Peter Wawerzinek: Bin ein Schreiberling; Montage: rbb
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Biografie - Peter Wawerzinek: "Bin ein Schreiberling"

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Dieses Buch ist eine Biografie des Schreibers Peter Wawerzinek. Und zwar eine Schreib-Biografie, d. h. alle wichtigen Positionen, die den Autor zum Schreiben gebracht haben, sind aufgeführt.

Wawerzineks Kampf über die Jahrzehnte, als Verfasser von Büchern akzeptiert zu werden, wird in unterschiedlicher Weise von ihm beschrieben. Dieses Buch ist also keine Auto-Biografie, sondern es sind Berichte über Konstellationen, die zum Schreiben führten, oder in denen Schreiben durchgesetzt werden musste. Oder auch Situationen, in denen das Schreiben versiegte.

Das beginnt früh in Peter Wawerzineks Kindheit im Kinderheim. Wawerzinek stellt im Buch die Frage, was einen introvertierten Jungen dazu bringt, Liebesbriefe für die Raubeine der Klasse zu verfassen? Antwort: Er wird bezahlt, wird geachtet, nicht mehr verprügelt und einfach in Ruhe gelassen. Wir erfahren also Aufschlussreiches über Schreibmotivationen und Schreibfrustrationen des Autors Peter Wawerzinek.

Umtriebig und überall schreibfähig

Die Unterscheidung zwischen "Schreiberling" und "Schriftsteller" durchzieht dabei das gesamte Buch und wird von Wawerzinek in vielen Varianten vor- und aufgeführt. Der "Schreiberling" ist etwa der um Anerkennung kämpfende Schreiber, der sich von unten hochstemmt, und der "Schriftsteller" ist der saturierte, erhabene Schriftsteller-Schnösel, der die Geheimbündeleien des Literaturbetriebs längst für sich nutzbar gemacht hat.

Wawerzinek schreibt: "Ich bin ein Schreiberling, bin kein Fallen- oder Schriftsteller, der den Texten nachstellt wie der Jäger dem wilden Tier." Der Schreiberling ist für ihn also eine Art Handwerker, umtriebig und überall da schreibfähig, wohin man Bleistift oder Laptop mitnehmen kann. Und, ja, Wawerzineks Schreiberling ist bescheidener als der arrogante Klischee-Schriftsteller, aber mit ebenso hohem literarischen Anspruch ausgestattet.

Schreiberlinge kämpfen im Literaturbetrieb ehrlich, Schriftsteller dagegen duften für Wawerzinek nach parfümierten Manschetten, blicken blasiert und haben einen teures Auto vor der Tür.

Tiefreichende Aus- und Einblicke

Was bieten diese Rückblicke auf die Schriftsteller-/Schreiberling-Entwicklung des Peter Wawerzinek noch an? Da gibt es tiefreichende Aus- und Einblicke in ganz grundsätzliche Schreibmotivationen und Schreib-Grundregeln, etwa so: "(…) zwischen Wahn und Väterlichkeit, Ruhmsucht und Überleben ist die Balance zu halten wie zwischen allem Wollen, Möchten, Können, Dürfen."

Dann zählt Wawerzinek auch die seiner Bücher auf, die keine oder wenig Leser fanden, und er schreibt dazu, "dem besten Bauern passieren Missernten wie mir Bücher, die kaum Leser finden." Das liest sich sympathisch. Und dann lässt sich noch eine Menge über den Literaturbetrieb in diesem Land zu finden. Hier bekommen viele ihr Fett ab: Die mehr oder minder willkürlichen Vergabeszenarien zu den Unmengen deutscher Literaturpreise und -stipendien, obwohl Wawerzinek auch Stipendienaufenthalte lobt, speziell die von ihm absolvierten.

Und es gibt es Vorschläge für Verhaltensszenarien für den Klagenfurter Bachmann-Preis, der für Wawerzinek mit einem wirklichen Literatur-Wettbewerb rein gar nichts mehr zu tun hat. Viele schöne, klare harte Worte.

Woher kommt die Kraft?

Woher bezieht Wawerzinek die Energie, die Ur-Kraft für solche doch schonungslosen Selbst-Analysen? Kommt sie auch aus seiner Biografie? Offensichtlich. Die Kraft, trotz vieler Rückschläge seinem Schreiber-Lebensplan treu zu bleiben, aus dem eher abwertenden Begriff "Schreiberling" das Positive zu herauszuschnitzen, das kommt auch aus Wawerzineks Grundprägung, aus dem "ewige(n) Heimkind in mir, das ich bleibe".

Aus einer Mischung von Kindheitstrauma sowie Lebens- und Schreiberfahrungen entsteht das Originelle an Wawerzineks Prosa: Authentizität gepaart mit gekonnt ausformulierter seelischer Offenheit, mit allem Drum und Dran, mit Empathie und Selbstreflexion.

Salli Sallmann, kulturradio

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