Colson Whitehead: "Underground Railroad"; Montage: rbb
Bild: Hanser Verlage

Roman - Colson Whitehead: "Underground Railroad"

Underground Railroad: So wurde im 19. Jahrhundert ein im Untergrund operierendes Netzwerk genannt, das schwarze Sklaven aus dem Süden der USA nach Norden in die Freiheit schleuste. Colson Whiteheads gleichnamiger Roman, der 2016 erschien und mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnet wurde, bezieht sich auf diese historische Organisation.

Dennoch sollte sein Buch nicht als historischer Roman missverstanden werden. Denn es verlässt die Ebene der historischen Tatsachen und beschreibt auch verschiedene Varianten des Rassismus, die im 19. Und 20. Jahrhundert – mehr oder weniger institutionalisiert - existierten und bis heute existieren.

Vordergründig erzählt das Buch von der Sklavin Cora, die auf einer Baumwollplantage in Georgia geboren wird. Ihre Großmutter Ajarry wurde in Afrika gefangen genommen, ihrer Mutter Mabel gelang als einer der ganz wenigen die Flucht und Cora selbst flieht schließlich auch - nachdem sie ein Kind vor der Peitsche zu schützen versuchte und selbst brutal bestraft wurde.

Ihre Fluchtroute führt durch einen unterirdischen Stollen, in dem Whitehead wider alle Realität eine richtige Eisenbahn fahren lässt, bis nach North Carolina. Dort kommt sie in einem Heim für entlaufene Sklaven unter, lernt Lesen und Schreiben und bekommt Arbeit in einem Heimatmuseum: als Darstellerin einer Sklavin. Cora flieht schließlich aus diesem zwielichtigen Heim, in dem schwarze Frauen zwangssterilisiert werden.

Realistisch ist das nicht

Nun war North Carolina bekanntlich bis zum Ende des amerikanischen Bürgerkriegs ein Sklavenhalterstaat, und staatliche Fürsorge für flüchtige Schwarze gab es dort nie. Es gab auch im frühen 19. Jahrhundert keine Fabriken mit Förderbändern, wie Whitehead sie als Arbeitsplätze der schwarzen Männer beschreibt: Was hier eigentlich abgebildet wird, ist die rassistische Eugenik des 20. Jahrhunderts.

Coras nächste Station ist ein Staat, in dem die Schwarzen ganz abgeschafft und durch arme weiße Einwanderer ersetzt werden sollen. Eine endlose Allee von Gehängten führt in die Hauptstadt und jeden Freitag kommen bei einem Volksfest mit Musik neue dazu.

Realistisch ist das nicht. Aber es ist auf erschreckende Weise wahr. Und es lässt an die hasserfüllten weißen Gesichter in Charlottesville, Virginia, im August 2017 denken. Cora gerät wieder in Gefangenschaft, ein Sklavenjäger schleppt sie durch eine apokalyptisch verbrannte Landschaft namens Tennessee. Schließlich wird sie von Männern der Underground Railroad befreit und lernt so ein afroamerikanisches Utopia kennen, eine ideale Landkommune, die schließlich von Weißen gestürmt und zerstört wird.

Ausgezeichnet gelungen

Gestützt hat sich Colson Whitehead für sein Buch auf die gesammelten und verbürgten Aussagen von Zeitzeugen, vor allem auch der ehemaligen Sklavin und „Schaffnerin“ der Underground Railroad, Harriet Tubman. Reale Figuren hat er allerdings abgewandelt - wie er auch äußere Gegebenheiten verändert hat, um rassistisch begründete Unfreiheit auf doppelte Weise begreiflich machen: Als subjektives Erleben und als Institution.

Und das ist ihm zweifellos ausgezeichnet gelungen.

Katharina Döbler, kulturradio

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