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Lyrik- Englisch und Deutsch - Kate Tempest: "Brand New Ancients / Brandneue Klassiker"

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Kate Tempest geht aufs Ganze, stellt sich bloß, ist zornig und böse, hemmungslos und aggressiv, verträumt und poetisch; sie jongliert wild mit Wörtern zwischen Pathos und Distanz, Klassik und Zeitgeist - die "Brandneuen Klassiker" von Kate Tempest sind ein lyrisches Messer, das sich in die Eingeweide des Zeitgeistes bohrt, lustvoll, unaufhörlich und unerbittlich.

Kate Tempest, geboren 1985 in London, ist das, was man wohl ein Multitalent nennt: Sie ist erfolgreiche Rapperin, Lyrikerin, Theater- und Roman-Autorin. Mit ihrer Band und ihrer lyrischen Performance "Let Them Eat Chaos" tourt sie gerade durch die Welt und wird auch Anfang Oktober in Chris Dercons neuer Berliner Volksbühne ein Konzert geben. Einige ihrer Bücher wurden auch bereits ins Deutsche übersetzt.

Doch erst jetzt kommt ihr Debüt-Gedichtband hierzulande heraus, mit dem Kate Tempest 2013 für Furore sorgte und auf Anhieb den vielleicht wichtigsten Lyrikpreis Großbritanniens gewann, den "Ted Hughes Award for New Work in Poetry": "Brand New Ancients / Brandneue Klassiker" ist der Titel des von Johanna Wange ins Deutsche übersetzten Buches.

Das Göttliche in uns

Der Titel des Langgedichts beruht auf dem Grund-Gedanken, dass wir alle zwar im Hier und Jetzt leben und lieben, denken und dichten, dass wir aber zugleich die Geschichte der Menschheit mit all ihren Gründen und Abgründen, Wegen und Irrwegen in uns tragen, all die archaischen Triebe, die Sprache und Gedankenwelt der Klassiker sind in uns eingepflanzt, ob es wollen und ob es uns bewusst ist - oder auch nicht.

Die von den Klassikern beschworenen Götter und Mythen sind immer noch in uns, wir sind immer noch mythisch und göttlich: "Wir schwanken immer noch pausenlos zwischen Heldentum und Elend", schreibt Kate Tempest, wir haben es nur vergessen, dass wir mehr sind als unsere in tausenderlei Banalitäten zerfallende Alltäglichkeit: "Alles, was wir heute haben, ist alles, was wir immer hatten", schreibt sie, "Die Götter sind alle hier. / Denn die Götter sind in uns", wir finden sie in der Spielothek und im Supermarkt, beim Arzt und beim Tanzen, im Büro und in der U-Bahn; die Götter haben heute kein Orakel mehr, das ihre Wünsche verkündet, sie haben stattdessen Kopfschmerzen und unbezahlte Kredite, sitzen einsam vor der Glotze; die Götter sind wie du und ich: "Wir sind die Brandneuen Klassiker", schreibt sie, "also los, such dir einen aus", schau genau hin, "dann siehst du die Götter walten". Und genau das macht Kate Tempest: schauen, beschreiben, eine lyrische Sprache finden für das Göttliche in uns, den "Brandneuen Klassikern". 

Poetisch irrlichterndes Langgedicht

Um das Göttliche in der Gegenwart zu erspüren, schlägt sie einen wahrlich irrwitzigen und furiosen sprachlichen und gedanklichen Bogen von der antiken griechischen Mythologie über die fantastische Wunderwelt eines Shakespeare bis zum kruden Jargon und krassen Alltag des hippen Zeitgeistes. Das ist alles ungemein anspielungsreich und kraftvoll, spielt poetisch selbstbewusst mit der Welt antiker Götter und Homers Helden, und ob sie von Bruderzwist oder Eheschlacht, Liebesmüh und Liebesleid, Not, Hoffnung, Enttäuschung erzählt, man spürt immer ihre starke Affinität zum sprachlichen Kosmos ihres künstlerischen Patrons: Denn ihren Künstlernamen hat Kate Esther Calvert, wie sie mit bürgerlichem Namen heißt, bei Shakespeare geborgt, beim Drama "Der Sturm", "The Tempest", wo es vor Magiern (Prospero) und Luftgeistern (Ariel), Nymphen und Geistern nur so wimmelt und die literarische Fantasie letztlich die schnöde Wirklichkeit besiegt.

