Victor Klemperer: "Warum soll man nicht auf bessere Zeiten hoffen. Ein Leben in Briefen"; Montage: rbb
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Briefe - Victor Klemperer: "Warum soll man nicht auf bessere Zeiten hoffen. Ein Leben in Briefen"

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Hier sucht einer die Wahrheit und will sie auch aussprechen. So werden wir Zeugen einer Briefkultur, wie sie heute längst ausgestorben ist, und der man durchaus nostalgisch nachtrauern kann. Vor allem aber sind die Briefe ergreifende Dokumente einer schrecklichen Zeit, in der ein Einsamer und Alleingelassener mit der Kraft des Wortes um sein Überleben kämpft.

"Ich will Zeugnis ablegen bis zum Letzten", diesen Titel tragen die Tagebücher von Victor Klemperer (1881 - 1960) aus den Jahren 1933 - 1945. Wie wohl kein anderes Werk zeigen sie die Monstrosität des nationalsozialistischen Terrors, indem sie vom alltäglichen Leben in Deutschland berichten.

Unbestechlicher Wahrheitssucher

Die Schilderungen der schrittweisen Entrechtung und beinahe tödlich endenden Verfolgung des jüdisch-protestantischen Hochschullehrers und seiner Frau Eva stehen auch im Mittelpunkt der Ausgabe mit Briefen, die Victor Klemperer zwischen 1909 und 1960 verfasst hat.

Auch in diesen Briefen erweist sich Klemperer als unbestechlicher Wahrheitssucher, als strenger Stilist und als Idealist, der sich, wie er selbst schreibt, als "absolut deutsch" versteht und der 1935 betont, "dass ich ganz und gar und ausschließlich nach Deutschland gehöre".

Nach allem, was geschehen und was Victor Klemperer widerfahren ist, klingt das heute seltsam fern. Aber in der Tat haben deutsche Sprache und deutsche Kultur für Victor Klemperer (über)lebenswichtige Bedeutung, ohne sie kann und will er nicht leben. Und wenn wir mit seinen Briefen zurückschauen auf die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts in Deutschland, berühren und ergreifen die Ernsthaftigkeit und Emphase, mit der Klemperer das geistige Leben der deutschen Nation als Grundlage seines eigenen Lebens begreift.

Mitglied im Reich des Geistes

Geboren als neuntes Kind eines Rabbiners verläuft Victor Klemperers Weg zum Professor der Romanistik nicht geradlinig. Zunächst macht er eine Kaufmannslehre in einem Galanterie- und Kurzwarengeschäft, holt dann aber das Abitur nach und wird schließlich 1913 promoviert. Es folgen Jahre als Kriegsfreiwilliger an der Front in Flandern und als Postzensor im Osten.

Erst 1920, als knapp 40-jähriger und nach einem Zwischenspiel als Journalist, der von den Wirren während der Münchener Räterepublik berichtet ("Man möchte immer weinen und lachen in einem"), bringt es Klemperer zum ordentlichen Professor an der Technischen Hochschule Dresden. Er hat erreicht, was er ersehnt hat: Er ist Mitglied im Reich des Geistes.

Spannungsreiche Lektüre

Die Umgangsformen und die Sprache, die in jenem Reich zwischen den Gleichgesinnten herrschen, sind geprägt von zeremonieller Höflichkeit. Mit "Hochgeehrter Herr Professor" beginnt im Jahre 1914 ein Brief Klemperers an seinen Lehrer Karl Vossler und endet mit der Schlussformel: "Ich empfehle mich Ihnen aufs allerergebenste als Ihr alter Schüler."

Doch dieser steif-ehrerbietigen Form in Klemperers Briefen entspricht in der Sache eine Deutlichkeit und gelegentliche Härte in der Argumentation, die die Lektüre  spannungsreich im Sinne des Wortes macht. Hier sucht einer die Wahrheit und will sie auch aussprechen. So werden wir Zeugen einer Briefkultur, wie sie heute längst ausgestorben ist, und der man durchaus nostalgisch nachtrauern kann.

