Yuval Noah Harari: "Homo Deus - Eine Geschichte von Morgen"
C. H. Beck
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Weltgeschichte - Yuval Noah Harari: "Homo Deus - Eine Geschichte von Morgen"

Bewertung:

"Homo Deus" ist klug, erregend und streitbar. Das Werk ist zurecht ein Bestseller. Fragt sich nur, ob man überhaupt so Gott-artig hoch über den Menschen und ihrer Geschichte stehen kann, wie es Harari – trotz eingestreuter Zweifel – nassforsch suggeriert.

Ob man die Gattung nun Weltgeschichte, Universalgeschichte oder englisch "Big history" nennt - Yuval Noah Hararis "Homo Deus" zählt allemal dazu. Was aber das Buch nicht ist, genauer: nur im letzten Teil ist, das steht ausgerechnet im Untertitel: "Eine Geschichte von Morgen."

Denn über weite Strecken geht es um Vergangenheit und Gegenwart – der Menschen, sonstiger Tiere, der Religionen, Gesellschaftssysteme, Wissenschaften, der Seele und des Bewusstseins.

Der Mensch, das kollektive Tier mit planetarischem Wirkungsraum

Laut Harari hat sich der Mensch seinen Spitzenplatz in der Evolution vor allem darum ergattert, weil er anders als familien- und rudelgebundene Tiere mit eingeschränkten Beziehungsräumen fähig ist, in großer Zahl und letztlich in globalem Maßstab zu kooperieren. Bis hin zur Bildung von Staaten, supranationalen Verbünden und Weltkonzernen, die von Geld, Gesetzen, Werten und symbolischen Ordnungen zusammengehalten werden.

Merke: Der Mensch ist das kollektive Tier mit planetarischem Wirkungsraum! In jüngster Zeit habe er es sogar geschafft, Hunger, Krieg und Krankheit zu besiegen. Es gibt sie noch, na klar, aber für Harari sind die alten Geißeln kein grundsätzlich unabwendbares Schicksal mehr, sondern eher so etwas wie Organisationspannen. Man wisse, dass es theoretisch ganz ohne gehen könnte.

Was die gehobenen Daseins-Sphären angeht, habe sich ein Wechsel vollzogen. Zwar sei dem Menschen mit dem berühmten Tod Gottes der höhere Sinn des Lebens abhanden gekommen. Dafür seien sie drauf und dran, mittels Technik, zumal mittels Computer, Gen-Technologie und Neurowissenschaften quasi göttliche Macht über sich zu erringen. Daher der Buchtitel: göttlicher Mensch, Homo deus, Sieger aller biologischen Klassen.

Computer, die wahren Sieger der Evolution

Allein, ob göttlich oder nicht: Dem Menschen könnte es rasch an den Kragen gehen. Er werde nämlich den digitalen Maschinen auf Dauer kaum gewachsen sein, vermutet Harari, als er endlich auf die Zukunft zu sprechen kommt.

Die meisten menschlichen Fähigkeiten, selbst Schachspiel und Krebsdiagnose, lassen sich ja auf Algorithmen herunter brechen, die in Computern effektiver arbeiten als in uns. Erwiese sich gar unser ganzer Organismus als Algorithmus (worüber die Experten streiten), wären Künstliche Intelligenzen mit potenteren Algorithmen als höhere Wesen anzusprechen, selbst wenn es ihnen an Bewusstsein fehlen sollte (die Experten streiten, ob es so etwas überhaupt gibt, und wenn ja, ob es auch Maschinen entwickeln könnten).

Das dräuende Problem: Die höheren digitalen Wesen könnten sich zu uns so abschätzig verhalten wie wir zu den Haushühnern – eine Sorge, die unter KI-Forschern seit langem diskutiert wird. Harari mutmaßt, dass unser liebgewonnener Humanismus, den er befremdlicherweise eine "Religion" nennt, durch den "Dataismus" ersetzt wird, in dessen Epoche der freie Datenfluss im Internet aller Dinge Gebot Nr. 1 ist. Die Menschen mit ihren vergleichsweise kleinen Arbeitsspeichern und lahmen Algorithmen würden datentechnisch mit den Computern verschmelzen. Diese aber wären die wahren Sieger der Evolution.

Der ganz große Durchblick?

Ist das allzu verblasene Zukunftsmusik? Tja, Universalgeschichte zielt auf den ganz großen Durchblick ab. Und bei Harari sieht man, welche Chancen und Risiken das birgt.

Einerseits bietet er ein ungeheures menschheitsgeschichtliches Gewebe aus naheliegenden, überraschenden und abseitigen Zusammenhängen an, gefüttert mit tausend interessanten Details. Die Abschweifung zum Statussymbol Zierrasen etwa verblüfft und liest sich köstlich. Außerdem ermuntert Hararis Riesen-Perspektive, die eigenen Kenntnisse über das große Ganze und die eigenen Prognosen über das, was daraus wird, zu prüfen, zu revidieren, zu festigen.

Andererseits ist das Gewebe an gar nicht wenigen Stellen fadenscheinig. Hararis rhetorisch packend vorgetragene Argumente sind in der Sache oft grobschlächtig und ignorieren die begriffliche Arbeit diverser Wissenschaften von der Anthropologie bis zur Philosophie, von der Soziologie bis zur Frühgeschichte, auf die er zurückgreift und die sein Buch überhaupt erst ermöglichen. Die schnittige Pointe kommt vor der Differenzierung, Widersprüche bleiben nicht aus.

Eleganter Bescheid-Wisser-Sound

Und trotzdem: Ob man es nun Dataismus nennt oder anders, die Abdankung des Menschen zugunsten potenter digitaler Maschinen ist gewiss keine reine Science fiction, wie jeder an seinem eigenen Arsenal von vernetzten Apparaten erkennen kann. Am Ende fragt Harari: Was ist wertvoller, die unbestreitbare Intelligenz der Computer oder das immer noch unbegriffene Bewusstsein des Menschen? Die möglichen Antworten sollten uns in der Tat beschäftigen. Und tun es ja auch.

Auf so viele Wissensbestände Harari auch zugreift: Verständnisschwierigkeiten treten kaum auf. Wer sonstigen populärwissenschaftlichen Sachbüchern gewachsen ist, ist auch "Homo Deus" gewachsen. Die Gefahr liegt eher darin, dem eleganten Bescheid-Wisser-Sound samt den  muskulösen Urteilen zu verfallen. Und dabei die Kritik-Funktion im Hirn abzuschalten. Ganz weit hinten betont Harari: Die Szenarien, die er entwirft, sollten nicht als Prognosen, sondern – eine ganze Stufe niedriger – als Erörterung bloßer "Möglichkeiten" verstanden werden. Das ist eine späte Selbstentschärfung des Autors, der ansonsten nicht durch Demut auffällt.

"Homo Deus" ist klug, erregend und streitbar. Harari argumentiert ernst, aber nicht hysterisch. Und er verarbeitet Material im XXL-Maßstab. Das Werk ist also zurecht ein Bestseller. Fragt sich nur, ob man überhaupt so Gott-artig hoch über den Menschen und ihrer Geschichte  stehen kann, wie es Harari – trotz hier und da eingestreuter Zweifel – nassforsch suggeriert. In diesem grundsätzlichen Punkt bleibt man bis zur letzten Seite skeptisch. Was das Vergnügen an dem Buch ein bisschen eintrübt.

Arno Orzessek, kulturradio

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