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Die Biografie einer Stadt - Lutz C. Kleveman: "Lemberg. Die vergessene Mitte Europas"

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Kleveman führt durch die in Vergessenheit geratene Geschichte der Stadt Lemberg, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts in ihrer Kultur, ihrem Glanz und Treiben Städten wie Wien oder Berlin in nichts nachstand.

Wer dieses Buch in die Hand nimmt, kommt nicht umhin, sich den Weg der Stadt Lemberg durch die Geschichte zu vergegenwärtigen. Ursprünglich habsburgisch, dann nach dem Ersten Weltkrieg polnisch, dann, nach dem Hitler-Stalinpakt und Hitlers Überfall auf Polen sowjetisch-ukrainisch, dann deutsch besetzt, dann ab 1944 wieder sowjetisch und ab 1991 schließlich Teil der neu entstandenen Ukraine. Und alle diese Phasen und Epochen hat der Autor Kleveman im Visier, wenn er dieses Lemberg erläuft, erwandert, erliest und uns die Eindrücke schildert, die er von dieser eigentlich mitteleuropäischen Stadt hat, die nur in unserem Bewusstsein nach Osten gerutscht ist. Übrigens zeigt uns das Buch Lemberg auch als eine Stadt, die in der Moderne des beginnenden 20. Jahrhunderts in Kunst und Wissenschaft etwa Wien oder Berlin in nichts nachstand.

Einst friedliches Zuhause für Polen, Juden, Ukrainer, Russen und Deutsche

Lemberg, schreibt Kleveman, galt als das Jerusalem Europas, wo Polen, Juden, Ukrainer, Russen und Deutsche zusammenlebten. Noch in den 1930er Jahren des 20. Jahrhunderts sei Lemberg eine kosmopolitische, lebensfrohe Stadt gewesen, bevor sie durch Nationalismus, Pogrome und Vertreibungen ihr inneres Gesicht verlor. Lemberg sei auch die Stadt der Gegensätze, sei die Stadt der Schriftsteller Joseph Roth oder  Bruno Schulz gewesen wie auch Stadt sowjetischer und nazideutscher Massenmorde. Der Autor will mit diesem Buch sprichwörtlich ausgraben, was uns an Wissen über diesen Winkel Europas vielleicht verlorengegangen ist. Kleveman schreibt, wer den heutigen Konflikt in der Ukraine zwischen Ostukraine und Westukraine verstehen will, muss die ganze Geschichte Lembergs kennen.

Mit dem Zweiten Weltkrieg kam der Hass

Kleveman nimmt zuerst staunend zur Kenntnis, dass die alte Stadt die Verwüstungen des 20. Jahrhunderts weitgehend unbeschadet überstanden hat. Er zieht durch die Stadt über Boulevards und Plätze, besucht Bibliotheken und Kaffeehäuser und reflektiert natürlich über die orangene Revolution und den Maydan, aber auch über die Naziherrschaft und die Rolle der ukrainischen Nationalisten wie Petljura oder Stepan Bandera. Dann betrachtet er wieder die Oberfläche der Stadt, ihr Jugend-Stil-Dekor, die barocken Fassaden – und findet heraus, in Archiven, in Biografien und Gesprächen mit alten Einwohnern der Stadt, wie deren Erinnerungen an Krieg und Hass zwischen den Bevölkerungsgruppen aufeinanderprallen und dann in Flucht und Vertreibung auf bestürzende Weise auseinander treiben.

Den Ersten Weltkrieg überstand die Stadtgesellschaft Lemberg gerade noch, schreibt Kleveman, aber dann kamen zu Beginn des nächsten Weltkrieges die Massenmorde, der erste durch die Rote Armee, Juni 1941, an angeblichen oder wirklichen Feinden der Sowjetmacht, dann, nach der Besetzung durch die Deutschen, gleich im Juli der zweite Massenmord, diesmal an den Lemberger Juden, auch durch Mithilfe der ukrainischen, russischen und polnischen Bevölkerungsteile. Damit, schreibt Kleveman, war der Weltläufigkeit der Stadt Lemberg der Garaus gemacht. Unmittelbar nach dem Krieg siedelte die Sowjetunion die meisten Polen dann ins ehemals deutsche Schlesien um. Nach dem Krieg waren schließlich 90 Prozent der gesamten alten Einwohnerschaft Lembergs verschwunden, ermordet, vertrieben.

Kritik an heutiger Erinnerungskultur

An der heutigen Erinnerungskultur in Lemberg nimmt Kleveman Anstoß. Nur wenn es in den politischen Kontext passe, gebe es Erinnerungen an die Vergangenheit, schreibt er. Ihm stößt auf, dass es zwar viele Denkmale für ukrainischen Nationalisten gibt, die an der Seite der Nazis Verbrechen verübten – aber so gut wie nirgends einen Hinweis auf die antijüdischen Pogrome oder die Nazi-Lager.

Ihm graut aber auch vor dem Gedanken, Lemberg könne es so ergehen wie Krakau oder Prag – Städte in Ost-Mittel-Europa mit Party- und Besäufnis-Tourismus. Kleveman zeigt uns, wie spannend mittel-osteuropäische Geschichte sein kann, und was wir wissen sollten. Übrigens liegt Lemberg nur anderthalb Autotage von Deutschland entfernt.

Salli Sallmann, kulturradio

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