Lucia Berlin: "Was wirst du tun, wenn du gehst"; Montage: rbb
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Stories - Lucia Berlin: "Was wirst du tun, wenn du gehst"

Bewertung:

Lucia Berlin ist eine Meisterin der Kurzgeschichte, die von der Ein­samkeit ebenso virtuos erzählen konnte wie von den komischen Seiten verpasster Chancen und Träume.

Sie galt als das "bestgehütete literarische Geheimnis der USA". Bei uns war sie ebenso un­be­kannt wie in ihrer Heimat. Als der erste Band mit Geschichten von Lucia Berlin im letzten Jahr - in der Übersetzung von Antje Rávic Strubel - herauskam, wurde ihre Wieder­ent­deckung auch bei uns von der Kritik gefeiert. Nun gibt es den zweiten Erzäh­lungs­band dieser ungewöhnli­chen amerikanischen Autorin, die in ihren Geschichten auf überraschende, komi­sche, berührende Weise vom – meist – weiblichen Leben und Überleben erzählt.

Ein ganzes Leben auf wenigen Seiten

Geboren wird Lucia Berlin 1936 in Alaska, ihre Kindheit verbringt sie in Chile, weil ihr Vater dort Arbeit findet, sie erkrankt früh an Skoliose. Sie heiratet dreimal, hat vier Söhne, die sie alleine aufzieht, wird alkoholabhängig. Sie arbeitet als Putz­frau, Telefonistin, Aushilfslehre­rin und Krankenpflegerin. Ihre erste Geschichte veröffentlicht sie mit 24 Jahren. Danach gab es zwei Jahrzehnte lang keine Zeit fürs Schreiben. Ihr Leben bot reichlich Stoff für Li­teratur, und so findet man in diesen 13 Storys viele Spuren ihrer Biogra­fie. Da stehen schrei­bende, zu viel trinkende Frauen im Mittelpunkt, die müh­sam ihr Geld ver­dienen müssen, die die falschen Männer heiraten, die immerhin für eine Weile die richti­gen schienen.

"Bis später" heißt etwa eine eindrucksvolle Geschichte, in der eine ältere Frau bei ihrer tod­kran­ken Schwester in Mexiko City wohnt (wie es die Autorin getan hatte). Sie erinnert sich an ihre Jugend, ihre Ehe, an ihr Leben, an "Zeiten intensiven Glücks in Technicolor und Zei­ten, die elend und beängstigend waren." Auf nur wenigen Seiten entwirft die Autorin ein gan­zes Leben.

Lucia Berlin, die 2004 in Kalifornien starb, ist eine Meisterin der Kurzgeschichte, die von der Ein­samkeit ebenso virtuos erzählen konnte wie von den komischen Seiten verpasster Chancen und Träume. Die Schriftstellerin Lydia Davis, die in Amerika die vergessene Kollegin ins Be­wusstsein holte,  hat über diese Geschichten geschrieben: "sie sirren und knistern, als würde sich Stromleitungen berühren."

Manuela Reichart, kulturradio

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