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Roman - Arundhati Roy: “Das Ministerium des äußersten Glücks“

Bewertung:

Die indische Schriftstellein Arundhati Roy veröffentlicht zehn Jahre nach erscheinen ihres ersten Erfolges mit "Das Ministerium des äußersten Glücks" ihren zweiten Roman.

Es ist zwanzig Jahre her, dass Arundhati Roy mit ihrem exotischen Debütroman “Der Gott der kleinen Dinge“ 1997 die literarische Welt im Sturm nahm, auf Anhieb den Booker-Preis gewann und es zu internationaler Berühmtheit und auf eine globale Gesamtauflage von acht Millionen Exemplaren brachte. Nun legt sie ihren zweiten Roman vor, “Das Ministerium des äußersten Glücks“, an dem sie zehn Jahre gearbeitet hat. Die lange Inkubationszeit ist dem Roman deutlich anzumerken. Man erkennt beim Lesen, wie sehr sich das Erzählinteresse der Autorin im Laufe der Zeit verschoben hat. Im Grunde zerfällt das Werk in zwei Romane mit ganz unterschiedlichen Themen, Milieus, Schauplätzen und Figuren, die am Ende nur unter Einsatz märchenhafter Erzählmittel und mithilfe der entschlossenen Gutgläubigkeit des Lesers zu einem narrativen Ganzen verknüpft werden können.

Roy als politische und soziale Aktivistin

In den zwei Jahrzehnten seit der Veröffentlichung ihres Debütromans hat sich Arundhati Roy vor allem als Globalisierungskritikerin profiliert und ist als politische und soziale Aktivistin zur wichtigsten Proteststimme gegen die gewaltsame Modernisierungspolitik Indiens geworden – eine Politik, die im Namen des Fortschritts hunderte Millionen Inder in Armut zurücklässt und Bauern und Ureinwohner zugunsten von Staudamm-Projekten oder Kohle- und Erzabbau von ihrem angestammten Land vertreibt.

Roy ist die publizistische Anwältin der Unterdrückten, Machtlosen, Abgehängten und Ausgesonderten. In ihren Essays polemisiert sie gegen altes und neues Unrecht gleichermaßen, gegen Rassismus und das Kasten-System, wie auch gegen den fanatischen Hindu-Nationalismus mit seinen Menschenrechtsverstößen und seiner aggressiven Politik zur Unterdrückung religiöser, ethnischer und sozialer Minderheiten. Ob Giftgas-Katastrophe von Bhopal, anti-muslimische Massaker in Gujarat oder der brutal unterdrückte Unabhängigkeitskampf der Separatisten in Kaschmir – Arundhati Roy engagiert sich immer auf Seiten der Opfer, auf Seiten aller “Ungetrösteten“, denen sie auch ihren neuen Roman gewidmet hat.

Der Roman als heterogenes Patchwork

All diese Protestanliegen, für die sie sich eingesetzt, und alle Kampagnen, die sie geführt hat, will sie nun auch im Roman unterbringen und irgendwie in die Handlung integrieren. “Das Ministerium des äußersten Glücks“ möchte ein literarisches und journalistisches Gesamtpanorama Indiens mit all seinen Aufständen und gewaltsamen Umbrüchen der letzten dreißig Jahre bieten. Das gelingt unterschiedlich gut. Der Roman wirkt stellenweise wie ein Zwitter aus literarischer Fiktion (mit allerlei poetischen Ausflügen ins Phantastische und Surreale) und investigativer journalistischer Fakten-Recherche, dokumentiert in Amts- und Medienberichten, polizeilichen Verhörprotokollen, Zeugenaussagen und Folterberichten von Opfern und dergleichen mehr.

Was vorliegt, ist also ein recht heterogenes Patchwork aus Imagination, aus farbiger, metapherngesättigter Erzählkunst sowie literarisch weitgehend unbearbeiteten Materialien, wie direkt den Protest-Dossiers aus Roys Archiv entnommen. Roy, die magische Erzählerin, und Roy, die Erklärerin, politische Kommentatorin und Polemikerin, kommen einander ständig in die Quere.

