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Roman - Michel Houellebecq: "In Schopenhauers Gegenwart"

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Zuletzt veröffentlichte der französische Bestsellerautor Michel Houellebecq den Roman "Unterwerfung" und "Gesammelte Gedichte". Heute erscheint sein neues Buch, ein kleiner Band, in dem er sich dem Philosophen Arthur Schopenhauer widmet.  

"In Schopenhauers Gegenwart" beginnt mit einem biographischen Bekenntnis. Michel Houellebecq erzählt, wie er mit Mitte zwanzig in einer Pariser Bibliothek auf Arthur Schopenhauers "Aphorismen zur Lebensweisheit" gestoßen ist. Und wie er sich nur mit einiger Mühe "Die Welt als Wille und Vorstellung" besorgen konnte – das aus seiner Sicht "wichtigste Buch der Welt" war in einer der bedeutendsten Städte Europas schwer verfügbar. Die Schopenhauer-Lektüre wurde für Houellebecq eine veritables Erweckungserlebnis.

Schopenhauer-Feierei

Im Ranking seiner geistigen Heroen schlug Schopenhauer sowohl Friedrich Nietzsche als auch Immanuel Kant und am Ende auch den Philosophen Auguste Comte, der bis dahin Houellebecqs Nr. 1 war. Das Büchlein "In Schopenhauers Gegenwart" nun verherrlicht Schopenhauer als den unbestechlichsten Denker des düsteren menschlichen Daseins.

Houellebecq zitiert teils seitenlang aus seinen (un-)heiligen Schriften, nie systematisch, immer assoziativ, mal im ehrfürchtigen Predigerton, mal im Dozenten-Duktus, immer wieder als Polemiker, der es in seiner Schopenhauer-Feierei nicht lassen kann, notorisch und großkotzig das Mittelmaß der Gegenwart zu dissen. Denn nach "1860", nach Schopenhauers Tod also, sei nichts Vergleichbares mehr nachgekommen.

Das Leben sei verachtenswert

Keinen Leser Houellebecqs wird es überraschen, dass der französische Skandal-Autor an der  Einschätzung Schopenhauers, die Welt als solche sei inakzeptabel, die Natur grausam und das Leben generell verachtenswert, seine helle Freude hat. Nicht ganz so absehbar ist Houellebecqs Auseinandersetzung mit Schopenhauers ästhetischer Theorie.

Der Franzose entnimmt den Schriften des Deutschen die Einschätzung, dass die wahren Künstler nicht so sehr Original-Genies, große Denker und rührige Intellektuelle sind – vor letzteren graut Houellebecq -, sondern vielmehr geradezu naive, passive Seher, man könnte auch sagen: Rezipienten. Sie gehen dem Wesen der Dinge, dem Lauf der Welt und den großen Zusammenhängen intuitiv-kontemplativ auf den Grund. Man hat durchaus das Gefühl, dass Houellebecq hier indirekt seine eigene Position in und gegenüber dem Kunstbetrieb der Gegenwart markiert und rechtfertigt.

Pate seines finsteren Menschenbildes

Spätestens mit dem vorliegenden Buch nötigt Houellebecq sein Publikum, in Schopenhauer den Paten seines finsteren Menschenbildes zu sehen, das wiederum die Gestaltung seiner Romane präfiguriert. Angefangen mit "Ausweitung der Kampfzone" lassen sich viele Bücher Houellebecqs quasi als Prosa-Übersetzungen Schopenhauers lesen. Nur darf man darüber nicht vergessen, dass Houellebecq viele geistige und künstlerische Helden hat.

Von Comte lässt er sich die Verachtung des modernen Individualismus' soufflieren, von dem US-amerikanischen Schriftsteller H. P. Lovecraft die Anti-Ästhetik des Ekelhaften, die ihn bereits als 16-Jährigen beeindruckt hat. Kurz: Zur Stärkung seiner reaktionären Weltverachtung und Miesepetrigkeit zapft Houellebecq viele Quellen an; Schopenhauer mag die stärkste sein, die einzige ist es nicht.

Das Breitbeinige fehlt auch hier nicht

"In Schopenhauers Gegenwart" bewegt sich zumeist in geistesgeschichtlichen Tiefen und hat fast gar nichts zu tun mit dem pointenreichen, bunten Gesellschafts- und Gegenwarts-Kommentar, als den man Houellebecqs letzten Roman "Unterwerfung" lesen kann. Seine Provokationen sind genrebedingt oft hintergründiger, seine eigene Überheblichkeit versteckt sich ein bisschen hinter der Größe der Schopenhauer-Philosophie. Aber nicht immer!

Wenn Houellebecq Schopenhauers gnadenlosen Blick auf das Fressen und Gefressenwerden in der Natur den Umweltschützern widmet, dann ist das als zynischer Witz geradezu ein Schenkelklopfer. Und die Behauptung, seit Schopenhauer sei im Geistigen nur noch Niedergang zu bemerken, kommt wie eine Pennäler-Attitüde rüber: Da ist jemand Fan eines gewichtigen Autors und haut in seiner Hingabe alles Weitere komplett in die Tonne. Das Breitbeinige fehlt Houellebecqs intellektueller Performance also auch dieses Mal nicht.

Lieber Schopenhauer im Original!

Neulingen im dunklen Kosmos Houellebecqs kann "In Schopenhauers Gegenwart" nicht zur Lektüre empfohlen werden. Dann lieber Schopenhauer im Original! Wer dagegen schon länger Anteil nimmt am Phänomen Houellebecq und es immer noch nicht satt hat, wird dank des neuen Buches zumindest einer Erkenntnis inne: Selbst ein noch so rotziger Solist unter den Reaktionären steht auf den Schultern solider Geistesgrößen.

Arno Orzessek, kulturradio

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