Valeria Parrella: "Liebe wird überschätzt"
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Erzählungen - Valeria Parrella: "Liebe wird überschätzt"

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Die italienische Autorin schreibt über die unverhofften Wendungen der Liebe "und an­dere menschliche Geschichten".

Ein Abrechnung

Auf einer Reise mit Mann und Tochter erfährt eine Frau, dass ihr langjähriger Geliebter gestorben ist. Sie hatte stets geglaubt, ihre Leidenschaft geheim gehalten, unbemerkt von der Familie das Verhältnis mit dem anderen Mann gelebt zu haben. Nun stellt sich heraus, dass nicht nur ihr verständnisvoller Ehemann all die Jahre davon wusste, son­dern auch die Tochter.

Und dieses siebzehnjährige Mädchen rechnet beim Abendessen mit Mutter und Vater ab. Im Wiener Restaurant zählt sie auf, was sie all die Jahre ge­se­hen hat, die trostlosen Affären des Vaters, die Liebesgeschichte der Mutter; die Eltern seien "wie viele andere Menschen, die die Liebe zu wichtig nehmen." Sie dagegen sei frei und habe das Leben vor sich und nicht wie die Erwachsenen "die Luft mit Zeichen ver­stopft".

Zeichen der Liebe

Valeria Parrella schreibt von diesen Zeichen, die der Liebe voraus- und nachgehen, die sie beglei­ten. Dass die Liebe zu wichtig ist, das glaubt man weder der revoltierenden 17-Jährigen noch ihrer Mutter, die sich an den Anfang ihrer Affäre erinnert und darüber sinniert, dass es vielleicht doch nicht Liebe war, sondern Sex, "denn sie hatten beide ei­nen neuen Körper gebraucht, dem man außerdem vertrauen konnte".

In dieser titelgebenden ersten Erzählung geht es darum, wie und dass der Schritt vom Wege, dass Ehebruch nicht grundsätzlich in die Katastrophe führen muss, sondern ein Familienleben über lange Zeit und gefahrlos grundieren kann.

Interessante Frauenfiguren

Die neapolitanische Autorin erzählt realistische Geschichten, entwirft vor allem interes­sante Frauenfiguren, die nicht mehr jung, aber sehnsüchtig und sinnlich sind. Da gibt ein Kell­ner, der sie und ihre Mutter jahrelang in der Pizzeria bedient hat, plötzlich sein Be­geh­ren zu erkennen und die unfrohe, stets auf ihre Selbstständigkeit bedachte, inzwi­schen männerlose Lehrerin begreift, dass auch sie das Sehnen noch nicht verloren hat, dass "irgendwo unterhalb der Taille" das Leben sitzt.

Acht Geschichten, die von diesem Leben erzählen, die im Gefängnis spielen, im Krema­to­rium, im Hotel und - im Kloster, wo eine 40-jährige Äbtissin die ausschließliche Liebe zu Jesus beendet und ein fremdes Baby als ihres ausgibt. Der Arzt, der ihr bei dem Betrug hilft, war vor mehr als zwei Jahrzehnten einmal in sie verliebt gewesen. Sie bricht mit al­lem und kehrt in ihr Dorf zurück, ist fortan keine Ordensschwester mehr, sondern "ei­ne Frau mit praktischem Sinn, die nicht mehr an ihre vergangenen, sondern nur noch an die kommen­den Tage dachte."

Manuela Reichart, kulturradio

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