Der erste Teil mangels Dynamik ein Fehlstart

Im Mittelpunkt des ersten Romans steht ein Hermaphrodit, die Transgender-Frau Anjum, die in der pittoresken Altstadt von Delhi lebt, sich einer Kommune von gender-unbestimmten so genannten “Hijras“ anschließt, ein Findelkind adoptiert, ein Pogrom in Gujarat 2002 nur knapp überlebt und sich im Schock auf einen verwahrlosten Friedhof in Delhi zurückzieht. Über den Gräbern baut sie eine Wohnstätte, eine Art Hospiz oder Schutzort für Mensch und Tier, wo sie Parias aller Art – Streunern, Obdachlosen, Aussteigern, Unberührbaren und Kastenlosen – Zuflucht und Asyl bietet. Diese Freistatt imaginiert die Autorin als Republik der Verlorenen, als exzentrische, friedliche und märchenhaft liebevolle Gegenwelt zum brutalen realen Indien von heute, als eine Art “Spalt in der Tür, den die angeschlagenen Engel auf dem Friedhof offenhielten“.

Dieser phantastische und reizvoll imaginierte Anjum-Roman wirkt leider mangels Dynamik und Plot wie ein Fehlstart und scheint bereits nach etwas mehr als 100 Seiten vorläufig auserzählt. Es folgt ein Neustart mit anderem Personal, anderem Schauplatz und anderer Thematik. Die neue Romanheldin heißt Tilottama, genannt Tilo, eine Architektin und Aktivistin aus dem südindischen Kerala, ein feuriger Freigeist und wilder Lockenkopf, nicht unähnlich ihrer Autorin Arundhati Roy. Drei Männer, ihre Freunde aus Studententagen, sind in Tilo verliebt. Einem von ihnen, dem militanten Freiheitskämpfer Musa, folgt Tilo nach Kaschmir. Dort erlebt sie aus nächster Nähe die Gewaltexzesse der indischen Besatzungsmacht, die mit Folter, Mord und Terror die Separatisten bekämpft und die Bevölkerung unter Druck setzt. Mit knapper Not wird sie von ihren anderen beiden Freunden gerettet.

Flaches Figuren-Ensemble im zweiten Teil

Der Gujarat-Schock, den Anjum erlebte, spiegelt sich im Kaschmir-Schock Tilos. Auch Tilo fällt in der Folge aus ihrem Leben, adoptiert gleichfalls ein Findelkind und driftet zu guter Letzt in die Friedhof-Freistätte Anjums, wo auch sie Ruhe findet und weiterlebt, wenn sie nicht gestorben ist – wie im Märchen.

Der Tilo-Roman ist dreimal umfangreicher als der Anjum-Roman, kommt jedoch mit seinem flachen Figuren-Ensemble und seinem Fokus auf medienbekannten politischen Vorgängen vergleichsweise konventionell daher und führt in seinem Erzählfluss auch das meiste unbearbeitete Faktengeröll mit sich. Auch dem Tilo-Roman fehlt es trotz seiner erklärungssüchtigen Mitteilsamkeit letztlich an einem weiterführenden und entwicklungsfähigen Plot. Die Handlung verläppert, wichtige Figuren verschwinden auf Nimmerwiedersehen aus dem Roman, die empörte Polemik der Autorin angesichts der indischen Missstände überlagert und blockiert die literarische Erfindung. Die Fiktion wird als bloße Verkleidung der politischen Kritik erkennbar.

So erweist sich “Das Ministerium des äußersten Glücks“ als dem Ehrgeiz seiner Autorin letztlich nicht gewachsen. In seiner Ambivalenz und Widersprüchlichkeit bietet der Roman nur ein Abbild, kein Inbild der chaotischen Unstimmigkeiten im heutigen Indien. Arundhati Roys subversive Energie, ihre feurige Parteinahme für alle, die auf der Strecke geblieben sind, ihre brennende Liebe zu Indiens Außenseitern ehrt sie als kämpferische Person mehr als es ihrem Roman guttut.

Sigrid Löffler, kulturradio

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