Yvan Goll: Germaine Berton. Die rote Jungfrau; Montage: rbb
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Eine Selbstmordattentäterin im Redaktionsbüro einer Pariser Zeitung erschießt ein führendes Mitglied der rechtsradikalen Action Française und versucht sich dann selbst zu töten. So geschah es im Januar 1923.

Die junge Frau, die 21-jährige Anarchistin Germaine Berton, wurde später nach einem aufsehenerregenden, hochpolitischen und hochemotionalen Prozess freigesprochen – obwohl an der Tat und ihrer Schuld kein Zweifel bestand. Vor Gericht sagte sie aus, dass ihr die Tat nicht Leid tue. Sie bedauere nur, nicht ihr eigentliches Ziel erwischt zu haben: Léon Daudet, den lautstarken Monarchisten und Kriegshetzer, den Wortführer der Action Française.

Berton hielt ihn - wie viele andere auch – für den Auftraggeber des Mordes an dem Sozialisten Jean Jaurès. Jaurès hatte bis zu seinem Tod am 31. Juli 1914 Frankreichs Beteiligung am Weltkrieg zu verhindern versucht – und wurde posthum zum Nationalhelden. Kein Wunder also, dass bei dem Mordprozess gegen die "rote Jungfrau" Sozialisten und Surrealisten, Romantiker und Republikaner, Arbeiter und Anarchisten auf ihrer Seite standen.

Yvan Goll, der französisch-deutsche Schriftsteller, Dadaist und Pazifist, veröffentlichte seine Geschichte der Germaine Berton 1925 in dem legendären Berliner Verlag "Die Schmiede" in der Reihe "Außenseiter der Gesellschaft". Für ihn ist diese Frau eine Ikone, sie sei Hure und Heilige, schreibt er, das "schillernde, ewige Weibliche. Sie ist Lilie und Nessel."

Goll zeichnet sie als eine Jeanne d'Arc des 20. Jahrhunderts. Sein Porträt ist nicht nur das Werk eines politischen Künstlers, es ist auch ein Zeugnis dieser Zeit: im Nachklang eines katastrophalen Zivilisationsbruchs herrschten die Extreme – in der Kunst wie in der Politik.

Katharina Döbler, kulturradio

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