Marie-Luise Scherer: "Der Akkordeonspieler"
Matthes & Seitz Berlin
Bild: Matthes & Seitz Berlin Download (mp3, 4 MB)

Zum Wiederlesen empfohlen - Marie-Luise Scherer: "Der Akkordeonspieler"

Bewertung:

Das Leben, sagt uns Marie-Luise Scherer, ist viel zu kompliziert, um es zu verstehen, aber wir können es beobachten und beschreiben, möglichst genau und ohne falsches Pathos.

Marie-Luise Scherer, 1938 in Saarbrücken geboren, hat als Journalistin und Schriftstellerin das Genre der Literarischen Reportage auf ein kaum gekanntes Niveau gehoben. Für ihre in der "Zeit" und im "Spiegel" erschienenen Beiträge ist sie vielfach ausgezeichnet worden. 2004 hat Hans Magnus Enzensberger unter dem Titel "Der Akkordeonspieler" in seiner "Anderen Bibliothek" einige ihrer besten und wichtigsten Reportagen zusammengestellt. Das vom Feuilleton hymnisch gefeierte Buch ist längst vergriffen. Umso schöner, dass jetzt im Berliner Verlag Matthes & Seitz wenigstens eine von Scherers Geschichten, nämlich die die titelgebende Erzählung vom "Akkordeonspieler", neu aufgelegt wurde. 

Leuchtendes und wahrscheinlich unerreichbares Vorbild

Dass viele der Feuilleton-Kollegen in der unvergleichlichen Marie-Luise Scherer ein leuchtendes und wahrscheinlich unerreichbares Vorbild sehen, liegt auch daran, dass jeder Leser bei der Lektüre ihrer literarischen Reportagen sofort spürt, dass hier eine äußerst empfindsame und gebildete Autorin um jedes Wort und jeden Satz ringt; dass sie nicht nur einen Ausschnitt der Welt - eine Person, ein Verbrechen, ein zerfallendes politisches System usw. - umkreist, sondern im penibel recherchierten, genau beobachteten und präzise beschriebenen Detail die ganze Welt sichtbar wird.

In ihrer Herangehensweise, ihrer Sprache, ihrem Tonfall, ihrer umfassenden Bildung, ihrer wertfreien, objektiven und vernunftbegabten Empathie sind ihre literarischen Reportagen absolut einzigartig und stilbildend. Nirgendwo ein überflüssiges Wort oder eine feuilletonistische Girlande; bei Scherer gibt es keinen modischen Schnickschnack, keinen zeitgeistigen Jargon, sondern intellektuelle Konzentration und sprachliche Genauigkeit; ein Satz kostet sie 40 Zigaretten, hat Scherer einmal gesagt; alles ist verständlich, klar und einfach, nirgendwo wird über die Bedeutung des Geschehens spekuliert oder werden die Handlungen von Menschen moralisch gewertet.

Wenn sie über eine junge Frau schreibt, die aus dem Schwäbischen nach Berlin flieht und in ihrem Sehnsuchtsort nicht das Glück, sondern den Tod findet, oder wenn sie über einen Hund schreibt, der an der DDR-Grenze den Todesstreifen bewacht, dann sind das nicht literarische Aufschreie gegen den Wahnsinn der Welt, sondern akribisch und fast teilnahmslos notierte Einblicke in den unergründlichen Abgrund der Hölle.

Berliner Lokalkolorit & postsowjetisches Chaos

In der Geschichte vom "Akkordeonspieler" wirft Scherer nicht einfach nur einen kurzen Blick auf die ebenso reale wie wundersame Geschichte eines Akkordeonspielers, den es in den 1990er Jahren aus der zerfallenden Sowjetunion in die deutsche Hauptstadt verschlägt, sondern sie trägt eine ungeheure Fülle an Material zusammen, beobachtet ganz genau, wie und wo er lebt, was und wie er auf seinem Instrument spielt, beschreibt, wem er auf seiner beschwerlichen Reise aus dem Kaukasus nach Berlin begegnet und wie ihm die Menschen in Berlin begegnen, ob sie ihm helfen und unterstützen, ihn bemitleiden, beleidigen, demütigen.

