Hanne Ørstavik: Liebe © Karl Rauch Verlag
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Roman - Hanne Ørstavik: "Liebe"

Bewertung:

Schon vor 20 Jahren schrieb Hanne Ørstavik "Kjærlighet". Jetzt ist die Geschichte um die alleinerziehende Mutter Vibeke und ihrem (fast) 9-jährigen Sohn Jon auf Deutsch erschienen.

Eine alleinerziehende Mutter um die 30 und ihr neunjähriger Sohn: Eine selbstverständliche Liebesbeziehung und eine Geschichte vollständiger Entfremdung. Die beiden sind in eine nordnorwegische Kleinstadt gezogen. Hier arbeitet die Mutter als Kulturreferentin. Sie ist eine passionierte Leserin, sie sehnt sich nach einem Mann, nach Anerkennung und Geborgen­heit, - nach Liebe. Mit dem Sohn spricht sie nicht viel. Er wird am nächsten Tag seinen neun­ten Geburtstag feiern. Und er stellt sich vor, wie seine Mutter diesen Tag vorbereitet, wie sie Kuchen backt. Er will sie nicht stören, deswegen verlässt er am Abend heimlich die Woh­nung. Aber die Mutter hat anderes im Sinn, sie denkt, das Kind sei schon im Bett und geht ihrer Wege.

Die 1969 geborene Autorin erzählt von den nächtlichen Bewegungen der Frau, die einen  Schau­steller kennenlernt und des Jungen,  der schließlich im Auto einer fremden Frau sitzt. Wir verfolgen die Beiden durch eine eiskalte Winternacht. Es gibt keine Nähe, keine Für­sorge, keine Sprache, die die Menschen miteinander teilen. Alle Personen in dieser Nachtge­schichte sind einsam. Und das Wort Liebe wird nie ausgesprochen.

Eindrucksvoll

Die Autorin erzählt in einer minimalistischen, distanzierten Sprache. Sie zielt nicht auf das Mitgefühl, das Mitleiden des Lesers und der Leserin. Es geht hier nicht um Verwahrlosung oder mütterliche Kälte, vielmehr um das Aneinandervorbeileben und –fühlen von zwei Men­schen, die sich nahe und zugleich fremd sind. Dass der eine zu klein, die andere zu jung ist für die Trostlosigkeit ihrer Empfindungen, das ist das Hauptmotiv dieses eindrucksvollen Ro­mans, der mit 20 jähriger Verspätung ins Deutsche übersetzt wurde.

Das Ende bleibt offen. Die Katastrophe oder die neu gewonnene Freiheit der Zuneigung und Fürsorge: Beides ist möglich.

Manuela Reichart, kulturradio

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