Zivilisatorische Meisterleistung

"Mir widerstreben die superlativischen Worte", heißt es in einem frühen Brief an Karl Vossler. Aber mit klaren Worten hält er nicht zurück, als sich ein wissenschaftlicher Dissens mit Vossler auftut: "Sie sind meiner herzlichsten Verehrung und Zuneigung, meiner Dankbarkeit und Bewunderung gewiß, mag kommen, was will. Aber von dem für richtig erkannten Weg lasse ich mich nicht abdrängen, und wenn ich Sie in Gefahr sehe, auf wissenschaftliche Irrwege zu geraten, muß ich es Ihnen sagen, statt Ihnen zu folgen." Nur mit Bewunderung kann man diese Klarheit, die sich mit Konzilianz und Freundlichkeit paart, konstatieren.

Über Jahrzehnte tauschen der Lehrer Vossler und der Schüler Klemperer Briefe aus, entfernen sich voneinander und finden zum Schluss wieder zusammen, eine zivilisatorische Meisterleistung, die stattfindet vor der Wirklichkeit des großen Zivilisationsbruchs in Deutschland zwischen 1933 und 1945.

Schön ausgemalter Komik

Im Jahre 1935 wird Klemperer "zwischen zwei Vorlesungen" aus dem Hochschuldienst entlassen, die Verlage, in denen seine Bücher erscheinen, kündigen die Verträge, es wird einsam um den leidenschaftlich Lehrenden und Schreibenden und seine Frau Eva. Er darf den Lesesaal in der Universitätsbibliothek nicht mehr benutzen, schließlich darf er auch nicht mehr in Leihbibliotheken gehen. Er schreibt für die Schublade, sein lebenslanges Arbeitsethos hilft ihm - und ein kleines Auto, das er sich zugelegt hat und mit dem er gemeinsam mit Eva zunächst kleine und dann auch größere Ausflüge unternimmt. Das bockige Gefährt, das oft nicht so will, wie er möchte, wird zum Symbol der Freiheit in einer immer klaustrophobischer und zunehmend lebensgefährlicher werdenden Welt.

In einer Zeit "tiefster Einsamkeit, absoluter Isolierung" sind seine brieflichen Schilderungen von den absurden Kämpfen mit dem Auto von schön ausgemalter Komik. Als er schließlich gezwungen wird, das Auto zu verkaufen, ist das ein schwerer Schlag, dem weitere folgen: Verlust des Hauses, Einweisung in sogenannte "Judenhäuser", Zwangsarbeit, schließlich im Februar 1945 Flucht aus dem brennenden Dresden.

Stärke und Frische

In den Jahre 1941 bis 1945 konnte Klemperer keine Briefe schreiben. Erst ab Ende 1945 liegen wieder Briefzeugnisse vor. Sie zeigen einen Mann, der seine Verbitterung verdrängt, der endlich befreit ein ungemein aktives Leben führt, der SED-Mitglied wird und sich kulturpolitisch engagiert (und wohl gelegentlich auch verrennt), und der in seinen Briefen weiter das offene und deutliche Wort pflegt. Ein Dokument von hohem zeitgeschichtlichen Wert ist sein Brief an den Sohn seines Lehrers Karl Vossler, Otto Vossler, der Klemperer "schroffe und intransigente Strenge" vorgeworfen hatte.

Er bezieht sich auf einen Artikel von Klemperer, in dem es hieß: "Man konnte unter Hitler auf keinem geistes-wissenschaftlichen Katheder bleiben, ohne die Wahrheit zu verraten." In süßlichem und zugleich aggressivem Ton fragt Otto Vossler: "Warum steht das da und erzeugt weiter Unheil und Unruhe, Unrecht und Hass, Übel, die uns doch ohnehin schon genug plagen?" Klemperer antwortet ("Sehr verehrter Herr Kollege") mit größtmöglicher Deutlichkeit und schließt mit den Worten: "Nein, mit dem milden Zuscharren ist nichts getan."

Victor Klemperer schreibt mit offenem Visier, das gibt seinen Briefen Stärke und Frische -  bis heute. In Zeiten des Geplappers und der schnellen Mails mag die versunkene Kultur des Briefeschreibens, wir wir sie am Beispiel von Klemperers Briefen erleben, als ernste Mahnung zur Langsamkeit und Bedachtsamkeit verstanden werden, vor allem aber sind die Briefe ergreifende Dokumente einer schrecklichen Zeit, in der ein Einsamer und Alleingelassener mit der Kraft des Wortes um sein Überleben kämpft.

Claus-Ulrich Bielefeld, kulturradio

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