Yasmina Reza: Babylon; Montage: rbb
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Roman - Yasmina Reza: "Babylon"

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Die 60-jährige Ich-Erzählerin Elisabeth, eine Patentingenieurin im Institut Pasteur, erinnert sich an ein unerhörtes Ereignis, das sich dem Leser erst langsam erschließt. Denn Elisabeth liebt es abzuschweifen, zu meditieren und zu philosophieren.

In ihren Stücken ("Kunst", "Der Gott des Gemetzels") wie auch in ihren Romanen ("Glücklich die Glücklichen") zeigt Yasmina Reza immer wieder, wie der Alltag ihrer Personen ins Schwanken gerät, wie der Schrecken unvermittelt in banale Familien- und Paarverhältnisse einzieht.

Dabei bewegt sie sich auf dem schmalen Grat zwischen Tragödie und Komödie und kippt ihre melancholisch grundierten Geschichten ins Groteske und Farcenhafte. Auch in ihrem neuen Roman "Babylon" geht es wie so oft bei Yasmina Reza um ein "Drama des Alltags" im bürgerlich-akademischen Mittelstand.

Das Setting

Den Glutkern des Romans bildet die Geschichte von Jean-Lino und Lydie, einem älteren Paar, das ein Stockwerk über der Wohnung von Elisabeth und deren Mann Pierre lebt. Elisabeth freundet sich mit dem etwas ungelenken Jean-Lino an, geht mit ihm auch einmal zu einem Pferderennen. Aber alles bleibt im freundschaftlichen Rahmen. Und so besucht man auch gerne Lydie, die in einem Jazzclub als Hobbysängerin auftritt, und ansonsten als New-Age-Therapeutin und Pendlerin arbeitet. Viel mehr hat man nicht miteinander zu tun.

Die Katastrophe schleicht sich heran, als Elisabeth und Pierre ein paar Freunde und Bekannte zu einem Abendessen einladen, das klassische setting bei Yasmina Reza. Man plaudert unverbindlich, auch mal ein bisschen schroff, der Alkohol fließt. Irgendwann ahmt Jean-Lino seine ökologisch korrekte Frau Lydie nach, die vor einiger Zeit in einem Lokal den Kellner gefragt hatte, ob das servierte Hühnchen auch genügend Auslauf gehabt und auf einem Baum gesessen habe. Um seiner Erzählung Nachdruck zu verleihen, bewegt er seine Arme wie ein flatterndes Huhn. Bald darauf verlassen Jean-Lino und Sylvie, sie schweigsamer als gewohnt, die Abendgesellschaft.

Die Albtraum-Nacht

Um zwei Uhr nachts steht Jean-Lino vor Elisabeths und Pierres Tür – und teilt stammelnd mit, dass er seine Frau Lydia erwürgt habe. Es beginnt ein nächtliches Spiel der Verwirrungen: Eigentlich müsste man die Polizei rufen, aber dann wird erst einmal geredet. Was Pierre allerdings so nervt, dass er zurück in seine Wohnung geht und – psychologisch nicht unbedingt glaubwürdig – in einen tiefen Schlaf fällt. Elisabeth hingegen hilft Jean-Lino, die tote Sylvie in einen Koffer zu stopfen; gemeinsam will man die Leiche wegschaffen. Aber dann landen die beiden doch auf der Polizeiwache, und nach einigem Hin und Her übersteht Elisabeth die Albtraum-Nacht schließlich ohne größeren Schaden.

Die Botschaft

Yasmina Reza packt viel in ihren Roman, der sich vordergründig als rasanter und dramaturgisch geschickt gebauter Thriller aus dem bürgerlichen Leben und dem darin versteckten Horror lesen lässt. Zweifellos würden diese stark dialogisierten Passagen auch auf dem Theater gut funktionieren. Aber Yasmina Reza will offensichtlich mehr: Man kann "Babylon" auch als eine Studie über Einsamkeit und Melancholie lesen, über Vergeblichkeit und Lebensangst.

Währenddessen Elisabeth die Geschichte von Jean-Lino und Sylvie erzählt, irren ihre Gedanken immer wieder ab: Mehrmals scheint vor ihrem inneren Auge ein Foto aus Robert Franks Fotoband The Americans auf, das einen alten Mann zeigt, der verloren vor einer Mauer steht und die Zeitschrift der Zeugen Jehovas hochhält. Sie denkt an ihre verstorbene Mutter, an ihre Kindheit, und sie spürt schmerzlich, dass sie allein ist, dass es keinen Trost gibt: "An den Wassern zu Babylon saßen wir und weineten, wenn wir an Zion dachten."

Der biblische Psalm verweist auf die jüdischen Wurzeln einiger Protagonisten, er drückt aber auch das grundsätzliche Weltgefühl Elisabeths aus, die einmal konstatiert: "Ich war all diese Heimatlosen." Und die an anderer Stelle meint: "Eine Kleinigkeit genügt, schon zweifle ich an der Sinnhaftigkeit der Welt."

Yasmina Reza hat einen tief- und hintergründigen Roman geschrieben, in der ihr eigenen Art: Nichts wirkt hier schwer, die disparaten Teile fügen sich zu einem Gesamtbild, das vieldeutig strahlt.

Claus-Ulrich Bielefeld, kulturradio

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