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Zum Wiederlesen empfohlen - Joanne K. Rowling: "Harry Potter und der Stein der Weisen"

Bewertung:

Nur 500 Exemplare betrug die Erstauflage eines Buches, das Geschichte schreiben und seine Autorin zur erfolgreichsten lebenden Schriftstellerin und zu einer der reichsten Frauen der Welt machen sollte.

Als im Sommer 1997 “Harry Potter und der Stein der Weisen“ in Großbritannien erschien, kannte niemand Joanne K. Rowling, und niemand konnte sich vorstellen, dass dieser Roman Auftakt zu einer siebenteiligen Saga über einen Zauberlehrling werden würde, deren Gesamtauflage heute bei weltweit 500 Millionen Exemplaren liegt. Viele Leser, die mit Harry Potter aufgewachsen sind, wünschen sich sehnlichst, dass die vor 20 Jahren begonnene Erfolgsgeschichte niemals enden möge. Sogar die von Joanne K. Rowling in einem Autoren-Kollektiv als Bühnen-Version verfasste Fortsetzung “Harry Potter und das verwunschene Kind“ haben sie klaglos geschluckt.

Erlernen von Zauberei und demokratischem Widerstand

In wenigen Tagen werden in Berlin und Brandenburg die Ferien zu Ende gehen, ebenso wie in Hogwarts, der Zauberschule, die immer am 1. September ein neues Schuljahr einläutet. Immer wieder, sieben Jahre lang, fahren Harry und seine Zaubermitschüler am 1. September in London von Gleis 9 3/4 mit der Dampflock ab Richtung Hogwarts, immer wieder haben sie - im Gegensatz zu den meisten Schülern in der realen Welt - Lust auf ihre Schule. Sie freuen sich darauf, etwas fürs Leben zu lernen - so sinnvolle Dinge wie das Zubereiten von magischen Getränken, das unfallfreie Fliegen mit dem Zauber-Besen, zu unterscheiden, was gut und richtig ist und was schlecht böse.
Sie lernen den Wert von Freundschaft und Vertrauen und erkennen, dass man für seine Werte einstehen und sie verteidigen muss, dass man z. B. Rassisten, die alle nicht "reinrassigen“ Zauberer ausgrenzen wollen,  in die Schranken weisen muss; sie lernen, dass es neben der realen Welt auch andere Möglichkeiten des Denkens, Fühlens gibt, dass diese Fantasiewelt aber per se nicht besser ist, sondern dass das Andere und Bessere jeden Tag wieder aufs Neue erdacht und erkämpft werden muss: denn das Böse ist immer und überall, versteckt sich in vielen Verkleidungen. Und wenn der schwer verletzte Lord Voldemort mithilfe des Steins der Weisen wieder zu neuem Leben erwachen und die Welt in einer dunkle, faschistische Diktatur verwandeln will, dann muss man alles, was man über Zauberei und demokratischen Widerstand gerade in der Schule gelernt hat, auch anwenden können!

Potter-Mania als spannendes, literarisches Phänomen

Auch als Literaturkritiker sollte man über den Tellerrand schauen und die neuesten Trends der Kulturindustrie zur Kenntnis nehmen: und die Potter-Mania, die explosionsartig die Welt überrollte und Leser jeden Alters ansprach, war ein ungemein spannendes neues Phänomen. Dass eine bisher völlig unbekannte Autorin und eine in ziemlich erbärmlichen sozialen Verhältnissen lebende allein erziehende Mutter in der Lage war, literarische Grenzen und Genres aufzusprengen und eine Geschichte fabulierte, bei der reale digitale Welten und analoge magische Möglichkeiten miteinander verschmelzen, bei der Leselust und Charakterbildung, Spannung und Humor, neckische Unterhaltung und literarische Unterweisung Hand in Hand gehen: das hat auch mich sofort gepackt. Überdies waren meine beiden Kinder von Harry Potters Suche nach dem Stein der Weisen hingerissen und geradezu süchtig nach weiteren Abenteuern, die Bücher und später die Hörbücher wurden zu ständigen Begleitern und zum festen Bestandteil ihrer literarischen Sozialisation und zum moralischen Kompass in einer unübersichtlichen und widersprüchlichen Welt: keine ganz geringe Leistung von Literatur!

