Thomas Lehr: Schlafende Sonne © Hanser Verlag
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Roman - Thomas Lehr: "Schlafende Sonne"

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Ein Megaprojekt für Autor und Leser: Tomas Lehrs gigantischer, sperriger und genialer Jahrhundert- und Kunstroman

Man hat ja auch als Leser Rechte. Der französische Schriftsteller Daniel Pennac hat sie einmal aufgelistet, von eins bis zehn: 1. Das Recht, nicht zu lesen. 2. Das Recht, Seiten zu überspringen. 3. Das Recht, ein Buch nicht zu Ende zu lesen. Undsoweiter. Bis zu 10. Das Recht zu schweigen.

Ein Buch, das einschüchtert

Bei Thomas Lehrs neuem Roman lässt sich mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit voraussagen, dass einige Leser von diesen ersten drei Rechten Gebrauch machen werden. “Schlafende Sonne“ ist, vorsichtig formuliert, anstrengend. Um nicht zu sagen, eine Herausforderung. Man könnte auch sagen: sperrig. Abschreckend gar. Es winkt mit Bildungsgut, es hält mit seinem intellektuellen Anspruch nicht hinterm Berg, es richtet sich eindeutig an kluge, gebildete Leser, und so mancher wird sich davon vermutlich eingeschüchtert fühlen und es lieber zur Seite legen.

Kann man. Muss man aber nicht. Sollte man auch nicht. Denn entgehen werden einem dann ganz wunderbare Geschichten, Sätze, Worte, Beobachtungen. Figuren wie eine “Annabel-BWL“, die Lehr in wenigen Worten vor dem inneren Auge auferstehen lässt: “ein äußerst bürgerliches Geschöpf (Tennis, Reiten, Schrankwand, Missionarsstellung, kleiner, kesser VW). Oder eine Szene, in der zwei das erste Mal knutschen - das steht dann aber nicht dort, denn bei Thomas Lehr fangen Verliebte nicht einfach an, sich zu küssen, bei Thomas Lehr liest man dafür solche Sätze: “Zwei oder drei Mal hörten sie auf, sich zu küssen, und starrten sich betroffen an.“

Kunstvolle menschliche Skizzen

Es sind kleine, kluge, sensible Beobachtungen, die Thomas Lehrs Schreiben ausmacht, er liefert überzeugende Psychogramme in außergewöhnlicher, kunstvoller Sprache, jenseits von abgegriffenen Adjektiven und Wendungen. Seine menschlichen Skizzen auf Papier werden mit wenigen Worten zu einem ganzen Leben. Zum Beispiel, wenn es um eine Katharina geht und ihre “schneckenhaft immer weiter zurückgezogenen Berufspläne, von der Schriftstellerin zur Lektorin zur wissenschaftlichen Bibliothekarin…“ oder um eine Cara, “man kann sich vorstellen, dass sie einmal drall werden könnte, diese rundliche, fest und zufrieden in ihre Haut eingenähte Art annehmen, die manche sechzigjährig Damen an sich haben, als wären sie als energische, solid gemachte Handbälle geboren“.

Vordergründig geht es um die DDR-Künstlerin Milena Sonntag und die Eröffnung ihrer Ausstellung “Schlafende Sonne“ im Jahr 2011. Von diesem Punkt startet Lehr das gigantische Erzählen, das sich weit verzweigt, tief hineinragt in ihre Biographie, aber auch in die ihres Mannes Jonas, ihrer Mutter, ihres Professors und vielen weiteren Personen; es geht um Kunst in der DDR, Solarphysik im Nationalsozialismus, um die Philosophie Edith Steins und Edmund Husserls.

Lesetempo wie im Physikbuch

Man wird mit diesem Buch reicher, an exakten und phantasievollen Beschreibungen von Menschen und ihren Lebensläufen. Diese romanhaften, handlungsorientierten Teile fühlen sich an wie inselhafte “Wohlfühlzonen“ inmitten eines atemlosen, oft verwirrenden Erzählstroms, in dem man häufig verloren geht, unter anderem deshalb, weil Thomas Lehr kein Freund von Absätzen ist. Wenn man nicht vom 2. Recht des Lesers Gebrauch macht (Das Recht, Seiten zu überspringen), wird das Lesen dann oft zu einer fordernden “Lesearbeit“, man ackert sich durch philosophisches, historisches, ästhetisches, physikalisches Wissen, fühlt sich mitunter auch zu ungebildet, schlägt Fakten nach, blättert zurück, und erreicht ein Lesetempo wie das letzte Mal im Physikbuch in der gymnasialen Oberstufe. Vielleicht ist es dann besser, wenn man beim Lesen nicht daran denkt, dass Thomas Lehr “Schlafende Sonne“ strukturell aufgebaut hat wie eine Spiralsonne, dass er Biochemiker ist und dass er bei der Konzeption an Quantensprünge gedacht hat.

Der letzte Satz dieses Buches jedenfalls wird wohl – wie das ganze Buch selbst – unterschiedliche Emotionen hervorrufen: “Wird fortgesetzt“. Zwei weitere Teile sind geplant und schon in Arbeit. Wahnsinn. Und Genie. Ein Megaprojekt – für den Autor und die Leser.

Anne-Dore Krohn, kulturradio

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