"L'amour toujours – toujours l'amour? Junge französische Liebesgeschichten"
Verlag Klaus Wagenbach
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Erzählungen - "L'amour toujours – toujours l'amour? Junge französische Liebesgeschichten"

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Ein Buch wie ein Speed Dating mit 14 verschiedenen zeitgenössischen Tonlagen.

In Frankreich kennt sie jeder, die elfenbeinfarbenen Pappbände mit dem Titel in roter Schrift, darum ein dünner, farbiger Rahmen – die legendäre "blanche", geschaffen vom Verleger Gaston Gallimard. Eine schlichte und elegante Buchgestaltung, eine verlegerische Referenz.

Einstimmung auf das Gastland der Buchmesse

Im Wagenbach Verlag – der mit seinen roten Leineneinbänden selbst eine bibliophile Coverlegende geschaffen hat – erscheint nun eine Reihe französischer Literatur im französischen Design: schlichte, schöne Buchtitel ohne Bilder, ein grafisches Statement in Hinblick auf die Frankfurter Buchmesse im Herbst, bei der Frankreich Gastland sein wird.

Zum Einstimmen auf all die französischen Stimmen, die im Moment auf Deutsch herauskommen, eignet sich aus der Wagenbach-Reihe der Kurzgeschichtenband "L'amour toujours – toujours l'amour?", ein Band mit Texten junger Autorinnen und Autoren unter 40.

Ein Liebesmärchen, ein Doppelleben & rote Socken

Da ist zum Beispiel die Prix-Goncourt-Preisträgerin 2016 Leila Slimani mit einem Liebesmärchen vertreten; die sonst vor allem für Kinder- und Jugendbücher bekannte Clémentine Beauvais erzählt die Geschichte eines Doppellebens; der Schweizer Arthur Brügger berichtet von roten Socken, die ihren Träger unwiderstehlich machen (eine Geschichte wie gemacht für den Wagenbach-Verlag, dessen Gründer Klaus Wagenbach bekannterweise ausschließlich rote Socken trägt).

Eine Entdeckung - Alice Zeitner

Eine Entdeckung: die 1986 in der Normandie geborene Alice Zeniter. Ihren ersten Roman veröffentlichte sie mit 16 Jahren, mehrfach hat sie für ihre Bücher Preise bekommen. Ihre Geschichte "Es kommt kein Sommer mehr" handelt von einer Biografin, die sich mit einer alternden Schauspielerin trifft, um über sie zu schreiben. Da gab es diesen Sommer Ende der 70er Jahre, den die Schauspielerin mit dem berühmten Schriftsteller D. verbrachte, ein Sommer einer großen, aber schnell vergehenden Liebe.

Alice Zeniter erzählt meisterhaft, wie die Biografin sich in das Leben der Älteren hineinversetzt, um ihrem Idol, dem Schriftsteller D., nahezukommen. Eine Geschichte über Heldenverehrung, das Spannungsfeld zwischen den Generationen und den verantwortungsvollen Umgang mit Bekenntnissen; mit plastischen Figuren, die man sofort vor Augen hat. Diese trocken-bissige Schauspielerin, die solche Sätze sagt: "Glauben Sie, dass es einen im Alltag voranbringt, ein legendäres Paar zu sein?" oder, als D. eine jüngere Liebhaberin hat: "Welch dumme Idee war es doch, nicht neunzehn Jahre alt zu bleiben!"

In wenigen Sätzen ein ganzes Leben

Von sich reden machen wird bei uns auch der 1981 in Toulouse geborene Schriftsteller Tristan Garcia, der im Oktober auch zur Buchmesse reisen wird. In Frankreich ist er nicht nur als Autor von Romanen, sondern auch als Philosophiedozent bekannt, im Frühjahr erschien sein Buch über Intensität als Lebensprinzip auf Deutsch ("Das intensive Leben. Eine moderne Obsession", Suhrkamp Verlag, ein Interview dazu gibt es auch im aktuellen Philosophie Magazin). Intensiv ist auch seine Kurzgeschichte in der Anthologie: "Mager" erzählt von einer jungen rumänischen Turnerin, die eine seltsame Liaison voller Abhängigkeiten mit einem Zuhälter erlebt. In wenigen Sätzen entwirft Garcia hier ein ganzes Leben. Sein großer Roman "Faber. Der Zerstörer" erscheint erst im August, doch schon in dieser kurzen Geschichte spürt man die Wucht seiner Erzählstimme.

Schmerzliche Leidenschaften

Insgesamt erzählen diese Geschichten eher von Leidenschaften, die Leiden schaffen. "Die Liebe ist ohne Schmerz nun mal nicht zu haben", schreibt die Herausgeberin Annette Wassermann im Vorwort. Da geht es um misslungene Liebschaften, heimliche Affären, Missbrauch und mordende Ehefrauen. "Gefährliche Liebschaften" von Choderlos de Laclos ist in Frankreich Pflichtlektüre von Abiturklassen – nun spricht die junge Generation, die daran geschult ist. Ein Buch wie ein Speed Dating mit 14 verschiedenen zeitgenössischen Tonlagen.

Anne-Dore Krohn, kulturradio

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