Dank Vielschichtigkeit und ausgeklüglter Charaktere noch immer lesenswert

Jetzt, beim Wiederlesen nach 20 Jahren, war ich erstaunt, dass mich die Geschichte, die ich doch so gut zu kennen glaubte, noch einmal ganz neu gepackt hat, dass dieser erste Band viel witziger und in seiner literarischen Konstruktion viel weitsichtiger ist, als ich es in Erinnerung hatte. Die sieben Bände der Saga werden von Mal zu Mal immer düsterer und mörderischer, Werwölfe und Todesser gehen um, Lord Voldemort gewinnt immer mehr an Kraft und Zulauf, die Zukunft der - realen und magischen - Welt hängt an einem seidenen Faden - das ist eigentlich - spätestens ab Band 3 oder 4 - keine Lektüre für Kinder.

Doch hier, im ersten Band, ist alles noch neu und verspielt, frisch und von fast kindlicher Naivität, mit staunenden Augen stolpert Harry durch die ihm gänzlich neue Welt der Zauberei. Alles erlebt er - und wir Leser - zum ersten Mal: das erste Mal Abfahrt von Gleis 9 3/4, das erste Mal kichernde Süßigkeiten mit seltsamem Geschmack, das erste Mal Hantieren mit dem Zauberstab, das erste Mal Reiten auf dem Zauberbesen und Quidditch spielen, das erste Mal mit tumben Trollen kämpfen, das erste Mal mit allerbesten Freunden (mit Ron und Hermine) durch dick und dünn gehen, das erste Mal lernen, dass nichts so ist, wie es scheint, z.B., dass der eine Professor zwar ein garstiger Grantler, aber auch ein liebender Lebensretter sein kann, dass ein anderer Professor nett und verwirrt daherkommt und dann doch vom puren Bösen besessen ist.

Im Gegensatz zu den späteren Bänden, die viel umfangreicher und ausufernder sind, gelingt es hier der Autorin auf knappstem Raum, uns auf humorvolle Weise mit allen Handlungssträngen und Romanfiguren bekannt zu machen und uns augenzwinkernd in die - quasi nur einen Schritt entfernte und nur ein paar Meter um die Ecke liegende - Welt der Magier und Hexen mitzunehmen.

Ich war überrascht, wie viele versteckte Hinweise auf spätere Ereignisse sich bereits im ersten Band befinden - das merkt man erst vom Ende her und wenn man alle Bände und die ganze Geschichte kennt. Joanne K. Rowling muss die ganze Story, die über mehrere tausend Seiten und viele Jahre geht, in der Motive und Figuren auftauchen und wieder verschwinden und in der viele Themen miteinander auf komplizierte Weise verbunden sind, bereits im Kopf gehabt haben. In unscheinbaren Nebenbemerkungen deutet Rowling an, dass Harry nicht nur ein naiver unschuldiger Junge ist, sondern auch höllische Abgründe in ihm lauern und er auf vertrackte Weise mit Lord Voldemort verbunden ist. Beim neuerlichen Lesen wird viel klarer, wie wichtig und kompliziert Harrys Sehnsucht nach den abwesenden, getöteten Eltern noch werden wird; dass Harrys spießige Tante Petunia auch ein paar magische Geheimnisse hat; und dass mit den spannenden Abenteuern immer auch große Fragen - z. B. nach dem Sinn des Daseins und der Suche nach dem ewigen Leben - verhandelt werden. Auch kann man, wenn man zwischen den Zeilen liest, schon jetzt erahnen, dass Ron und Hermine, die sich im ersten Band so beherzt angiften, einmal ein Paar werden, und dass Harry sich später einmal in Ginny Weasley verlieben wird, Rons kleine Schwester, die noch gar nicht Schülerin in Hogwarts ist, Harry aber bereits von Ferne mit leuchtenden Augen beobachtet und beim Anblick des Zauberlehrlings heftig ins Stottern gerät.

Frank Dietschreit, kulturradio

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