Harald Kirschner: Credo. Kirche in der DDR; Montage: rbb
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Sachbuch - Harald Kirschner: "Credo"

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Kirche in der DDR: Harald Kirschner thematisiert in seinem Bildband vor allem die festlichen Höhepunkte beider Konfessionen der Achtzigerjahre.

Zu sehen sind traditionelle Feiern, Wallfahrten, Jubiläen, das Lutherjahr 1983, Katholikentreffen, Gemeindeleben und gelebte Ökumene. Diese Fotos sind also Dokumente eines facettenreichen religiösen Lebens in einem atheistischen und religionsfeindlichen Umfeld.

Das Titelbild z.B. zeigt eine Leidensprozession am Palmsonntag in Heiligenstadt 1981. Entsprechend gekleidete, ernst schauende Männer tragen ein überdimensionales großes Kreuz, an das Jesus geschlagen ist. Sie laufen ganz offensichtlich durch eine Straße der Stadt, an einem Gebäude vorbei, an dem mit großer Schrift der Name eines volkseigenden Betriebes zu lesen ist: Auf dem Foto direkt neben dem Kopf von Jesus steht VEB.

Unbekannter Teil der DDR-Geschichte

Religiöses Leben in der DDR, so hatte man den Eindruck, spielte sich vor allem in den Kirchenräumen und im Privaten ab. Katholische Feste und Riten aber fanden auch auf der Straße, in aller Öffentlichkeit statt. Das überrascht schon ein bisschen…

Diese Verwunderung hat vermutlich gleich mehrere Ursachen. Zum einen waren am Ende der DDR von ehedem 75 % der Ostdeutschen nur noch 25 % in der evangelischen Kirche. Bei den Katholiken war es nicht anders: von 12 % sank der Anteil auf 4 %. Da ging es um Minderheiten. Die aber überdies im medialen Leben der atheistischen DDR gar nicht vorkamen und vorkommen sollten.

Es gab keine Zeitungen, in denen die Fotos von Harald Kirschner hätten veröffentlicht werden können. Er selbst hat sie, fast wie ein Dachbodenfund, auch erst aus Anlass des Katholikentages 2016 in Leipzig wieder aus einer Kiste hervorgeholt und dort erstmals ausgestellt. Insofern kann man hier einen wenig bekannten Teil der DDR-Geschichte bildlich erleben. Szenen, die aus heutiger Sicht wie symbolisch-verdichtete Schlaglichter auf die besondere Situation der Christen in der DDR wirken.

Persönlicher Zugang

Der Fotograf Harald Kirschner war bislang einigen bekannt als Fotograf der Leipziger Lebenswelten und Chronist des Neubauviertels Leipzig-Grünau, in dem er seit 1981 lebt. Nun zeigt er sich als ein sensibler Chronist des kirchlichen Lebens in der späten DDR. Das hat sicher auch mit seinem ganz persönlichen Zugang zu tun.

Geboren 1944 im Sudetengebiet, wuchs er als Umsiedlerkind in der DDR katholisch auf, war bis zum 17. Lebensjahr Messdiener und von daher sehr vertraut mit den katholischen Riten und Feiertagen. Er studierte dann Fotografie und war viele Jahre als Aspirant und Hochschullehrer tätig. Er hat aber neben seinen vor allem sozialdokumentarischen Arbeiten immer wieder kirchliche Feste und Veranstaltungen dokumentiert.

Wenn man dies in diesem Buch nachvollzieht, staunt man über die Vielzahl solcher Ereignisse und über die Masse der Menschen. So gab es zum 750. Todestag der heiligen Elisabeth im Jahr 1981 eine Feier in Erfurt. Aus diesem Anlass waren 65.000 Katholiken auf dem Domplatz. 1987 in Dresden gab es ein ostdeutsches Katholikentreffen, zu dem in vier Tagen 120.000 Menschen kamen.

Strahlen vor Glück

Wenn man christliches Leben in der DDR bislang eher als politisches Statement wahrgenommen hat, ist hier oft eine tiefe und innige Gläubigkeit festgehalten, ein ganz besonderes Selbstbewusstsein bei diesen öffentlichen Prozessionen. Es gibt ein doppelseitiges Foto von einem Erstkommunionszug durch Weimar im Jahr 1978. Vielleicht 30 Mädchen und Jungen laufen hinter dem großen Kreuz her, mitten auf der Straße, festlich gekleidet mit Haarschmuck und großen Kerzen in der Hand. Auf den Bürgersteigen rechts und links normale Passanten, die das scheinbar gar nicht wahrnehmen, so als wäre es der Alltag. Und die Gesichter der Kinder strahlen vor Glück über diesen, ihren Tag!

Das macht dieses Buch besonders: Kirschner zeigt hier wie auf vielen anderen Bildern, dass es trotz aller Kirchenfeindlichkeit der DDR dieses öffentliche Ausleben von Glauben gegeben hat. Immer kann man die Konfliktlinien ahnen, die im Hintergrund der Bilder schweben. Man kann direkt sehen, dass Kirche und Staat wirklich zwei verschiedene Welten waren.

Danuta Görnandt, kulturradio

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