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Dystopischer Roman - George Orwell: "1984"

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Als der todkranke George Orwell 1948 die Vision eines totalitären Überwachungsstaates entwarf, verdrehte er einfach die Jahreszahlen und verlegte den Schrecken der nahen Zukunft ins Jahr “1984“. Das Jahr ist längst Geschichte. Doch der Roman hat scheinbar nichts von seiner Dringlichkeit verloren.

Immer wieder erlebt Orwells dystopischer Roman ein Comeback. Nachdem Donald Trump zum US-Präsidenten gewählt wurde, stand “1984“ erneut auf Platz eins der amerikanischen Bestsellerliste.

Grund für das Revival in den USA ist aber wohl kaum, dass die Leser Trump als die Verkörperung des “Großen Bruders“ sehen, sondern liegt eher in dem von Trump gepflegten Umgang mit der Wahrheit, der dem Roman seine Aktualität verschafft: alles, was Trump nicht passt, sind Lügen, alle kritischen Medienberichte sind “Fake News“.

Im Gegensatz zu Trump, der sich gern selbst inszeniert und sich permanent vor den Kameras selbst lobt, ist der “Große Bruder“ wahrscheinlich nur eine erfundene Propaganda-Figur: sein Konterfei ist zwar allgegenwärtig, und in der von Bildschirmen überwachten Welt wird den Untertanen immer wieder eingehämmert: Big Brother is watching you / Der Große Bruder sieht Dich! Doch niemand hat ihn je gesehen, seine Macht beruht einzig auf der Angst der Untertanen, von der “Gedankenpolizei“ verhaftet, gefoltert und getötet zu werden, wenn man am „Großen Bruder“ und den Verheissungen des Staates und dem Umgang mit der Wahrheit und den Fakten zu zweifeln beginnt.

Noch begnügt sich Trump damit, offensichtliche Lügen als “alternative Fakten“ zu verkaufen, aber wer weiß, vielleicht gibt er demnächst auch - wie der “Große Bruder“ -die Parolen aus: “Krieg ist Frieden“, “Freiheit ist Sklaverei“, “Unwissenheit ist Stärke“. Diese Parolen schmücken die Fassade vom “Ministerium für Wahrheit“, in dem Winston Smith, die Hauptfigur des Romans, seine tägliche Arbeit verrichtet.

Von Lügen der Gegenwart zu ewig gültigen Wahrheiten

Winston Smith muss dort die Lügen der Gegenwart zu ewig gültigen Wahrheiten umfunktionieren: Wenn die Partei eine neue politische Losung herausbringt oder neue Produktionszahlen beschließt, muss Winston Smith dafür sorgen, dass alle alten Losungen und alle alten Produktionsvorgaben nie existiert haben: denn die Partei hat immer Recht.

Wenn ein prominentes Parteimitglied als Verräter verhaftet und erschossen wird, dann muss Winston Smith dafür sorgen, dass diese Personen nie existiert haben, er muss in die Archive steigen, die alten Zeitungsartikel umschreiben und neue Ausgaben der Zeitung drucken lassen, in denen alle Hinweise auf die liquidierten Menschen fehlen.
Die Welt besteht nur noch aus drei großen Staaten, Ozeanien, Eurasien und Ostasien: diese drei Blöcke befinden sich permanent miteinander Krieg, doch niemand weiß, ob diese drei Blöcke wirklich existieren und ob der Krieg wirklich stattfindet und die Partei vielleicht nur gelegentlich Bomben und Raketen auf die Bevölkerung regnen lässt, um sie in Angst und Schrecken zu halten, um ihren Hass auf den eingebildeten Gegner zu schüren, ihre Leidensfähigkeit zu steigern - und die Macht der Partei zu sichern. Wenn der “Große Bruder“ nun erklärt, Ozeanien befinde sich ab sofort nicht mehr mit Eurasien, sondern mit Ostasien im Krieg, dann hat es nie einen anderen Krieg gegeben. Winston Smith erledigt gewissenhaft seinen Dienst als “Geschichtsklitterer“, aber er hat ein Problem: Er kann die Wahrheit nicht vergessen, er begeht Gedankenverrat, sucht Gleichgesinnte, obwohl er weiß, dass er damit sein Todesurteil bereits unterschrieben hat.

Der Weg zum "Doppeldenk"

Er kann nicht anders, sein Gewissen plagt ihn, er fühlt sich schuldig am Tod anderer Menschen, er möchte ein Mensch sein und kein Parteisoldat, er hat Lust auf Liebe und will Sex nicht nur - wie von der Partei gefordert - als Mittel der Fortpflanzung sehen. Er schreibt seine verbotenen Gedanken in ein Tagebuch, trifft sich heimlich mit Julia, einer jungen Frau, zum ausgelassenen Schäferstündchen, er nimmt Kontakt zu O´Brien auf, einem vermeintlichen Mitverschwörer (der sich natürlich als Mitglied der Gedankenpolizei erweist, ihn verhaftet, foltert und umerzieht).

Die Partei und die Gedankenpolizei haben ihn noch nicht völlig unter Kontrolle, Smith beherrscht noch nicht das “Doppeldenk“, für ihn ist 2 plus 2 immer noch 4 und nicht 5, wie von der Partei gefordert, doch das wird sich bald ändern: Denn im “Ministerium für Liebe“, in dem Abweichler drangsaliert werden, wird er in “Zimmer 101“ mit dem für ihn Allerschlimmsten konfrontiert (mit hungrigen Ratten, die ihm nur allzu gern das Gesicht zerfressen würden). Smith verrät alles, sich selbst und seine Liebe zu Julia, wenn O´Brien ihm vier Finger zeigt, wird er fünf sehen, wenn er an den “Großen Bruder“ denkt, wird er ihn nicht mehr hassen, sondern lieben, und er wird die Kugel, mit der ihn die Gedankenpolizei liquidieren wird, nicht fürchten, sondern freudig erwarten.

Das Nachwort von Daniel Kehlmann

Das Nachwort zur deutschen Neuausgabe des Buches hat Bestsellerautor Daniel Kehlmann verfasst. Kehlmann hält den Roman zwar für “kein makelloses Meisterwerk“, dafür würden die „didaktischen Intentionen zu deutlich zutage“ liegen, aber “1984“ ist für ihn doch, weil es so eine große Wirkung entfaltet, das vielleicht wichtigste dystopische Schreckensbuch des 20. Jahrhunderts. Der “Große Bruder“, die Propaganda-Slogans, das tägliche Ritual vom “Zwei-Minuten-Hass“:  das habe sich alles tief ins kollektive Bewusstsein der Menschen eingegraben; die verfallenden Häuser, die rußige Luft, das scheußliche Essen, die permanente Überwachung und die Berieselung mit Propaganda, die ständige Furcht vor Verhaftung: all das ist für Kehlmann ein “Alptraum von buchstäblich unvergesslicher Intensität“. Winston Smith zeige, wie wichtig es ist, auf der Wahrheit zu bestehen und nein zu sagen, wenn Lügen als “alternative Fakten“ aufgetischt werden. Der Roman ist für Kehlmann eine “geistige Waffe" und eine “sich selbst verhindernde Prophezeiung“, denn er leiste einen großen Beitrag dazu, zu verhindern, dass das, was er beschreibt, über uns kommen kann. Hoffentlich hat Kehlmann da wirklich recht.

Frank Dietschreit, kulturradio

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