Scherer breitet vor dem Leser einen Faktenreichtum aus, dass es einem den Atem verschlägt, sie vermischt dabei Berliner Lokalkolorit mit postsowjetischem Chaos, collagiert private Lebensgeschichte mit politischer Unübersichtlichkeit; sie weitet die Geschichte des einsamen, von seiner Frau und seinen Kindern getrennten  Akkordeonspielers zu einem gesellschaftlichen Panorama einer Ära, bindet den durch Europa irrlichternden Musiker ein in eine Geschichte der Ost-West-Beziehungen und des globalisierten Lebens. Scherers Wahrnehmungsfähigkeit ist schonungslos, ihre Arbeit am Wort minutiös, sie begegnet den Verstrickungen des Alltags und den Verwicklungen des Sozialen mit Demut und Respekt, sie versinkt in fremdes Leben, geht mit Haut und Haaren darin auf - und bereitet ihr Material mit dramaturgischer Raffinesse und ohne moralischen Impetus vor uns aus. 

Eine literarische Reportage

Der russische Akkordeonspieler kommt nach Berlin, weil er - der vorher in den Kurorten auf der Krim ganz gut leben konnte von seiner Musik - nach dem Zerfall der Sowjetunion arbeitslos ist; er hat Frau und Kinder, die er ernähren muss und nicht mehr kann - aber er hat eine Einladung einer Frau aus Potsdam in der Tasche, er kennt die Frau gar nicht, aber die Einladung ist über dunkle, korrupte Wege irgendwie zu ihm gelangt. Also reist er nach Moskau und bekommt - nachdem er durch labyrinthische Bürokratien gestolpert ist - ein russisches Ausreisevisum und eine befristete deutsche Aufenthaltsgenehmigung.

Nach einer Eisenbahn-Odyssee landet er in Berlin und spielt in kalten U-Bahn-Schächten und -Unterführungen für ein paar Groschen, die er hütet wie seinen Augapfel und langsam vermehrt, so dass er, nach Ablauf des Visums, zuhause in Russland Geld und Geschenke abliefern kann.

Das geht so über Jahre, immer wieder ergattert er irgendwie ein Visum und lebt eine Zeitlang in Berlin als Straßenmusiker, bevor er wieder ausreisen muss. Er kommt bei einsamen Berliner Witwen unter und haust in billigen Absteigen, schließlich muss er sogar, um das Leben im Transit weiter führen zu können, sich von seiner geliebten Frau scheiden lassen, pro Forma eine andere Frau heiraten und einen neuen Namen annehmen: aus Kolenko wird dann Karpow. Aber er bleibt immer der gleiche schelmische und sympathische Akkordeonspieler in einer literarischen Reportage, die Scherer vor uns entfaltet wie eine russische Puppe.

Immer weiter und feiner verästelt Scherer ihre Geschichte: Bevor Kolenko das erste Mal nach Berlin reist, erfahren wir alles Nötige über sein Leben als Musiker in den russischen Kurorten, in denen einst ZK-Mitglieder und hoch dekorierte Arbeiter sich erholen konnten; wenn Kolenko in Berlin eintrifft, nehmen wir Anteil an seinem Kampf um einen möglichst vor Wind und Kälte geschützten Arbeitsplatz; wenn er von einer einsamen Witwe in Berlin mit nach Hause genommen wird, dann gönnt uns Scherer auch einen kleinen Blick in das traurige Leben dieser Frau; wenn Kolenko in Moskau wochenlang auf sein Visum wartet, dann nimmt er uns mit in den Bauch der Stadt und lässt uns teilhaben an seinen Begegnungen und Erlebnissen; wenn er wieder nach Hause kommt zu Frau und Kindern, dann entfaltet Scherer ganz nebenbei vor uns das kärgliche Leben in der russischen Provinz; wenn er wieder einmal im Zug sitzt nach Berlin, dann lauschen wir den Gesprächen der Mitreisenden, hören von ihren Hoffnungen auf ein neues, besseres Leben: Immer wieder öffnet sich eine neue Tür, jeder Mensch hat eine andere Geschichte, und hinter jeder Geschichte steckt wieder eine neue, andere Geschichte. Das Leben, sagt uns Marie-Luise Scherer, ist viel zu kompliziert, um es zu verstehen, aber wir können es beobachten und beschreiben, möglichst genau und ohne falsches Pathos.

Frank Dietschreit, kulturradio

Weitere Rezensionen

Vladimir Nabokov: "Briefe an Véra", Montage: rbb
Rowohlt; Montage: rbb

Sachbuch - Vladimir Nabokov: "Briefe an Véra"

Will man das? Die Briefe eines Ehemannes lesen, die er im Verlauf von fünfzig Jahren unermüdlich und mit nie nachlassendem Enthusiasmus an seine Ehefrau geschrieben hat? Ja, unbedingt, wenn der Verfasser Vladimir Nabokov heißt.

Bewertung: