Henning Mankell: "Der Sandmaler"; Montage: rbb
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Roman - Henning Mankell: "Der Sandmaler"

Bewertung:

In seinem frühen Roman "Der Sandmaler" von 1974 verarbeitet Mankell eigene erste Eindrücke von Afrika. Das Buch ist nun erstmals auf Deutsch erschienen – lohnt die Lektüre?

Als der schwedische Autor Henning Mankell, der mit seinen Wallander-Krimis ein Millionenpublikum erreichte, am 5. Oktober 2015 mit nur 67 Jahren verstarb, war die Bestürzung groß. Hatte er doch gerade noch in seinem Internet-Tagebuch und mit seinem autobiografischen Buch "Treibsand" die Hoffnung genährt, dass er seine schwere Krebserkrankung überwunden haben könnte.

Dass Mankell noch immer viele treue Fans hat, zeigte sich, als ein Jahr nach seinem Tod sein letzter Roman, "Die schwedischen Gummistiefel", hierzulande erschien und sofort die Bestenlisten eroberte. Mit 43 Jahren Verspätung ist jetzt auch ein Frühwerk des Autors ins Deutsche übersetzt worden. Der Roman trägt den Titel "Der Sandmaler".

Aufschrei gegen Ausbeutung

Ein zorniger junger Mankell und ein politisch engagierter Schriftsteller begegnet uns da. Ein Autor, der noch nicht so recht weiß, wie er seinen aufgestauten Zorn über die Ungerechtigkeiten in der Welt und die Notwendigkeit einer Weltrevolution intellektuell zügeln und in eine literarisch wirklich zeitlos überzeugende Form bringen kann. Mankell, das spürt man in fast jeder Zeile des Romans, war damals überzeugter Kommunist und hatte starke Sympathien für Maos Kulturrevolution und Che Guevaras Befreiungskampf in den Ländern der ausgebeuteten, so genannten Dritten Welt.

1971 reiste Mankell das erste Mal nach Afrika, er war fasziniert vom Überlebenskampf der Menschen und ihrer vielfältig schillernden Kultur. Er war aber auch erschüttert über die aus Kolonialismus und Imperialismus herrührende Armut und Unterdrückung. Seinen Roman "Der Sandmaler" muss man als Aufschrei gegen Ausbeutung und als Weckruf verstehen: Dass die vom Kapitalismus geschaffenen Probleme dem Westen irgendwann auf die Füße fallen und zu erheblichen Verwerfungen führen können.

Der Roman war auch der noch etwas ungestüme Auftakt zu vielen weiteren Afrika-Romanen von Mankell, z. B. "Der Chronist der Winde", "Das Auge des Leoparden" oder "Die rote Antilope". Und er war der Auftakt für sein politisches und künstlerisches Engagement direkt vor Ort: Denn der gelernte Schauspieler Mankell lebte fortan immer einen Teil des Jahres in Mosambik und leitete in Maputo mit großem Erfolg ein Theater.

Verstörende Erlebnisse

Es ist ein politischer Bildungsroman: Denn es geht um zwei junge Menschen aus Schweden, die voller Naivität und Abenteuerlust nach Afrika reisen und dort in eine Reihe verstörender Erlebnisse verwickelt werden und Erfahrungen machen, die ihr Leben verändern werden. Stefan, ein arroganter Schnösel aus reichem Hause, und Elisabeth, ein stilles und nachdenklichen Mädchen aus eher kleinen Verhältnissen, haben gerade ihr Abitur gemacht und wissen nicht so recht, wie es weitergehen soll. Ob und was sie studieren sollen und wie ihr weiteres Leben aussehen könnte.

Die beiden hatten einmal ein kurze Affäre, sich dann aber aus den Augen verloren. Nun treffen sie sich zufällig auf dem Flughafen wieder: Beide haben einen Flug nach Afrika gebucht – und erleben nun ein paar gemeinsame Tage in einem Land, das Mankell nicht näher benennt. Es ist heiß, es ist arm, es war einmal englische Kolonie.

Während Stefan vor allem Sonne, Meer und Strand genießen, abends in der Bar abhängen und einheimische Mädchen abschleppen will, die für ein paar Dollar ihre Liebesdienste an die Touristen verkaufen, will Elisabeth Land und Leute kennenlernen. Sie streift durch die Armenviertel und über die lauten, bunten Märkte. Schließt Freundschaft mit einem kleinen Jungen, der ihr Begleiter und Beschützer wird und sie sogar in seine bescheidene Hütte einlädt. Und sie unterhält sich immer wieder mit einem Mann aus ihrer schwedischen Reisegruppe, einem Lehrer, der ihr politische Vorträge hält über das Erbe des Kolonialismus und der zu einem väterlichen Ratgeber und Wegweiser wird.

Ein kurzer Auftritt

"Der Sandmaler": das ist ein junger Afrikaner, Elisabeth trifft ihn bei einem Spaziergang am Strand. Er ritzt mit dem Stock Bilder in den Sand, z. B. ein Frauengesicht, das die Form Afrikas hat. Daneben schreibt er: "Die Zukunft ist ein sozialistisches Afrika". Oder er porträtiert mit schnellen Strichen Elisabeth und schreibt in den Sand: "Der Sozialismus rettet auch euch."

Er schenkt Elisabeth diese Sandmalereien mit den Worten, dass sie die Bilder aber leider nicht mitnehmen könne, wie die Touristen es sonst mit allen anderen Dingen machen. Der Sandmaler ist die Verkörperung des neuen afrikanischen Selbstbewusstseins, der Geist der Revolution, die vor der Tür steht und die Hotels der Touristen bald in die Luft sprengen und die Dritte Welt befreien wird.

Der Sandmaler hat nur diesen einen, kurzen Auftritt, schon ist er wieder fort – aber die immer etwas melancholische Elisabeth gewinnt durch ihn neue Lebenslust, sie weiß jetzt, dass sie ihr Leben ändern und etwas bewegen kann. Im Gegensatz zu Stefan, der nur ziellos durchs Leben treibt und von Afrika rein gar nichts begreift.

Eine literarische Zumutung

Der Roman, den über 40 Jahre lang hierzulande niemand kannte, ist kein intellektueller und literarischer Gewinn, sondern ein politisch penetrant belehrender Roman, über den die Zeiten längst hinweg gegangen sind, der einen heute – mit seiner Zeigefinger-Moral – peinlich berührt. Die Figuren sind wie mit einem groben Hammer gefertigt, klischeehafte Pappfiguren eines ideologischen Pamphlets, das sich als Roman tarnt.

In der schwedischen Reisegesellschaft ist ein Ehepaar aus Göteborg, das von Lepra und anderen Krankheiten fürchterlich entstellte Afrikaner fotografiert. Nicht um politische Aufklärungsarbeit zu leisten, sondern um sich daran zu erfreuen: Ja, wir haben es begriffen, der Kapitalismus ist morbide und pervers!

Wenn der schwedische Lehrer seine Monologe über Kolonialismus und Kapitalismus hält und die Weltrevolution heraufbeschwört, wirkt das wie aus einem dogmatischen marxistisch-leninistischen Handbuch abgeschrieben – und hat mit einem Roman rein gar nichts zu tun. Welchen Bildungsweg Stefan und Elisabeth bei ihrer Afrikareise nehmen werden, ist nach wenigen Buchseiten so klar wie Kloßbrühe.

Ich schätze Mankell und seine Lebensleistung sehr: Aber diesen literarisch grobschlächtigen und politisch grobkörnigen Roman heute zu lesen, das empfinde ich als eine politische und literarische Zumutung.

Frank Dietschreit, kulturradio

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