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Sachbuch - Peter Sloterdijk: "Nach Gott"

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Regelmäßig blicken wir im kulturradio auch auf Bücher, die es auf die Bestseller-Liste geschafft haben. Arno Orzessek bespricht Peter Sloterdijks Glaubens- und Unglaubensversuche "Nach Gott". Das Buch ist pünktlich zum 70. Geburtstag des Philosophen (am 26.06.2017) erschienen und mit Platz 18 in die Spiegel-Bestsellerliste eingestiegen.

Wenigstens ein Nietzsche-Zitat kennt fast jeder. Es steht in der Fröhlichen Wissenschaft und lautet: "Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet!" Wenn das jüngste Buch des Nietzsche-Verehrers Peter Sloterdijk nun Nach Gott heißt, dann liegt die Erwartung nahe, dass er sich um die gegenwärtigen Konsequenzen kümmert, die aus dem unterstellten Tod Gottes folgen. Und das ist auch nicht ganz falsch.

Tatsächlich will Sloterdijk den Horizont der Moderne, in der wir leben, im Zeichen der Gott-Losigkeit abschreiten. Aber genauso (und noch mehr) will er auch das vorherige Zeitalter untersuchen, in dem Gott und Götter unangefochten-transzendentale Autoritäten waren.

Ein Potpourri bereits vorgetragener Texte

Sloterdijks Selbstverständnis ist das eines Mediums: "Jeder inhaltlich fruchtbare Gedanke gehört der Sphäre des 'es denkt' an (allenfalls des 'es denkt in mir')", heißt es im Einführungskapitel "Götterdämmerung". Nur leider hat Sloterdijk es für Nach Gott nicht neu in sich denken lassen. Vom Suhrkamp Verlag in der Werbung keck unterschlagen, handelt es sich um ein Potpourri bereits veröffentlichter oder vorgetragener Texte; es reicht zurück bis 1997.

Und so gibt es tausend rote Fäden. Eine Art historischen Gesamtüberblick über die Epochen mit und nach Gott bietet Sloterdijks originelle Umwertung des Begriffs "Götterdämmerung". Diese habe wenig mit irgendwelchen transzendenten Verhängnissen auf der Ebene Gottes oder der Götter zu tun, betont Sloterdijk. Die Götterdämmerung entsteht für ihn vielmehr im Wandel des Verhältnisses zwischen der kreativen Intelligenz des Menschen und der Welt.

Die höheren Kulturen, so Sloterdijk, geraten immer mehr in den Sog ihrer eigenen Kreativität. Das heißt: Die Kultur technischen und anderen artizifiellen Errun­genschaften der Kultur überschatten die Natur als dominierende Instanz des Daseins - und umso unaufhaltsamer verblasst die göttliche Sphäre. Was auch bedeutet: Die Verdüsterung des Daseins, für die Sloterdijk insbesondere das Christentum bis hin zum Buß- und Reue-Junkie Martin Luther verantwortlich macht, geht über in eine planetarische Aufheiterung. Für diese sollen von Bach – Stichwort: "Jauchzet, frohlocket!" - über Nietzsche bis Martin Luther King die "Virtuosen der Bejahung" verantwortlich sein. Die "religiöse Entropie" baue die asketischen Spannungen von mehr von 2000 Jahren unwiderruflich ab.

Dichte Lektionen für theologisch Interessierte

Womit eigentlich das Stadium nach Gott, das dem Buch den Titel gibt, erreicht wäre. Sloterdijk aber geht in den längsten Aufsätzen des Buches ungerührt immer weiter auf das Stadium mit Gott ein. Er überblickt die antike Gnosis ("Die wahre Irrlehre" lautet hier die Überschrift) und beleuchtet das "In-Gott-Sein", das dem modernen In-der-Welt-Sein ohne Gott vorausging. Es handelt sich jeweils um sehr dichte Lektionen für theologisch Interessierte. Zugänglicher und angreifbarer liest sich das Porträt Jesu als "des schrecklichsten Kindes der Weltgeschichte" im Kapitel "Der Bastard Gottes", übernommen aus dem Buch Die schrecklichen Kinder der Neuzeit.

Aus Sloterdijks Sicht deuten die abweichenden Anfänge der Evangelien auf "das Bestehen einer gravierenden Familiensinn-Störung bei dem jungen Kandidaten auf den Messias-Titel" hin: "Der Widerspruch zwischen der Lehre von der jungfräulichen Geburt des Messias und seiner Einbindung in die ältesten Herkunftsreihen bleibt unversöhnbar." Allemal werde durch Jesu Wirken die "imitative Nachfolge" wichtiger als die Generationenfolge: "Wir zeugen nicht mehr, wir taufen und rufen auf. Wir pflanzen uns nicht fort, wir lehren und bekehren."

Gott ist ein inneres Texas

Ob wir überhaupt in einer Epoche nach Gott leben, hat Sloterdijk bis dahin nicht problematisiert. In gewisser Weise wird das Buch Opfer seines eigenen Titels. Denn Sloterdijk hält die These, Moderne heiße, sei, bedeute Säkularisation, offenbar selbst für unzureichend. Immerhin leben heute mehr Menschen mit Gott als je zuvor, wie es scheint, sogar in den westlichen Industriestaaten.

Nur ist deren neuer Glaube gewiss nicht restlos identisch mit dem alten. Eben das beleuchtet Sloterdijk an den evangelikal geprägten USA, wo für ihn in Glaubensdingen raffi­nierte Technik und robuste Naivität  zusammenkommen. Er nennt das Symptom "Erfolgsfrömmigkeit" und glänzt mit dem Bonmot: "Gott ist [nunmehr] ein inneres Texas; der Mensch eine Förderanlage für Tiefen-Energien." Man spürt, dass Sloterdijk einen solchen Glauben philosophisch nicht für ganz voll nehmen kann.

Sei's drum. Wer sich nicht darüber schwarz ärgert, dass das neue Buch mit den alten Texten eine noble Mogelpackung ist, dürfte sich über die Inspiriertheit vieler Aufsätze freuen.  

Arno Orzessek, kulturradio

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