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Sachbuch - Magnus Brechtken: "Albert Speer - eine deutsche Karriere"

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Er war Architekt, Hitler-Freund und NS-Rüstungsminister: Alber Speer. Er engagierte sich für den "totalen Krieg" und konnte doch nach 1945 von sich glauben machen, in der Zeit des Nationalsozialismus stets distanziert und eigentlich sogar unpolitisch gewesen zu sein. Mit diesem Bild räumt nun der Historiker Magnus Brechtken in seinem Buch "Albert Speer - Eine deutsche Karriere" auf.

Es bedurfte einer kritischen Speer-Gesamtbiographie. Die letzte große hat Joachim Fest geschrieben, und er ist weitgehend den Aussagen von Albert Speer gefolgt, hat aufwendige Archivarbeit wohl gescheut, wie Brechtken meint. Und damit ist Fest auf die Lügen und Halbwahrheiten von Speer hereingefallen. Darum geht es Brechtken: ein Bild von Speer ohne Lügen.

Wie konnte Speer mit seinen Lügen davonkommen?

Das leistet er auf den ersten 300 Seiten des Buches mit klassisch chronologischer Biografie. Hier zeichnet er den jungen Architekten, den "Baumeister der Bewegung", den Rüstungsminister und eben auch den führenden und rücksichtslosen Nazi. Im weiteren geht es Brechtken um den späten Albert Speer und vor allem um die Frage: Wie konnte es passieren, dass Speer mit seinen Lügen davonkam und ihm sogar eine weitgehende Deutungshoheit über seine Rolle und zum Teil auch über Hitler überlassen wurde?

Brechtken hat also eine doppelte Anklageschrift verfasst: gegen Albert Speer, aber auch gegen die deutsche Geschichtswissenschaft, die die Angaben von Speer nicht ausreichend hinterfragte. Insbesondere mit Joachim Fest geht er hart ins Gericht: "Der eigentliche Skandal vieler Fest-Publikationen liegt darin, dass er bis zum Schluss immer und immer wieder Legenden, Lügen und Märchen nacherzählte, ihnen gar stilistischen Glanz verlieh und diese Kolportagen als Geschichtsschreibung verkaufte."

Der Mythos Speer

Wie konnte das Bild vom "noblen Nazi" so lange bestehen? Albert Speer nutzte die für ihn günstige Situation, dass er aus der späten Führungsclique der Nazis (Hitler, Himmler, Goebbels und er) der einzige Überlebende war. Er konnte - auch in Nürnberg - glaubhaft machen, dass er an den eigentlichen ideologischen Entscheidungen nicht direkt beteiligt war. So konnte er eine Position von Nähe und Distanz zugleich einnehmen. Davon machte Speer schon im Kriegsverbrecherprozess geschickt Gebrauch. Zumal ihm Göring, der in den letzten Kriegsjahren kaum noch zur engsten Führung zählte, den Gefallen tat, sich als den einzigen, führenden Nazi aufzuspielen, der noch zur Verfügung stand.

Und selbst Brechtken drückt Verständnis dafür aus, dass Speer log, um seinen Kopf zu retten. Was ja auch gelang. Aber Brechtken verurteilt, dass Speer weiterlog, sein Leben quasi neu konstruierte und daraus ein erfolgreiches Geschäftsmodell mit u. a. zwei Bestsellern machte. Weithin sichtbar begann der Mythos Speer erst mit dem Dokudrama "Speer und ER" von Heinrich Breloer zu bröckeln. Das sieht auch Brechtken.

Gut lesbar

Brechtken schreibt seine "Beweisführung" gegen Speer flüssig und gut lesbar, was auch daran liegt, dass er viele Details in den riesigen Anmerkungsapparat, der alleine rund 250 Seiten ausmacht, schiebt. Es ist Magnus Brechtken gelungen, den Mythos Speer endgültig zu zerschmettern. Dennoch hätte etwas mehr Distanz der Biografie gutgetan. Es scheint doch viel Ärger durchzuschimmern, dass es diesen Mythos überhaupt geben konnte, den "guten Nazi", der mit den schmutzig-braunen Tätern nichts zu tun hatte.

Eckhard Stuff, kulturradio

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