F. C. Delius: Warum Luther die Reformation versemmelt hat; Montage: rbb
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Sachbuch - F. C. Delius: "Warum Luther die Reformation versemmelt hat"

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Es geht in diesem schmalen Büchlein um nichts Geringeres als die Erbsünde. Mit der hat Luther in der Reformation nach Delius' Ansicht nicht aufgeräumt und sie aus der Kirchentheorie geworfen.

Delius schreibt, er selber stamme aus einem protestantischen Pfarrershaushalt und habe sich als Junge oft gefragt, ob das Verdikt der Sünde und Erbsünde bei seinen eigenen wenigen Verfehlungen – vielleicht etwas Onanie – nicht alles eine moralische Nummer zu groß gesehen würde. Dieser Riesenvorwurf, der ja auch noch auf der ganzen Menschheit lastet, Sünder zu sein, hätte schwer auf ihm gelegen.

Später als Schriftsteller recherchierte er und entdeckte, dass uns die Erbsündengeschichte ein Kirchenvater namens Augustinus eingebrockt hat, mit einer deutlichen Fehlinterpretation einer einzigen Bibelstelle. Dass Augustinus die Erbsünde an den Haaren herbeigezogen hätte, sei so bemerkenswert gewesen, dass Delius meinte, darüber müsse doch lauter gesprochen werden. Und nicht nur in kirchentheoretischen Schriften. Das Ergebnis liegt hier nun vor uns.

F.C. Delius zu Gast im kulturradio vom rbb; Foto: gb
Friedrich Christian Delius; © Gregor Baron

Delius schreibt, gerade weil er als Agnostiker, also von Gottes Existenz keineswegs Überzeugter, protestantisch erzogen wurde, mit theologischer Moral also, fand er, Delius, dass solche immens wichtigen Grundfragen wie Sünde und Schuld des Individuums in die Reformationsdebatte unbedingt hineingehörten. Gerade bei allen Jubelgesängen anlässlich des 500. Reformationsjubiläums.

Was ist falsch gelaufen an Augustinus' Interpretation von Paulus, fragt also Delius im Buch. Delius benennt Sünde und Erbsünde als nicht hinterfragte Essentials für beide großen christlichen Konfessionen. Grundsätzlich problematisch daran sei, so Delius, das abgebildete Menschenbild. Schon Adam, den Gott ja gerade geschaffen hat, wird sündig, und jeder, der aus ihm folgt, werde auch sündig, weil er durch Geschlechtsverkehr entstanden ist.

Delius hält das für absurd. Darüber müsse man nun aber nicht lachen, sondern denkerisch herangehen. In den theologischen Gebäuden der Kirchen herrsche demgegenüber Denkträgheit und Denkfeigheit, was gerade in einem Reformationsjubliläumsjahr eine ideale Vorlage für eine Streitschrift wie diese sei.

Vielleicht nähme keiner mehr ernst, dass die Kirchen uns alle als Sünder ansähen, aber in der kirchlichen Botschaft sei eben das Sündenthema immer noch drin und über Augustinus würde nicht diskutiert. Delius fragt, wieso eigentlich nicht. Dass die Diskussion, dass wir alle sündig seien, nicht gerade im Mainstream liege, könne nicht über die fragwürdigen grundsätzlichen Hintergründe hinwegtäuschen, zumal die Erbsündendiskussion eng mit der Frage der Macht der Kirchen über die Gesellschaft zusammenhänge.

Delius ist natürlich nicht so überheblich, Luther persönlich Vorwürfe über die nicht weit genug gegangene Reformation zu machen. Er schreibt aber, es gibt keinen Grund, auf dem Weg der Infragestellung von Kirchendogmen auch nach 500 Jahren nicht immer weiter voranzuschreiten. Der Zustand der Kirchen mache das gewissermaßen zur Pflicht des aufgeklärten Menschen, und es sei nicht nur ein theoretisches Vergnügen für einen Agnostiker, sondern auch für kluge Christen, theologisch Festsitzendes zu hinterfragen.

Natürlich kann man heutzutage derlei Abstraktes nur mit einem gelassenen heiteren Blick behandeln. Delius schreibt, er habe das Buch mit Vergnügen geschrieben, er geht darin mit Luther kumpelhaft Bier trinken und nimmt ihn dabei ins Gebet. Ein köstliches, ein kühnes, ein kluges Büchlein.

Salli Sallmann, kulturradio

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