Es ist ein poetisch irrlichterndes, mal ganz streng und asketisch, dann wieder wild und ausufernd dahin parlierendes Langgedicht, das in manchen Momenten an T. S. Eliot und sein "Waste Land" ("Wüstes Land") erinnert, um im nächsten Moment sich bei Public Enemy, bei Hip Hop und Poetry Slam einzuklinken. Nicht ohne Grund ermahnt Kate Tempest ihre Leser gleich zum Anfang: "Dieses Gedicht wurde zum laut Lesen geschrieben."  

Odyssee des täglichen Überlebenskampfes

Es stellt, nach einem lyrischen Stakkato über das Göttliche im Menschen und das zeitlos Klassische im vermeintlich Neuen, den Fokus scharf und zoomt sich sprachlich und gedanklich an eine Gruppe von Alltagsmenschen heran, sie heißen Kevin und Jane, Mary und Brian, Thomas und Clive, sie wohnen in derselben ärmlichen Straße irgendwo in London, sie leben in prekären sozialen Verhältnissen, haben schlecht bezahlte Jobs, keine Perspektive und viel Wut im Bauch.

Es gibt Eheleute, denen die Liebe abhanden gekommen ist und die sich gegenseitig betrügen und belügen; es gibt Halbbrüder, die nichts voneinander wissen, aber deren Schicksale sich gefährlich kreuzen; es gibt nach Halt und Orientierung suchende Jugendliche, die zu fiesen Schlägern und Vergewaltigern und von einer Medea-gleichen Rachefurie blutig bestraft werden; es gibt einen dumpfen Kerl, der sich im Alter nach Thailand absetzt, weil er dort von seiner schmalen Rente sich eine junge Geliebte leisten kann; es gibt ein junges Liebespaar, das sich fast im Alltag verliert und dann doch - im letzten Moment - unter schmerzlichen Begleitumständen wieder zueinander findet:

Kate Tempest collagiert diese Schicksale zu einer Odyssee des täglichen Überlebenskampfes, lehrt uns, was es heißt, sich zu behaupten: "Hold Your Own", behaupte dich, heißt denn auch ihr Gedichtband, der auf die "Brandneuen Klassiker" folgte. 

Lyrik ist derzeit - auch hierzulande - ziemlich angesagt, Steffen Popp wurde für den Leipziger Buchpreis nominiert, Jan Wagner bekommt den Büchner-Preis: Doch Kate Tempest spielt - als solitäres Multitalent - in ihrer eigenen Lyrik-Liga. Ich möchte den beiden deutschen Dichtern nicht zu nahe treten, aber Steffen Popp mit seinen "118 Gedichten" über die Schönheit des Periodensystems oder Jan Wagner mit seinen "Regentonnenvariationen" und seinen Gedichten über die Ästhetik von Teebeuteln, Tomaten und Rettich: Das sind handwerklich fein geschliffene und sprachlich schön gedrechselte lyrische Spielereien, nett und unterhaltsam, aber doch auch fürchterlich harmlos und folgenlos, literarische Bettlektüre, Rückzug in den geistigen Gemüsegarten.

Kate Tempest dagegen geht aufs Ganze, stellt sich bloß, ist zornig und böse, hemmungslos und aggressiv, verträumt und poetisch; sie jongliert wild mit Wörtern zwischen Pathos und Distanz, Klassik und Zeitgeist, ihre „Brandneuen Klassiker“ schöpfen Sprache und Form aus der Literatur-Geschichte, versuchen Mythen und Moderne, Götter- und Menschheitsgeschichte zu vereinen. "Mein Gedicht ist mein Messer", hieß einmal eine engagierte, widerspenstige Lyrik-Sammlung, die literarische Zäune niederreißen und sich nicht mit der lyrischen Gartenlaube zufrieden geben wollte. Die "Brandneuen Klassiker" von Kate Tempest sind genau dies: ein lyrisches Messer, das sich in die Eingeweide des Zeitgeistes bohrt, lustvoll, unaufhörlich und unerbittlich. 

Frank Dietschreit, kulturradio

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